Aaron Voloj Dessauer, 19, ist Deutschlands jüngster Magister

Morgen feiert Aaron seinen 20. Geburtstag. Nicht bei der Familie in Münster, sondern auf dem Campus der Harvard-Universität. Er hat mit 16 angefangen zu studieren, mit 18 zog er in die USA. Er ist Deutschlands jüngster Magister. Geplant habe er seinen Rekord nicht, sagt er, aber: "Es gibt immer etwas, das ich noch nicht weiß. Stehen zu bleiben, fände ich schrecklich."

Am Schlaun-Gymnasium in Münster übersprang Aaron die 11. Klasse, ging freiwillig zum evangelischen Religionsunterricht: "Eigentlich bin ich jüdisch. Ich bin da hingegangen, um eine Freistunde zu überbrücken." Es ging um die großen Fragen: Moral, Verbrechen, Gerechtigkeit. Aaron las mehr als die anderen, bald reichten ihm die Stunden nicht mehr. Er hörte davon, dass Schüler an der Uni Seminare besuchen können. Er ging zuerst an drei, bald an fünf Tagen in der Woche nachmittags zur Uni. Seine Fächer: evangelische Theologie, Philosophie und Soziologie. Die Belastung wuchs. Er machte das Latinum nach, lernte Hebräisch und Altgriechisch. Physik und Mathe litten darunter. Der Schulleiter und sein Religionslehrer wussten Bescheid, den Mitschülern erzählte er nichts.

Das Klima an der Uni habe ihm gut getan, sagt er. "In den Vorlesungen konnte ich in der Masse untertauchen. Erst später, in den Hauptseminaren, reagierten die Kommilitonen zum Teil irritiert, wenn ich erzählte, wie jung ich bin." Noch vor Abi und Zwischenprüfung schrieb Aaron eine Mail an Juraprofessor Alan Dershowitz in Harvard. Dershowitz ist einer der prominentesten Professoren der USA. Nebenher arbeitet er als Anwalt und verteidigte Stars wie O. J. Simpson oder Mike Tyson. Dershowitz antwortete Aaron, sie trafen eine Abmachung: Im Herbst 2004 sollte er als Assistent bei ihm anfangen, um seine Magisterarbeit zu schreiben. Aaron besuchte im Sommer 2004 zwölf Seminare und Vorlesungen gleichzeitig, und als sein Jet in die USA abhob, hatte er alle Scheine beisammen. Seine Arbeit reichte er im Sommer 2005 in Münster ein. Thema: Moral Dilemmas: An Examination on the Horrible, the Terrible, and the Unacceptable. Note: 1,17 - sehr gut.

Jetzt will Aaron in Rechtsphilosophie promovieren. Und danach Jura studieren. Alan Dershowitz wurde 1967 mit 28 Jahren ordentlicher Professor. Aaron las das erste Mal über ihn in einer Biografie, die seiner Mutter gehörte. Dershowitz habe ihn beeindruckt, sagt Aaron: "Er hat eine gelungene Lebensleistung vollbracht, die Bedeutung hat."
Markus Flohr

