DIE ZEIT: In China werden bereits die Kleinsten auf Wettbewerb getrimmt. Ein Vorbild?

Thomas Rauschenbach: Ich glaube nicht, dass wir das asiatische Modell auf Deutschland übertragen sollten. Man kann auch nicht sagen, dass das chinesische Konzept erfolgreicher ist, da direkte Vergleichsstudien fehlen. Eines allerdings wissen wir: Prinzipiell zeigen Kinder, die in Kindergärten waren – auch in deutschen –, später bessere schulische Leistungen.

ZEIT: Wird in deutschen Kindergärten genug gelernt?

Rauschenbach: Nein. Auch wenn der Kindergarten nicht nur auf die Schule vorbereiten soll, verfügt er doch über weit mehr Potenzial, als bislang genutzt wird. Und zwar über Buchstaben und Zahlen hinaus. Kinder können dort lernen, wie man mit anderen umgeht, sich streitet und verträgt, sie können kindlichen Forscherdrang entwickeln, ihre Feinmotorik schulen. Allerdings muss im Kindergarten auch weiterhin anders gelernt werden als in der Schule.

ZEIT: Was bedeutet das konkret?

Rauschenbach: Kleine Kinder lernen nicht in Schulfächern, nicht in starren Unterrichtsformen. Sie entdecken in diesem Alter die Welt nicht geordnet und untergliedert, sie probieren etwas aus, nehmen im nachahmenden Spiel vieles nebenher und alles auf einmal auf. Entsprechend alltagsnah und ganzheitlich muss auch das Lernen sein. Und wenn zwei Kinder beim Falten eines Papierschiffchens in Streit geraten und sich dann wieder versöhnen, haben sie auch etwas gelernt.

ZEIT: Und was muss der Kindergarten lernen?

Rauschenbach: Der Kindergarten sollte gezielter auf das einzelne Kind eingehen. Für Migrantenkinder ist es wichtig, dass sie Deutsch lernen, für Einzelkinder, dass sie mit Gleichaltrigen in Kontakt kommen und teilen lernen. Wichtig sind aber auch Bewegung und Ernährung oder die musische Früherziehung, die Kindern wiederum ganz andere Sinneseindrücke beschert. Zu dieser umfassenden Bildung sollte der Kindergarten mehr beitragen – und zwar nicht nur in wenigen Vorzeigekindergärten, sondern in jedem einzelnen.

ZEIT: Welchen Einfluss haben die Rahmenlehrpläne für den Kindergarten, die die einzelnen Bundesländer entworfen haben?

Rauschenbach: Das sind erst mal Papiere, in denen Abläufe und Formen nicht starr vorgegeben, sondern altersgerechte Entwicklungsaufgaben wie die eben genannten ausformuliert werden. Auch über den Kindergarten hinweg bis ins Grundschulalter. Rahmenlehrpläne sind wie ein Kompass. Sie geben die Richtung an, schützen vor Wegen ins Abseits. Aber gehen muss man selber.

ZEIT: Wie können die Pläne umgesetzt werden?

Rauschenbach: Vier Dinge sind notwendig: Erstens muss man das vorhandene Personal schulen, diese Pläne anzuwenden. Zweitens muss sich die Philosophie dieser Rahmenpläne in der Ausbildung der künftigen Erzieherinnen niederschlagen. Drittens müssen wir die Kitas regelmäßig evaluieren, um zu schauen, was tatsächlich umgesetzt wird und was noch verbessert werden muss. Und viertens müssen die Erzieherinnen lernen, die individuelle Entwicklung jedes einzelnen Kindes zu beobachten und zu dokumentieren. Dafür müssen sie dann allerdings auch Zeit zur Vor- und Nachbereitung erhalten – wie es bei Lehrern selbstverständlich ist.