Erziehung Fron der frühen Jahre

Zweijährige lernen rechnen, Dreijährige schreiben. Chinesische Eltern trimmen ihre Kleinkinder auf Hochleistung

»Sitzt gut und gerade!«, ruft die junge Frau in rosa Uniform einer Gruppe von fünf Zweijährigen und ihren Müttern zu. »Wu Yu Ying möchte ich bitten: Wenn wir die Zahl Zwanzig und die Zahl Drei aus unseren Kärtchen aufnehmen, an welcher Stelle werden wir sie bei den Perlenschnüren ablegen?« Wu Yu tut, was sie tun soll, und zählt die Perlen ab. »Bravo, spendet Beifall für Wu Yu Ying!«, ruft die Erzieherin. Vier Zweijährige und fünf Mütter klatschen, und gleich werden alle Wu Yu Yings Namen an der Ehrentafel lesen.

In dem Privatkurs für Kleinkinder und ihre Mütter in Peking lösen Zweijährige anspruchsvolle mathematische Zuordnungsprobleme im Minutentakt. Dreijährige rechnen bis in die Zehner- und Hunderterreihen, sie widmen sich diffizilen feinmotorischen Aufgaben mit Essstäbchen und an Knopflöchern, sie lesen erste Schriftzeichen, rufen im Chor englische Slogans. Sie üben unbedingte Konzentration auf gestellte Aufgaben und zügiges Arbeiten.

Dass aufmerksame Blicke der Erwachsenen auf ihnen ruhen, bringt die Kinder nicht aus dem Takt, sie bleiben bei der Sache und scheinen die Aufgaben nicht als Zumutung zu empfinden. Kein Lernen ohne Wettbewerb, scheint eine wichtige Regel zu lauten. Am Ende der Förderstunde krabbeln die Einjährigen um die Wette. Begeisterung unter den Erwachsenen. Tempo, Tempo! Wenn allerdings ein Krabbelkind vor dem Ziel ausschert, schämt sich nicht nur seine Mutter, sondern, so scheint es, auch das Kind.

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Bildung für mehr als ein Kind würde die meisten Familien überfordern

Hundertdreißig Millionen Vorschulkinder leben heute in China, kostbare Einzelkinder, auf die sich die gespannte Aufmerksamkeit ihrer Familie richtet. Kostspielige Kinder, in deren Bildung investiert wird, was immer die Erwachsenen sich leisten können: Geld für Kindergärten und für Förderkurse in frühem Alter, Mutterzeit, Großelternzeit. Wie können wir unser Kind optimieren, das kleine Kraftzentrum ganz nach vorn bringen?

In der familiären Erwartung von künftigem Aufstieg und Wohlstand in einer Gesellschaft, die neuerdings auf Wissen und Bildung setzt wie keine andere, kann die energische Pädagogik offenbar nicht früh genug ansetzen. Von Jahr zu Jahr werden höhere Anforderungen zur Norm – auch an die Eltern. Bestimmte Leistungen fürs Kind nicht zu erbringen, das wird in China bald mit Vernachlässigung gleichzusetzen sein. Auch deshalb ist die Ein-Kind-Politik in den Städten akzeptiert: Für mehrere Kinder würden die Ressourcen der meisten Familien kaum reichen.

Kindheiten in den neuen chinesischen Mittelschichten sind bis in den letzten Winkel ausgestaltet, optimiert mit immer neuen Bildungsprogrammen. Chinesische Pädagogen sehen sich in aller Welt um. Ob Hochbegabungstraining oder Montessori-Pädagogik, Ideen aus Singapur oder aus den USA, alles wird eingespeist. Das Ergebnis: Leistungskurse schon für Ein- und Zweijährige, mit rigorosem kognitivem Funktionstraining.

Privatkurse wie jener in Peking verbreiten sich in ganz China, auch in kleineren Städten. Nur wenige Eltern können es sich leisten, mehrere solcher Kurse in der Woche zu belegen. Aber die sollen ja auch Anleitung für zu Hause sein. Die Erwachsenen nehmen die Hausaufgaben ernst. Und im Zweifel bieten die Eltern-Kind-Programme im Fernsehen Hilfe an, die Chatrooms im Internet und viele neue Elternzeitschriften mit hohen Auflagen.

