Als die palästinensische Fatah-Partei vor wenigen Wochen ihren Wahlkampf mit einer Zeremonie an Arafats Grab eröffnete, gaben sich ihre Mitglieder noch zuversichtlich. Exaußenminister Nabil Schaath nannte die Parlamentswahlen eine "historische Gelegenheit", der Welt zu zeigen, "dass wir ein Volk sind, das Freiheit und einen unabhängigen Staat verdient". Seither ist der Tonfall kleinlauter geworden. Viele würden die Wahl am 25. Januar am liebsten verschieben. BILD

Es sieht nicht gut aus für die Partei, die vierzig Jahre lang die Geschicke der Palästinenser bestimmt hat, die einst die Revolution führte, die mit der Autonomiebehörde praktisch identisch ist. Ihre Popularität hat einen Tiefpunkt erreicht. Immer mehr fragen sich, ob ein derart zersplittertes Bündnis mit zahlreichen Milizen und unfähigen Regierungsvertretern die Geschäfte weiter führen kann. Die Umfragen sagen ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit den Islamisten voraus: demnach würde die Fatah 35 Prozent der Stimmen gewinnen; die Hamas käme auf 31 Prozent. Das bedeutete das Ende des Machtmonopols. Allein schon die Vorstellung macht ihren Kämpfern wie Funktionären schwer zu schaffen.

Überraschend kommt der Niedergang nicht. Korruptionsvorwürfe und Klagen über Vetternwirtschaft gibt es schon lange. Neueren Datums sind die anarchischen Zustände in Gaza, die den Palästinensern heute die meisten Sorgen bereiten. Bewaffnete Gangs, allen voran die verschiedenen Gruppierungen der Al-Aqsa-Brigaden – der militärische Flügel der Fatah – handeln auf eigene Faust und bedrohen die innere Sicherheit. Machmud Abbas, der vor genau einem Jahr mit dem Slogan "Ein Gesetz, eine Waffengewalt, eine Autonomiebehörde" zum Präsidenten gewählt worden war, hat die Kontrolle über diese Leute verloren – falls er sie je hatte. Nach Angaben des Innenministeriums waren die Fatah-Kämpfer und die Sicherheitsbehörden in die meisten gewaltsamen Zusammenstöße der ersten neun Monate von 2005 involviert. Die Polizei ist Teil des Problems, nicht der Lösung.

Doch das ist nur eine der schweren Krankheiten, von denen die Regierungspartei seit Arafats Tod geplagt wird. Der legendäre PLO-Chef war die Autoritätsfigur, die die Fatah über die vielen Jahre zusammenhielt. Seine Macht hatte auch dafür gesorgt, dass der schon lange schwelende Generationskonflikt nicht eskalierte.

Heute rebelliert die so genannte Junge Garde offen. Ihre Mitglieder sind nicht länger bereit, von den alten Weggefährten Arafats an den Rand gedrängt zu werden. Ihr Trumpf ist die eigene Biografie: Aufgewachsen im Westjordanland und Gaza-Streifen, kämpften sie in beiden Intifadas und lernten in israelischer Haft Hebräisch. Sie begreifen sich als die authentische Stimme der Palästinenser – im Unterschied zu jenen Funktionären, die nach der Unterzeichnung des Osloer Abkommens 1993 aus dem Exil zurückgekommen waren und bis heute in der Autonomiebehörde den Ton angeben. Die prächtigen Villen und Auslandskonten der "Alten Garde" steigerten noch die Wut. Solange Arafat lebte, konnte er seine Freunde vor Anklagen des Machtmissbrauchs schützen. Damit ist es vorbei.

Weil die Junge Garde wenigstens bei der kommenden Wahl ein Wörtchen mitreden wollte, gab es einen erbitterten Streit um die Listenplätze – und viele Schießereien. Die von Abbas versprochenen parteiinternen Vorwahlen konnten nur teilweise abgehalten werden, die Resultate wurden nur teilweise respektiert. Aus Frust über die privilegierte Behandlung der Alten Garde drohte dann Marwan Barghuti, der in Israel inhaftierte Architekt der Intifada 2000, mit einer eigenen Liste namens Mustaqbal (Zukunft) anzutreten. Die Spaltung konnte noch in letzter Minute verhindert werden. Nun führt Barghuti die nationale Liste an, dahinter folgen die Kandidaten der Alten Garde. Dann kommen Dutzende von Namen, die kaum einer kennt: Gefangene in israelischer Haft und Funktionäre in Fatah-Institutionen.

