Dienstleistungsgesellschaft In der Endlosschleife

Hotlines versprechen gute Dienste am Kunden. Erlebnisse in den Beratungshöllen von Lufthansa und Telekom

Die Theorie zuerst: Deutschlands Zukunft, so tönt es überall, liegt in der Dienstleistungsgesellschaft. Denn die traditionellen Industrien sterben aus. Oder wandern ab. Wir aber leben immer länger und schneller, und um dieses Leben mit immer raffinierterer Technik am Laufen zu halten, bedarf es des vermehrten Service. Bedarf es einer neuen Dienstleistungskultur. Aller Globalisierung zum Trotz sollen so auch neue Arbeitsplätze entstehen: hier und jetzt – als Dienst am Menschen. Also an Ihnen und mir. BILD

Jetzt kommt die Praxis. Dazu erzähle ich Ihnen zwei Geschichten aus jüngster Zeit. In der ersten fliege ich mit der Lufthansa nach Tel Aviv, mit Zwischenstopp in Zürich-Kloten. Ich habe ein paar Stunden Aufenthalt und nehme den nächsten Zug in die Stadt. In der Bahn merke ich, dass mir im Flugzeug mein Handy aus der Jackentasche gerutscht sein muss. Das ausgerechnet auf dem Weg nach Israel, wo die Mobilfunkstille als Phänomen der Frühsteinzeit gilt. Dort kein Handy zu haben, bei zwei Dutzend Terminen in drei Tagen – der Trip wäre die reinste Geisterfahrt. Also folge ich Minuten später im Zürcher Hauptbahnhof dem Hinweis »Kantonalpolizei«.

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Es ist Samstagmittag. Ein junger Zürcher Kantonalpolizist erkundet die Nummer der Lufthansa am Flughafen Kloten und reicht mir sein Handy durch den Schlitz einer Panzerglasscheibe. Ich werde mit einer freundlichen Dame verbunden. Frage, ob man beim Reinigen der Maschine, die Zürich wohl noch nicht verlassen hat, ein Handy gefunden habe. Die freundliche Dame meint, das sei ein Problem. Ein Problem? Ja, denn sie sitze in Dublin.

Ich schlucke und schlage vor, dass sie einfach ihre Kollegen in Zürich anruft oder, noch einfacher, mir deren Telefonnummer gibt. Darauf sagt sie, das gehe nicht. Sie habe erstens keine Zürcher Nummer, zweitens dürfe das Call-Center keine »internen Anschlüsse« weitergeben. Ich erwidere, es sei Samstagmittag, ich hätte eben noch am Airport zahllose Lufthansa-Schalter mit telefonierenden Angestellten gesehen. Außerdem habe die Lufthansa gerade die Swiss Air gekauft und besitze auf diesem internationalen Großflughafen gleichsam Hausrecht. Dort müsse doch zu Beginn des 21. Jahrhunderts jemand telefonisch erreichbar sein.

Dublin wird nun noch freundlicher: »Aber nur, weil Sie es sind!« Diese Vertraulichkeit wirkt etwas überraschend. Doch ich erhalte eine Nummer in Frankfurt. »Die Kollegen dort können Ihnen bestimmt weiterhelfen. Nur sagen Sie bitte nicht, von wem Sie die Nummer haben!« Ich verspreche völlige Diskretion und rufe in Frankfurt an. Ein Band: »Sie erreichen uns Montag bis Freitag zwischen…«

In diesem Moment will ich aufgeben. Da erbarmt sich der junge Polizist hinterm Panzerglas und ruft die Flughafenwache in Kloten an. Das dauert zwei Minuten, dann sagt er, die Lufthansa habe für ihre Maschinen einen eigenen Reinigungsdienst, und ein Kollege der Flughafenpolizei werde sich darum kümmern. Ich solle mich dort in etwa einer Stunde melden. Nach einer Stunde rufe ich dort an und erfahre, dass mein Handy zur Abholung bereitliegt.

So wird ein deutsches Weltunternehmen durch zwei junge Schweizer Beamte beschämt. Und bei der Zürcher Kantonalpolizei möchte man Kunde sein.