Auch die chinesischen Kindergärten expandieren. Noch besucht in China erst jedes dritte Vorschulkind einen Kindergarten, aber in den Großstädten schon jedes zweite. In Peking werden Kindergärten in drei Qualitätsstufen eingeteilt. Nur ein Drittel von ihnen sind heute noch Internatskindergärten, wie der von Mao Tse-tung gegründete Kindergarten »Das Goldene Pferd«. Ein wenig Freiheit hat hier Einzug gehalten: Die sechshundert Kinder tragen inzwischen unterschiedliche Frisuren statt, wie zu Maos Zeiten, einen Einheitshaarschnitt. Aber nach wie vor gibt es in den Schlafsälen keinen persönlichen Gegenstand, kein Foto, kein Kuscheltier.

So lernt ein Kind früh, disponibel zu werden, einsatzbereit, nicht an persönliche Orte gebunden. Und nach wie vor wird in den Wochenkindergärten viel geschlafen, zwölf Stunden nachts, zwei am Tag. Diese erzwungene Ruhigstellung – so müde ist kein Kind – gehört heute zu den unangenehmen Erinnerungen vieler Erwachsener an ihre Kindergartenzeit. In den meisten Kindergärten der Qualitätsstufe eins sitzen die Kinder tagsüber viel an Tischen vor didaktischem Material aus Plastik. Auf die Frage nach seinem Kindergartenbesuch entfährt dem Dolmetscher, auch er habe drei Jahre im Kindergarten »gesessen«. Eine Mutter bekennt fast trotzig, ihren Sohn sonntags im Park nur laufen und klettern zu lassen, denn das wie viele andere schon deutlich übergewichtige Kind habe »während der Woche so wenig Bewegung«.

In Imagefilmen werben Kindergärten um neue Eltern. Vor stattlichen Gebäuden präsentieren die Leiterinnen das Konzept ihrer Einrichtung. Während der Kulturrevolution sollte man im Kindergarten lernen, »wir« statt »ich« zu sagen. Heute sprechen die Leiterinnen von Selbstständigkeit, Sozialverhalten, Förderung individueller Begabungen. Mit diesen pädagogischen Begriffen knüpft man an die Anfänge der chinesischen Elementarpädagogik im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts an, als Vertreter Chinas in die USA reisten, vor allem an die Columbia University, zu dem Pädagogen und Psychologen John Dewey.

Das Vokabular der chinesischen Pädagogik ist heute modern und universell, doch im Widerspruch zur vorgeblichen Individualisierung steht ein geradezu totalitärer Fröhlichkeitszwang. Kinder erscheinen in allen Broschüren oder Veröffentlichungen nie nachdenklich oder ernst, man blickt ausnahmslos in lachende Kindergesichter, als sei ein glückliches Kind grundsätzlich ein lachendes Kind. Neuerdings soll, im Gegensatz zur traditionell strengen chinesischen Pädagogik, viel gelobt werden. Die Kinder umarmen morgens beim Appell der Reihe nach die Erzieherin.

Außerhalb dieser künstlichen pädagogischen Welten gibt es weiterhin die traditionellen Umwelten für Kinder, zwischen Alt und Jung, zwischen Werkstätten und Tieren. Da könnten die Kinder beobachten, mit welcher Materialkenntnis und welchem virtuosen Raumbewusstsein jemand eine ganze Couchgarnitur aufs Fahrrad lädt und um die Ecke transportiert. Aber solch informelles Lernen genießt unter den chinesischen Pädagogen kein Ansehen. Auf einem Kongress in Peking für dreihundert Kindergartenleiterinnen löste die Einspielung von Filmszenen aus deutschen Waldkindergärten Befremden aus. Einem einzelnen Kind zuschauen, wie es vor einer Pfütze hockt und einen Molch beobachtet? Das erinnert viele Erwachsene doch zu sehr an Kälte, Schmutz und harte Arbeit auf dem Feld. Angeleitetes Arbeiten an didaktischem Material in Primärfarben erscheint stattdessen in China als Befreiung von Körper und Geist, als pädagogische Professionalität.

