Wissensjahre »Es nützt nichts, SMS-Weltmeister zu werden«Seite 2/2

ZEIT: Im Einsteinjahr haben sich Forscher beklagt, dass viel Geld für Marketing-Aktionen ausgegeben wurde – dass aber die Wissenschaft keinen Cent mehr bekam.

Kagermann: Ich glaube, bei der Informatik ist es anders. Es wäre in Deutschland gar nicht damit getan, die Forschung mit einigen Millionen aufzustocken. Wir müssen auch die Wirtschaft stimulieren – und wir müssen jungen Leuten klarmachen, dass dies ein vielversprechendes Feld ist. Denn wir haben künftig weltweit einen Bedarf an gut ausgebildeten Informationsexperten. Wir müssen aufpassen, dass wir in Deutschland diesen Bedarf nicht überwiegend im Ausland decken.

ZEIT: Wenn Sie drei konkrete Wünsche frei hätten im Informatikjahr, welche wären das?

Kagermann: Das Erste wäre, dass die verantwortlichen Politiker das zur Chefsache machen. Das Zweite, dass wir die Nahtstellen zwischen Ingenieurswissenschaften und Software-Entwicklung mehr fördern. Und als Drittes sollte man sich vornehmen, den Nutzen von IT im öffentlichen Bereich zu verdeutlichen. Der Bürger soll merken, dass IT einen besseren Service ermöglicht und Kosten spart – und nicht mit dem Eindruck zurückbleiben, IT-Projekte seien immer so komplex wie Toll Collect.

ZEIT: Und was sollen die Menschen vom Informatikjahr noch mitnehmen?

Kagermann: Ich wäre froh, wenn den Menschen am Ende des Informatikjahres bewusst wäre, wie sehr unser tägliches Leben von Informationstechnik abhängt. Jeder kann sich vorstellen, was passieren würde, wenn unser Elektrizitätssystem für zwei Stunden zusammenbräche. Aber kaum jemand macht sich einen Begriff davon, was passieren würde, wenn die Informationstechnologie mal zwei Stunden ausfällt.

Das Interview führte Ulrich Schnabel

 
Leser-Kommentare
  1. Dass ein Informatiker, aufgrund des hohen Tempos der weltweiten Entwicklungen seinen Job nicht mehr ausüben könnte, wenn er die Entwicklungen nicht verfolgt, ist kein Mär, sondern ein Fakt. Es ist zwar richtig, dass ein seriös ausgebildeter Informatiker den Anschluss wieder finden kann, aber er wird sich anstrengen müssen --- jedenfalls wesentlich mehr, als ein Kaufmann.

    In den letzten 20-30 Jahren hat sich schon mehr als ein Paradigmenwechsel in der Programmierung vollzogen. Objektorientiertes statt Prozedurales. Oder Message-Driven, das mit den grafischen Benutzeroberflächen kam (die auch schon eine Revolution für sich waren). Design Patterns. Usw. Und in Spezialgebieten, wie Computergrafik oder Mustererkennung, haben sich die Algorithmen auch gewaltig weiter entwickelt. Nicht, dass ein "seriös ausgebildeter Informatiker" das nicht lernen könnte, aber lernen muss er das trotzdem. Und dann die Programmiersprachen: die Syntax ist nicht sonderlich schwer, wer C++ kann, wird Java oder C# auch lernen. Etwas schwieriger ist, sich in den ganzen Funktionsbibliotheken und Klassenhierarchien zu Recht zu finden. Die entwickeln sich fort und da muss man schon am Ball bleiben. Wer eine Auszeit, z.B. Elternzeit nimmt, hat danach einiges am Stück zu lernen, bevor er wieder konkurrenzfähig ist. Dieses Problem hat ein Bankangestellter nicht.