Leser-Kommentare
  1. Ich muss Ihnen gratulieren! Sie hatten das Glück, das tatsächlich jemand über den Vorgang bei der Lufthansa mit Ihnen gesprochen hat. Meine Erfahrungen: auf einem Flug Ffm - Los Angeles konnte am Ankunftsort die Ladeklappe nicht geöffnet werden. Ein paar Stunden später flog das Flugzeug wieder zurück. 4 Tage später (!) haben meine Kollegen ihr Gepäck bekommen. Mein Koffer ist seither verschollen. Die Dame der United-Hotline sagte mir, ich solle mich nicht aufregen "probably it's just stolen, that happens all the time". Ich rege mich dann doch auf, die Dame legt einfach auf. Bei einem weiteren Versuch legt sie sofort auf. Die Reiseagentur ruft parallel bei Lufthansa an. Auf die Bemerkung, dass der Service nicht besonders gut ist, wird wiederum einfach aufgelegt. 5 verschiedene Hotlines von Lufthansa und United später (ich wollte herausfinden, ob und in welchem Umfanf Lufthansa Ersatzkleidung deckt) weiß ich v.a. dass niemand zuständig ist. Ansprechpartner gibt es nicht, weil interne Nummern nicht mitgeteilt werden, die Hotlines wissen aber auch nicht weiter. Ich stelle im Internet einen complaint ein und bekomme die Nachricht "Vielen Dank für Ihre Mail. Wir haben diese an die zuständige Fachabteilung weitergeleitet, die sich so schnell wie möglich mit Ihnen in Verbindung setzen wird". Das ist mehr als eine Woche her, passiert ist nichts. Mein Rezept für die Zukunft: alles nur nicht Star Alliance. Einen derart schlechten Service habe ich noch nie erleben müssen. An zusätzlichen Erfahrungen habe ich kein Interesse.

  2. Was mir auch noch erinnerlich ist, ist die Telekom von vor ungefähr 15 Jahren, als man direkt mit den Telekom-Mitarbeitern sprechen konnte und musste, die auch für die technische Realisierung verantwortlich zeichneten. Ältliche, muffelige Fanten, denen kurz nach dem Schulabschluss jedwede Motivation abhanden gekommen sein musste. Leute, denen es bei weitem zu aufwendig war, auch nur die grundlegendsten neueren Geräte der Telekom zu kennen. Leute, für die immer noch das bundesdeutsche Telefonnetz zusammenbrechen würde, sobald ein Endkunde versuchte, eigenmächtig ein Gerät - am Ende noch verbunden mit einem Computer! - anzuschließen.

    Insofern stellen die Call-Center eine Verbesserung dar. Dass unternehmensinterne Kommunikation ein Problem sein kann, weiss nicht nur die Telekom. Dass geplatzte Termine der Telekom ein Problem sind, wissen die Wiederverkäufer von Telekom-Leistungen, die neuerdings Formulare beilegen, in denen man angeben kann, ob man eine gerichtliche Aussage machen wolle, wenn der Telekom-Techniker nicht erschienen sei.

    • postit
    • 19.01.2006 um 16:38 Uhr

    Es gibt da nur ein Rezept, das hilft: Kündigen der "Dienstleistungs"-Verträge mit Firmen, die eine derart lausige Kundenbetreuung haben. Mit dem von Ihnen genannten Weltunternehmen und dem Unternehmen Zukunft schon erledigt. Seither geht's mir besser. Wer sich ärgert und keine Konsequenzen zieht, ist selber schuld.

  3. Die Hotline-Services von Telekom und Lufthansa sind eine Unverschämtheit - ständig und dies seit vielen, vielen Jahren. Für jeden Kunden eigentlich ein Anlaß unmittelbar nach einem Callcenter-Kontakt den 'Lieferanten' zu wechseln. Qualitätsmanagement findet nicht statt.

    Unverschändllich ist, daß die beiden Vorstände nicht in der Lage sind den Hotline-Service ihrer Dienstleistungsunternehmen anforderungsgerecht zu organisieren. Sie haben offensichtlich keine Ahnung oder ihren 'Laden' nicht im Griff. Vielleicht ist es ihnen aber auch nur egal, wie mit den gut zahlenden Kunden umgegangen wird. Langfristig bzw. in der Totalperiode führt ein ungenügender Hotline-Service direkt in die Pleite.