Aber auch in China regt sich Kritik an der Beschleunigungspädagogik und den sterilen Kinderwelten. »Wir müssen mit den Kindern in China eine Kultur des Fragens entwickeln, anstatt die Kinder ständig nur abzufragen«, sagt der Präsident der chinesischen Erfinder-Akademie, Zhiang Kai Xun. »Kinder, die von früh an das Antwortverhalten der Prüfungen lernen, mögen später vielleicht passable Akademiker werden, aber sie werden niemals Forscher und Erfinder.« Zhiang Kai Xun ist bei den Pädagogen und Eltern beliebt, auf Tagungen übt er mit ihnen die Kunst des Fragens.

Die Fähigkeiten kleiner Kinder wurden in Deutschland unterschätzt

Kann man von China lernen? Man hat sich in Deutschland damit eingerichtet, sich pädagogisch ausschließlich für die Länder zu interessieren, die uns etwas voraushaben, seien es die skandinavischen Staaten oder die Early Excellence Centers in England. In der chinesischen Frühpädagogik wird für unseren Geschmack zu wenig Raum gelassen für eigene Gedanken, Umwege, Humor. Aber sollte man in Deutschland nicht zur Kenntnis nehmen, welche kognitiven Leistungen Kinder schon in frühen Jahren erbringen können? Haben wir nicht in den vergangenen Jahren gemerkt, dass wir den Kindern zu wenig zugetraut haben?

Die chinesischen Eltern und Pädagogen sind aufbruchsbereit. Auf die Frage nach dem Naturforschen mit Kindern hatte mir ein Pekinger Kindergarten noch vor zwei Jahren gezeigt, wie die Kinder in Zweierreihen vor eine Blumenrabatte geführt wurden: zur Naturbetrachtung der roten und gelben Tulpen, die sie nicht berühren durften. Zwei Jahre später beobachteten Erzieher mit Kindern die Ameisen, wie sie Wege zwischen Glasscheiben bahnten, die die Kinder mit Sand bestreut hatten. Die Erzieher waren jetzt fasziniert von der experimentellen Energie ihrer Kinder, und ihre Fragen zielten in die Mitte unserer europäischen Bildungsdiskurse. China sucht nicht nur in Hongkong und in Singapur nach Anregungen, man will gern auch vom alten Europa lernen. Wenn wir etwas zu sagen haben.

Die Autorin ist Kulturwissenschaftlerin und arbeitet am Deutschen Jugendinstitut in München. Ihr neuestes Buch »Weltwunder – Kinder als Naturforscher« ist bei Kunstmann erschienen.

 
Leser-Kommentare
    • iceman
    • 22.01.2006 um 6:14 Uhr

    Kulturelle Unterschiede dürfen kein Anlass sein, von einer anderen Kultur keine positiven Elemente zu übernehmen. Klar leiden die Chinesen unter einem Mangel an individueller Freiheit, aber das wird sich ändern. In China hat sich schon vieles verändert.

    WIR leiden unter einem ÜBERMASS an individueller Freiheit, verbunden mit einer hohen Ignoranz gegenüber anderen Kulturen, die in manchen Bereichen besser sind.
    Und daran ändert sich auch vorerst nichts, weil wir zu Veränderungen kaum noch fähig sind. Wir sind wie gelähmt.

    Ich würde es gerne sehen, wenn unsere Kinder in den Schulen eine Schuluniform tragen würden, und die Kinder in der Grundschule wieder aufstehen würden zum Grüßen, wenn der Lehrer die Klasse betritt.
    Etwas mehr allgemeiner Patriotismus wäre auch nicht schlecht.
    Von türkischen Migranten hört man immer häufiger, daß sie die deutsche Staatsbürgerschaft ablehnen, weil die Deutschen ein gestörtes Verhältnis zur eigenen Nation haben. Das sagt doch alles, oder?