Silvana Konermann, 17, gewann mehrere Forscherpreise

Als man ihr vorschlug, eine Grundschulklasse zu überspringen, lehnte Silvana Konermann noch dankend ab, weil sie ihre Freundinnen nicht verlieren wollte. Die zusätzliche Zeit nutzte die junge Schweizerin lieber für ihre anderen Interessen. Mit vier Jahren konnte sie lesen und schreiben, mit fünf kippte sie begeistert Chemikalien zusammen, um ihre Reaktion zu testen. Später übte sie das Cello- und Klavierspiel mit solcher Hingabe, dass es auch zu einer Karriere als Profimusikerin gereicht hätte. Erst im Gymnasium, als sie auch die Nachmittage in der Schule verbringen sollte, wie es üblich ist in der Schweiz, fehlte Silvana plötzlich der Raum für die vielen außerschulischen Aktivitäten. Also suchte sie sich eine neue Schule, die ihren Bedürfnissen entsprach. Jetzt besucht die 17-Jährige seit drei Jahren das Hochbegabten-Gymnasium Sankt Afra im sächsischen Meißen und kann endlich ihr eigenes Lerntempo bestimmen. In dem Internat fühlt sich die Schweizerin wohl, hier gibt es keine Mitschüler, die sie belächeln oder sonderbar finden, im Gegenteil. Die Schule förderte auch ihr jüngstes Forschungsprojekt. Silvanas Großmutter litt nach einer Operation an einer Harnwegsinfektion, die durch einen Katheter ausgelöst wurde, also fing die Enkelin an, Fachliteratur zu wälzen und sich zu überlegen, wie der Oma zu helfen wäre. Die behandelnden Ärzte waren wenig begeistert darüber, mit einer Minderjährigen über derartige Probleme bei der klinischen Hygiene zu sprechen. Dass Erwachsene sie nicht immer ernst nehmen, musste sie auch bei der Suche nach einem Labor feststellen, in dem sie ihre Forschungen ausweiten wollte. Die meisten Institute, die sie anschrieb, waren skeptisch. "Es wird allerdings besser, je älter ich werde." Im Paul Scherrer Institut konnte sie schließlich ein Verfahren entwickeln, mit dem Katheter direkt mit Antibiotika beschichtet werden. Die Idee brachte ihr den ersten Platz beim europäischen Wettbewerb für junge Forscher in Moskau ein. Davor hatte sie schon zwei Jugend-forscht-Preise gewonnen. Silvana ist voller Energie, ihr Tag lang: Schule, Forschen, Musizieren. Dennoch versucht sie sich Freiräume zu nehmen: "Samstags, zum Beispiel, versuche ich gar nichts zu machen." Dann fährt sie manchmal nach Dresden und besucht ihren Freund.

Die Neurowissenschaften haben es ihr angetan, nach dem Abitur möchte sie in Amerika studieren. Bis dahin bleibt ihr aber noch genug Zeit für andere Dinge.
Andrea Benda

Corinna Dosch, 21, Siegerin im Geschichtswettbewerb

Als sie anfing, die Frankfurter Allgemeine zu lesen und klassische Musik zu hören, wurde ihr klar, dass sich ihre Interessen von denen ihrer Mitschüler doch sehr unterscheiden. "Man merkt, man ist anders", sagt Corinna Dosch. Sie ging damals in die 8. Klasse der Hauptschule in Wertheim, Baden-Württemberg, einer Stadt mit 25000 Einwohnern, da, wo die Tauber in den Main mündet. Jetzt ist sie in der 13. Klasse des Wertheimer Wirtschaftsgymnasiums. Hier fühle sie sich mehr zu Hause, sagt sie. "Es ist nicht normal, als Hauptschülerin zu sagen: Ich will das Abi machen." Sie hat es trotzdem gesagt, und ihre Lehrer haben zugehört. Sie haben sie gefördert, der Hauptschülerin auch mal Goethe zu lesen gegeben. Nach der Hauptschule machte sie die mittlere Reife, mit Einser-Abschluss. Jetzt ist sie die Erste in ihrer Familie, die aufs Gymnasium geht, ihre Eltern kannten nur Volksschule und Lehre. Die waren vor wenigen Monaten noch einmal stolz auf ihre Tochter: Sie gewann den ersten Preis beim Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten. Den Wettbewerb richtet die Hamburger Körber-Stiftung aus, über 6000 Schüler aus ganz Deutschland haben vergangenes Jahr daran teilgenommen. Das Thema war Arbeit in der Geschichte. Corinna Dosch schrieb eine Dokumentation über Aufstieg und Niedergang einer Glashütte im Spessart, 160 Seiten dick, mit dem Titel Es ist ein unendlich Kreuz, Glas zu machen. Sie beschreibt darin die Mühen der Glasproduktion im 19. Jahrhundert. Knapp drei Monate lang recherchierte sie in Archiven, feilte an den Sätzen. Schon 2003 hatte sie bei dem Geschichtswettbewerb den zweiten Platz belegt, da hatte sie gerade den Hauptschulabschluss in der Tasche, was bei der Jury für Aufsehen sorgte. Ihr Interesse für Geschichte begann während einer Krankheit, sie konnte lange Zeit nicht aus dem Haus und las und las, vor allem Biografien über die Großen aus der Geschichte. Sie ist noch nicht sicher, was sie nach dem Abi machen soll. Studieren auf jeden Fall, Geschichte ist natürlich ihre Leidenschaft, aber: "Historiker haben schlechte Berufsaussichten." Sie überlegt, ob sie lieber etwas studieren soll, womit sich Geld verdienen lässt, Jura etwa. Die Hälfte der 2000 Euro Preisgeld vom Geschichtswettbewerb spart sie, fürs Studium. Die andere Hälfte will sie ausgeben, für eine Reise, nach Rom vielleicht.
Arnfrid Schenk