  4. Ich kann den Inhalt des Artikels voll unterstreichen. Nachdem die verantwortlichen Vorstände und leitenden Angestellten, sowie deren schlaue Beratunsgunternehmen dieser Firmen nur die Sprache der Wirtschaftlichkeit verstehen gilt es diese Herrschaften genau an dieser Stelle zu treffen. Ich habe beispielweise sämtliche früher erteilten Einzugsermächtigungen Telekom und Konsorten widerrufen. Dann rennt man wenigsten seinem Geld nicht hinterher, wie ich das bei Telekom mal über ein Jahr getan habe. Ist zwar für mich nicht der bequemste Weg, verursacht aber bei den Firmen einen entsprechenden Aufwand und fördert dort hoffentlich das Nachdenken über eine nachhaltige Verbesserung der Situation. Auch nutze ich seit einiger Zeit meine Rechtsschutzversicherung, in die ich viele Jahre ohne Nutzen eingezahlt habe. Erstaunlich wie schnell und auch professionell eben jene Firmen reagieren, wenn der Herr Rechtsanwalt schreibt, auch bei Quasi-Monopolisten wie den EVUs. Ist alles mit Aufwand verbunden, aber es hilft in der Tat nur Druck. Traurig aber wahr.

  5. 6. Danke

    Erst mal danke für den Artikel. Er trifft genau die Problematik und entspricht den Erfahrungen die ich in meinem Umfeld mache. Gerade wurde jemand, eine Dienstleistung der Telekom (DSL Abschluss), doppelt berechnet. Und dies auf der selben Rechnung. Merkt da überhaupt jemand noch etwas?
    Allerdings hatte ich selbst vor kurzem ein positives Erlebnis. Mein DSL Anschluss funktionierte nicht und ich wurde mit einer Hotline im "schwäbischen" verbunden. Die nette Schwäbin erkannte meine Diagnose - defekter Splitter - nach kurzer Rücksprache im Haus an, und innerhalb eines Tages kam dieser und alles funktionierte wieder.
    Es geht also.
    P. Herber

  6. Bei diesem schönen Erlebnisbericht, bei dem sich wohl jeder mit seinen ganz eigenen Erlebnissen in der Dienstleistungsgesellschaft und im Kontakt mit Dienstleistungsunternehmen in irgendeiner Art und Weise wieder findet, kommt einmal mehr zum Ausdruck, dass der Kunde bei der Erbringung der Dienstleistung sein Anliegen zunehmend selbst in die Hand nehmen und sich auswändig informieren muss. Denn die Konsumenten werden mehr und mehr zu unbezahlten Arbeitskräften, wie auch das kürzlich erschienene Buch "Der arbeitende Kunde. Wenn Konsumenten zu unbezahlten Mitarbeitern werden" von Prof. Dr. G. Günter Voß von der Technischen Universität Chemnitz und Dr. Kerstin Rieder von der Fachhochschule Solothurn zeigt. Die verstärkte Einbeziehung der Kunden in den Dienstleistungsprozess vollzieht sich dabei auf drei Ebenen: Erstens wird der Kunde zu einer zumindest teilweise an das Unternehmen gebundene Arbeitskraft, zweitens werden seine produktiven Potenziale direkt in den Wertschöpfungsprozess einbezogen und drittens haben diese Entwicklungen Auswirkungen auf das private Leben der Kunden, in dem man bspw. seine Bankgeschäfte Online am heimischen PC abwickelt. Es zieht auch nach sich, dass die Kunden über immer vielfältigere Kompetenzen verfügen müssen. Günter Voß und Kerstin Rieder zeigen eindrucksvoll, welche Folgen sich daraus nicht nur für den Einzelnen, sondern auch für die Wirtschaft und für die Gesellschaft ergeben.

    • OttoN
    • 19.01.2006 um 14:49 Uhr

    ... hat sich bei Ihnen jemand aus der Chefetage des Magenta-Gilbs gemeldet? Haben Sie sich als Journalist zu erkennen gegeben? Das Geld hätten Sie ruhig nehmen können, es wären Ihnen sowieso nur auf der Rechnung gutgeschrieben worden (als Schadenersatz, keine Bestechung). Mir hat meine Lieblingsfirma AOL mal 20.- Euro für eine Stunde telefonieren gutgeschrieben (aber erst, als ich DSL-Kunde war, vorher gab's nix bei Reklamationen...). Das entspricht dem Gegenwert von 10 Minuten Arbeitszeit. Cheers...

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