    Frühförderung ist eine gute Sache, weil die Kinder vertraut gemacht werden mit wichtigen Wissensbereichen. Die Kinder sollten z.Bsp. im Kindergarten die einfache Notenskala erlernen, und ganz kleine Musikmelodien spielen können auf einem Instrument.
    Das förderte die Musikalität, die Kreativität, und indirekt sogar die Fähigkeit zum mathematischen Denken. Musik hat nämlich sehr viel mit Mathematik zu tun! Und lernen kann ja auch Spaß machen.
    Zur Zeit ist es so, daß die Kinder nur ein paar Handgriffe auswendig lernen, wenn sie auf dem Xylophon spielen - das ist nicht genug, weil ausschließlich manuell einstudiert wird, ohne den kleinsten theoretischen Ansatz.

    Keine Noten lesen zu können ist wie Analphabetismus, unter der wahrscheinlich 70% der Deutschen leiden. Die spätere Wissensvermittlung in der Schule wird nicht adaptiert, und schnell vergessen.
    Der Mittelstand schickt seine Kinder deshalb auf private Musikschulen. Aber was ist mit dem Rest?

    Im Kindergarten geht es nicht darum, die Kinder mit Wissen vollzustopfen, sondern darum, ihnen eine gewisse rudimentäre Lernkompetenz zu vermitteln. Da wo das geschieht, fallen auch viele Berührungsängste gegenüber den späteren Lernfächern in der Schule weg.

    Warum gehen die Erzieher mit den Kindern nicht mal in die Stadtbücherei, um Bilderbücher auszuleihen?
    Auch da würden Berührungsängste abgebaut. Viele Erwachsene haben gegenüber einer Stadtbibliothek eine ebenso hohe Hemmschwelle wie der Teufel vor dem Weihwasser. Das ist schade, und ein hoher Verlust an Lebensqualität. Kein Wunder, daß die meisten nur vor der Glotze hocken.

    Bewußtsein schaffen für andere Kulturen? Gerne!

    Die sollten im Kindergarten einfache Square-Dance-Formationen einüben, kleine arabische Gedichte auswendig lernen, und japanische Papierblumen basteln (immer mit ein bißchen Information über den kulturellen Hintergrund).

    In einer Kita-Gruppe sollte man zusammen kochen, und anschließend zusammen essen.
    Die Erzieher sollten mit den Kindern auch mal in einen örtlichen Streichelzoo gehen, oder gar in ein Tierheim, sich zwei oder drei kleine Hunde ausleihen, und damit Gassi gehen in sicherem Gelände.

    Geht aber alles nicht, weil viele Erzieher selber kein gutes Niveau haben.
    Und dann diese Sicherheitsphobien: Kinder könnten sich beim Kochen verletzen, beim Spazierengehen unter die Räder kommen, oder von einem Hund gebissen werden. Aus Sicht muslimischer Eltern sind Tiere eh unrein, und viele Deutsche halten spielerisches Lernen bereits für "Zwangspädagogik".

    Unsere Kindergärten sind Mist!
    Die haben nur vier Stunden auf, viele Ausfallstunden, die Gruppen sind zu groß und die Räumlichkeiten zu klein, die Kindergärten haben keine eigene Küche und kein eigenes Transportfahrzeug.

    Letztlich hängt es also wieder zu 90% von den Eltern ab, was aus den Kindern einmal wird. Aber viele Kinder haben kein so super-aufgeklärtes Elternhaus. Und deshalb brauchen wir uns überhaupt nicht zu wundern über die Degeneriertheit und Schwächlichkeit vieler Kinder, über die schlechten Manieren, der geringen Konzentrationsfähigkeit, den Ergebnissen der PISA-Studien, Fettleibigkeit, oder einem Mangel an Medienkompetenz oder Naturerfahrungen. Viele wachsen auf unter einer muffeligen Käseglocke. Unser System produziert massenhaft Verlierertypen, und ich möchte nicht wissen, welche fatalen Folgen DAS für die psychische Gesundheit unserer Kinder (bzw. den späteren Erwachsenen) hat.