Alle waren so sehr beschäftigt mit dem internen Gerangel, dass ihnen erst spät auffiel, wie wenig attraktiv sich ihr Gesamtbild im Vergleich zu den islamistischen Rivalen präsentiert. Für die Hamas werben Kandidaten mit richtigen Berufen um die Stimmen der Wähler: Ärzte, Apotheker, Journalisten, Rechtsanwälte, Buchhalter. Ahmed Ghneim, ein Mitglied der Jungen Garde, der sich um die gemeinsame Fatah-Liste bemüht hat, gibt zu, dass die Islamisten "bessere Arbeit" geleistet hätten. Doch fehle ihnen, kontert er, "ein langfristiges politisches Programm und die Vision von einem künftigen Palästinenserstaat".

Immer weniger Wähler sind allerdings davon überzeugt, dass das nationale Projekt bei der Fatah in guten Händen liegt. Zehn Jahre nach der ersten Parlamentswahl haben sie nun erstmals Gelegenheit, der Regierungspartei die Quittung für ihre Fehlleistungen zu präsentieren. Davon profitieren die Islamisten. "Die Krise in der Fatah ist ein Geschenk an die Hamas", sagt die Nummer eins der Fatah-Liste in Ostjerusalem, Hatem Abdul Kader. Der bevorstehende Erfolg der Islamisten mag weniger der Ausdruck einer Radikalisierung sein als Indiz dafür, wie sehr die Fatah abgewirtschaftet hat.

Hinter ihrem Niedergang verberge sich jedoch noch viel mehr als bloßer Frust über die herrschende Klasse, fürchtet Salah Abdel Schafi aus Gaza. Der unabhängige Wirtschaftsexperte geht demnächst als Botschafter nach Stockholm. Für ihn ist die tiefe Krise der Fatah ein Ausdruck des Verfalls aller Ordnung: "Unsere gesellschaftliche Bindung ist infrage gestellt. Keine Parteien bekämpfen sich, sondern bewaffnete Gangs, die nicht unbedingt ein politisches Ziel verfolgen. Familienclans tragen ihre Differenzen gewaltsam aus."

Dieser Zustand ist weit entfernt von der Entwicklung hin zur Zivilgesellschaft, die er sich so sehr erhofft hatte. "Wir waren viel zu naiv und euphorisch zu glauben, dass schon ein Jahr nach Arafats Tod alles besser sein werde. Doch erst jetzt kommen alle Probleme seines Systems an die Oberfläche und damit die Erkenntnis, dass wir noch nicht reif sind für einen Demokratisierungsprozess." Seine Ansprüche hat Abdel Schafi inzwischen so weit zurückgeschraubt, dass schon ein ruhiger Wahltag für ihn ein Lichtblick wäre.

Das aber ist alles andere als sicher. Die jüngsten Umfragen haben so manchen Fatah-Mann nervös gemacht. Wie schwer einigen der drohende Machtverlust fällt, zeigt ein Brief, den ein Sicherheitschef der Palästinenserbehörde im Westjordanland an seine Polizisten geschickt hat. Er enthält den Befehl, für die Fatah-Partei zu stimmen. "Wir werden mit allen Mitteln gewinnen", kündigte Hatem Abdel Kader an, der die Liste in Ostjerusalem anführt. Was immer das heißen mag.

Machmud Abbas hat sich bislang seinen Optimismus bewahrt. Er rechnet allenfalls mit Zwischenfällen am Wahltag, ein Scheitern schließt er aus. Doch auch wenn alles mehr oder minder friedlich verläuft, verspricht am Tag danach nichts einfacher zu werden. Kaum ein Resultat wird die Gemüter beruhigen können. Sollte die Fatah wider Erwarten hoch gewinnen, wird die Hamas die Wahlen anzweifeln. Siegt die Hamas, oder erzielt sie einen hohen Stimmenanteil, rebelliert die Fatah. "Die Leute an der Macht werden ihre Jobs nicht so einfach aufgeben", glaubt der prominente Psychiater Ejad Sarraj in Gaza. "Die großen Köpfe mit Geld werden sich ins Ausland absetzen, der Rest wird kämpfen."