    Zum Abbau der überall verbreiteten "Angst vor der gelben Gefahr" empfehle ich den Film "Not one less" von Zhang Yimou, der 1999 in Venedig mit dem goldenen Löwen prämiert wurde (auf dvd erhältlich).
    Ein kleines Filmkunstdrama von einem der genialsten Regisseure aller Zeiten, in dem ein 13-jähriges Mädchen aushilfsweise für mehrere Wochen eine ganze Schulklasse auf dem Land betreut.
    Da wird nämlich ein ganz anderes Bild vermittelt als das von den "chinesischen Kampfmaschinen". Der Film ist von hoher Authentizität (lauter Laiendarsteller - alle großartig!) und sozialkritisch, macht aber auch auf sehr unterhaltsame Weise klar, welch großen Stellenwert der Faktor Bildung in China hat, und zwar selbst unter den ärmlichsten Bedingungen.

  1. Ähnlich ist die Situation in Südkorea. Auch hier stehen für Kleinkinder allerhand Ausbildungsprogramme zur Verfügung, auch ist es völlig normal, dass Schulkinder früh morgens die Schule betreten und sie erst spät abends verlassen bzw. nach Schulschluss in einer privaten Paukschule bis spät in die Nacht beschult werden. Auch Sonntags herrscht in der Schule reger Verkehr, es wird kaum eine Gelegenheit ausgelassen, die Schüler in die Schulbank zu zwängen.

    Dass diese Art des Lernens irgendwie sinnvoll wäre, bezweifle ich sehr. Zwar sind die Schüler in der Lage in kürzester Zeit einen komplizierten Multiple-Choice-Bogen zu komplexeren mathematischen Problemen auszufüllen, als sie im Deutschland in der Schule behandelt werden, jedoch stehen Aufwand und Ergebnis in keinerlei Verhältnis. Auch sind die Nebeneffekte enorm. Hinzu kommt, dass wichtige Schlüsselfähigkeiten nicht erlernt werden. So haben die Schüler niemals gelernt, sich mit dem eingepaukten Inhalt selbstständig auseinanderzusetzen. So kommt es auch, dass Firmen regelmäßig klagen, ihre Angestellten seien nicht in der Lage einen einfachen Report zu verfassen. Kein Wunder - in der Schulzeit gibt es keine Aufsätze und Diskussionen, es wird allein auf den standartisierten Multiple-Choice-Vergleichstest optimiert.

    Die Schüler sind nicht durchgängig konzentriert, sondern häufig einfach nur übermüdet. Sie sind es gewohnt, trotz größtmöglicher Erschöpfung Aufmerksamkeit zu spielen, falls nötig, anderenfalls in den letzten Bänken auf den Büchern zu schlafen. Das bewahrt sie allerdings nicht davor, bis Mitternacht zu lernen und auch in den Ferien durch Sonderpaukprogramme um ihre Freizeit gebracht zu werden. Manch ein Schüler leistet stillen Widerstand und spielt die Nacht über Computer, um wenigstens dann einmal machen zu können, wonach ihm der Sinn steht. Auch der Ausweg Selbstmord ist eine Option, die von nicht wenigen wahrgenommen wird.

    Dass durch diesen Drill auf kurz oder lang ein unbändiger Lebensdrang entsteht, verwundert wohl keinen. Daher wird die Zeit auf der Universität kaum fürs Lernen, sondern fast ausschließlich fürs Ausgehen, Feiern, Flirten u. a. verwendet. Aufgrund der fehlenden sozialen Erfahrung ist das Verhalten der Studenten oft sehr pubertär. Sie holen einfach nach, was ihnen jahrelang verwehrt wurde.

    Diesen Bildungswahnsinn irgendwie zu rechtfertigen liegt mir fern. Ebenso wie in Schönheitsoperationen, der Abtreibung von weiblichen Föten und der materialistischen Ausrichtung des Soziallebens sehe ich hierin einen Ausdruck des unbändigen Strebens der Asiaten um Ruhm und Ehre für die eigene Familie. Optimierungspunkt ist nicht Lebenskomfort, sondern vergleichbare, vorzeigbare Leistung. Hinzu kommt eine gewisse Konzeptlosigkeit, die sich vor allen Dingen in der Nichtwürdigung der Notwendigkeit von Pausen und Ruhezeiten äußert. Die Erklärung hierfür sehe ich in der Tatsache, dass der Übergang von der Agrargesellschaft in die Industriegesellschaft in Korea innerhalb von nur 50 Jahren bewältigt wurde und dadurch Konzepte des Umgangs mit moderner Arbeit fehlen. Dass zur Kreation auch die Rekreation gehört, muss von dieser Gesellschaft definitiv noch gelernt werden.

    Insgesamt lässt sich sagen, dass ein gänzlich anderer Bildungsbegriff herrscht als in Europa. Leitbild der Erziehung ist nicht der kritische, selbstständig Fragen entwickelnde und forschende Intellektuelle, sondern der gelehrige Schüler, der alle Sinn- und Unsinnssprüche seines Meisters rauf und runter beten kann. Das mag für eine traditionelle Gesellschaft ein angemessenes Konzept gewesen sein, für die Gegenwart halte ich es jedoch für ungeeignet.

    • iceman
    • 21.01.2006 um 12:38 Uhr

    Es ist schon klasse, wie sich dieses Riesenreich entwickelt. Natürlich gibt es immer noch viele Defizite betreffs Demokratisierung und Umweltschutz. Aber das ist eine Frage der Zeit und der vorläufigen Prioritätensetzung.

    Die Chinesen besitzen viele positive Eigenschaften:

    * Grosses Bedürfnis nach Bildung (auch kulturell aufgeschlossen und neugierig).

    * Positiver Patriotismus und ethnische Geschlossenheit. Eine kulturelle Zersetzung im Sinne von Multi-Kulti wäre in China niemals denkbar, ähnlich wie in Japan.

    * Hohes Egalitätsbewußtsein. Trotz der vorhandenen großen Unterschiede bei den einzelnen Kantonen, Bezirken und Individuen, gibt es ein grundsätzlich starkes Verlangen nach sozialer Ausgewogenheit. Die Partizipation der einfachen Bevölkerung an den Erträgen steigt. Harmonie im Inneren ist dem Chinesen ein hoher Wert. Es gibt kein ausgeprägte Kastendenken.

    * Hohes Emanzipationsbewußtsein. Mädchen werden in ihrer Entwicklung genauso gefördert wie Jungen. Das ist wichtig, weil dadurch erst eine hohe Frauenerwerbsquote möglich wird, die wiederum eine höhere Produktivität der Volkswirtschaft nach sich zieht.

    * Hohes Selbstbewußtsein hinsichtlich der eigenen Kultur und Geschichte. Die Chinesen wissen, wer sie sind. Als eine der ältesten Hochkulturen besitzen sie ein reiches Erbe an eigenständig entwickelter Philosophie, an Alltagsweisheiten und Regeln der Staatskunst.
    Die chinesische Filmindustrie produziert in der Spitze bereits jetzt viele Filme mit dem Prädikat besonders wertvoll (positiver Kontrast zur amerikanischen Standardware).

    * Strikte Trennung von Staat und Religion.

    * Hohes Neutralitätsbewußtsein in der Außenpolitik. Die mischen sich nicht überall ein. Das wird den Chinesen oft als egoistisch ausgelegt, aber es ist vernünftig. China ist nach außen friedlich.

    China hat das Zeug dazu, sich bis in fünfzig Jahren zu einer Art Groß-Skandinavien zu entwickeln. Es gibt da eine ganze Reihe erstaunlicher Gemeinsamkeiten (nicht zuletzt den Pragmatismus).
    Besonders erfreulich ist, daß viele junge Intellektuelle ein starkes Bedürfnis nach mehr echter Demokratie haben, dieses auch öffentlich äußern.
    Sie werden die positiven Elemente unserer Kultur übernehmen, und die negativen vermeiden. Es gibt mehr Gründe China zu mögen, als Angst vor ihm zu haben. Ihre künftige Überlegenheit kann ihnen niemand zum Vorwurf machen.

    P.S. ThorstenPattberg könnte recht haben damit, daß Chinesen im Schnitt intelligenter sind. Neueste Erkenntnisse scheinen das zu belegen! Und es gibt nun mal Unterschiede zwischen den Ethnien, weil die Selektionsmuster über Jahrtausende anders verlaufen sind.

    So wie beim Körperbau:
    Ein Trainer des dänischen Leichtathletikverbandes hat vor ein paar Jahren herausgefunden, daß kenianische Jugendliche deshalb schneller laufen können als west-europäische, weil die Kenianer ein vorteilhafteres Verhältnis besitzen zwischen Länge der Beine und dem Schenkelumfang (schlanker).

    Ich vermute, die Chinesen würden ihren Kindern nicht so viel zumuten, wenn diese es nicht verkraften würden. Allerdings sind Kinder äußerst aufnahmefähig, alle Kinder, und vielleicht sollten auch wir unsere Kinder etwas früher an rationales Denken gewöhnen. Ich selbst habe das mit großem Erfolg praktiziert, indem ich mich mit meinem Sohn (jetzt gerade sechs geworden), immer unterhalten habe wie mit einem Erwachsenen, auch in Nebensätzen gesprochen habe.
    Ein kleines pädagogisches Experiment also, daß vollauf geglückt ist.
    Mehr Mut in Erziehungsfragen wäre gut (und weniger Neid auf die Chinesen).

    • DJGHH
    • 25.01.2006 um 13:22 Uhr

    To: iceman – Paar Fragen
    Waren Sie schon in China außerhalb von Shanghei oder BeiJing?
    Haben Sie schon mit den Normalos in China, wo möglich in Chinesisch gesprochen?
    Kennen Sie den Begriff „hukou“ - siehe Wikipedia – eine Art Apartheid in China?
    Haben Sie mal über die Rolle der Frau in der chinesischen Gesellschaft nachgedacht, insbesondere wie viele Mädchen schon vor der Geburt umgebracht worden sind?
    Wie viele Völker es neben der Han Volksgruppe gibt? (z.B. Zhuang, XiZang, Uiguren)
    Haben wir uns mal die Frage gestellt, wieso die Chinesen so gerne Ihr so geliebtes Land verlassen wollen?
    Haben wir die Abenteuer in Tibet und Vietnam vergessen? Unruhen und „Han-isierung“ in XinJiang?

    Auch wenn ich China liebe und der Meinung bin, dass man von China viel lernen kann/muss, insbesondere was die Ökonomie und die Politik betrifft, bin ich weit davon entfernt, das Bild zu akzeptieren, das uns von der Werbeindustrie angeboten wird. Es ist schädlich.

    DJGHH

  2. Tja, was denn?
    Vielleicht, dass die Eltern, deren Bildungsstand oder Bildungshunger, ihre Wissbegierde, ihr Ehrgeiz, ihr persönlicher Einsatz, dass all das entscheidender ist als der Ruf nach dem Staat. Würde die bundesdeutsche Erwachsenengesellschaft gierig auf Bildung sein, dann wären die Kleinen in einer anderen Lage.
    So gesehen weisen alle ZEIT-Artikel, die verstärkten Aktivismus der Bildungsprofis einfordern, vom Kindergarten bis zu den Unis, - in die falsche Richtung.

  3. Die Autorin spricht hier von "kognitiven Leistungen". Ich arbeite schon seit 8 Jahren in Asien mit Kindern. Was wir fuer wunder was kognitive Leistungen halten ist in den allermeisten faellen bloss extremes Auswendiglernen. In Mathematik lernen kinder die Antworten zu hunderten von Rechnungen auswendig und koennen desshalb auf anhieb die Antwort "genial" abrufen. Die Kinder hier haben ein viel ausgepraegteres Gedaechtnis wie europaeische Kinder mit denen ich gearbeitet habe.

  4. Bildung, Bildung. Hat China nicht die höchste Selbstmordrate unter Jugendlichen und Menschen insgesamt? Wie verhalten sich die heute Dreijährigen in zwanzig Jahren, reich durch Bildung, Mittel, Mangel an wirklichen Geisteskräften, statt nur Bildung? Soziale Effizienz also gegen menschlichen Verbrauch. Ich denke, in zwanzig Jahren fahre ich nach China und sehe mir die Missstände an, dann werden wir sehen. Diese schön, elitäre, konträre Gesellschaft von strotzenden Bildungsbestien. Talent, Intelligenz, Bildung, werden mir zu sehr durcheinander gemischt und semiotisch verbraucht.

  5. Dieser Artikel ist sehr interessant, aber auch leicht irrefuehrend, denn Chinesen lernen nicht nur besser und mehr, sie haben im Durchschnitt auch einen viel hoeheren IQ als wir Westeuropaeer. Das gilt auch fuer Chinesen, die ohne Mandarin in den USA aufwachsen. Es waere daher fatal das chinesische System des Lernens auf Deutschland anzuwenden. Unsere Kinder waeren schlichtweg ueberfordert, und auch wenn einige Hochbegabte ein solches Trainingsprogramm ueberstehen, so wuerden sie dafuer nur Neid, Hass, und Ablehnung in unserer Gesellschaft ernten, in der wir prinzipiell sogar Elite-Hochschulen ablehnen. China hat 2000 Jahre lang so heftig anhand von Intelligenz selektiert, dass in den dortigen Universitaeten, z. B. Peking University, Qinghua, Fudan so unglaubliche Leistungen erbracht werden, dass wir Deutschen uns in den besten Traeumen nicht vorstellen koennen. Das ist keine Uebertreibung, sondern eine Tatsache. Die durchschnittliche Vorlesungszeit z. B. ist 24 - 26 echten Wochenstunden, plus zahlreiche Seminare am Wochenende, plus Pflichtkursen IT, Englisch, Politik etc. In Deutschland ist so ein brutales Lernen nicht denkbar und genetisch nicht vorbereitet. Genauso wie unsere Besten niemals so schnell rennen koennen wie die besten Schwarz-Afrikaner, so koennen unsere besten Koepfe niemals so schnell denken wie die besten Chinesen. Es gibt zahlreiche Forschungsberichte ueber die Asiaten in anerkannten Science-Magazinen, ueberwiegend in Asien und natuerlich der anglophonen Welt. In Amerika und Britannien liegen die durchschnittlichen chinesischen Kinder in IQ-Tests und Schulergebnissen ausnahmelos und bestaendig weit vor den Weissen (waehrend Weisse ganz klar noch vor den Schwarzen stehen). Das faengt mit Vorschulen schon an. Natuerlich macht das keine Aussagen ueber Individuen, aber in der Masse muessen wir uns damit abfinden, dass die Asiaten einfach klueger sind. Und weil ein langsamer Geist ja keine Ahnung hat wie ein schneller Geist funktioniert (sowie der gemeine Hauptschueler ja auch keine Ahnung hat wie die Gymnasiasten soviel Stoff meistern), ist das chinesische Bildungswesen fuer die Deutschen unbegreifbar und irgendwie inhuman. Es ist uebrigens kein Geheimnis, dass internationale Mathematik und Gedaechtnis-Wettbewerbe ohne China stattfinden. Man wuerde die Harlem-Globetrotters ja auch nicht in der deutschen Basketball-Liga spielen lassen.
    Zuletzt gibt es in China Englischkurse fuer Noch-nicht-Geborene. Die schwangere Mutter liest Englisch aus einem Buch, und hoert sich mit dem Foetus zusammen englische Kassetten an. Ein Forschungsbericht aus den USA: "Es scheint zu wirken, wenn auch nur bei den Asiaten."

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