  2. Herr Kargermann hat absolut Recht. Die wenigsten Menschen sind in der Lage, sich vorzustellen, was Informatik im täglichen Leben bedeutet. Das Umdenken muss aber noch auf einer ganz anderen Ebene stattfinden. Abgesehen davon, dass die Berufsbezeichung "Informatiker" nicht geschützt ist und vom Lehrberuf über Weiterbildungsmaßnahmen bishin zu einem abgeschlossenen Studium inflationär verwendet wird, wundert man sich als Informatiker, der an der Uni studiert hat, schon, wie wenig Bildung Bildungspolitiker in diesem Fach eigentlich vorweisen können. Der schlagende Beweis ist die Mär von der "Aktualität des Fachwissens", ohne die ein Informatiker aufgrund des hohen Tempos der weltweiten Entwicklungen angeblich seinen Job nicht mehr ausüben könnte. Als Beispiel wird oft die rasante Entwicklung des Internets gebracht, bei der ein Informatiker keine Chance hat, mitzuhalten, wenn er nicht "auf der Höhe der Zeit" ist und statt Java "nur" C++ kann. Dabei ist es für einen ausgebildeten Informatiker ein Leichtes, sich in jede, auch noch so neue Programmiersprache innerhalb kürzester Zeit einzufinden. Der theoretische Background von Programmiersprachen, Compilern und Datenbanken hat sich seit Jahrzehnten nicht verändert, lediglich die Komfortabilität und Effizienz sind grösser geworden und vereinfachen die Anwendung nocheinmal erheblich. Auch die zugrundeliegenden Algorithmen und deren "Kosten" bzgl. Laufzeit und Speicherverbrauch sind noch immer mehr oder weniger dieselben. Sortieren, Zählen, Baumstrukturen durchmustern, etc. wurde nicht neu erfunden, sonderen bestenfalls ein bisschen modifiziert.
    Ergo: Ein seriös ausgebildeter Informatiker verliert so schnell nicht den Anschluss, selbst wenn er noch nie Java, PHP, oder Active-X programmiert hat. Programmieren als ein kleiner Teil der Ausbildung zum Informatiker ist wie Fahrradfahren, man verlernt es nie, denn egal wieviele neue Features ein Fahrrad haben mag, es fährt immer noch mit zwei Rädern.
    Aber schon diese simple Erkenntnis fehlt vielen Entscheidern in Politik, Wirtschaft und sogar der Hochschulen. Deshalb fordern z.B. hochrangige Professoren, meist aus dem Bereich der Wirtschaftswissenschaften oder Wirtschaftsinformatik, an der Universität praktische SAP-Kurse abzuhalten und dafür die theoretische Ausbildung in der Informatik zurück zu fahren. Was für ein Wahnsinn! Man will also offenbar lieber Anwender und Konsumenten produzieren, anstatt echte Innovatoren. Es fehlt also nur noch ein Uni-Kurs im SMS-schreiben, um den Unsinn mancher Professoren zu komplettieren. Vielleicht wurde auch deshalb der Studiengang "Wirtschaftsinformatik" geschaffen, damit man sich möglichst schnell möglichst viel Halbwissen in BEIDEN Fächern, Wirtschaftswissenschaften und Informatik, aneignen kann, anstatt beide Wissenschaften wirklich gründlich zu studieren. Mein Informatikstudium ist nun schon seit 15 Jahren beendet, dennoch hatte ich nie das Gefühl, den Anschluss zu verlieren. Im Gegenteil! Fast täglich begegnen mir Wirtschaftsinformatiker und in andere "modernen" Wissenschaftsdisziplinen ausgebildete Kollegen, die zwar weder einen Dreisatz beherrschen, noch irgendeine Vorstellung vom Rechnen in einem binären System haben, mir dafür aber erklären, warum Java etwas so Neues ist, dass man dies in seiner Ausbildung gelernt haben muss, um "mithalten" zu können. Von "höherer Mathematik" wie der Verwendung des Logarithmus will ich gar nicht reden. Es fehlt also elementares Basiswissen an allen Ecken und Enden. Nur eine wirklich intensive Ausbildung in theoretischen UND praktischen Aspekten der Informatik schafft eventuell einen Konkurrenzvorteil und selbst dieser ist nicht garantiert. Diese Zeit (und auch das Geld) müssen wir uns in Deutschland unbedingt nehmen, sonst sieht es schlecht aus mit dem Standortvorteil und der Konkurrenzfähigkeit bei der Entwicklung neuer Technologien. SAP-Anwender und Internetsurfer werden Deutschland jedenfalls nicht aus der informationstechnologischen Innovationskrise führen können, soviel ist klar.
    Ich bin daher nur froh, dass es noch keinen Studiengang "Wirtschaftsmediziner" gibt (zumindest kenne ich diesen nicht, sofern es ihn schon gäbe), denn ob mein behandelnder Arzt seine Abrechnungen im Griff hat, ist mir weitaus weniger wichtig, als eine professionelle Behandlung meiner lebenswichtigen Organe.

  3. Salve kantorsb,

    ich gehöre der von Ihnen gescholtenen Spezies der Wirtschaftsinformatiker an und gebe Ihnen trotzdem größtenteils Recht, was das Grundlagenwissen angeht. Aber eben nur größtenteils. Geht man ins Detail, muss man die Sachlage etwas differenzierter betrachten. Verändert hat sich nicht viel bei den Programmiersprachen, beherrscht man eine richtig, erlernt man auch die anderen relativ schnell. Was sie dabei aber vergessen, ist die Geschwindigkeit mit der das vonstatten geht.

    Denn jede größere Technik, ob .NET oder Java (J2EE) hat ihre eigenen Namensräume und Klassenhierarchien, die man zuerst einbinden muss (ob mit include, import, using, etc.). Das Wissen um diese Namensräume kommt aber nicht zugeflogen, das muss man sich erst erarbeiten. Und da kommt der Faktor Zeit hinzu. Und Zeit bedeutet in diesem Fall Geld für die Unternehmen. Auch bei der Architektur der SW muss die Technologie in der sie realisiert wird berücksichtigt werden. Damit meine ich dass der Architekt zumindest ein größeres Grundlagenwissen über die gegebene Plattform besitzen sollte. Ich habe vor kurzem ein SW-Projekt mit J2EE gehabt, und habe mich umgeschaut wie zeitintensiv der Umgang mit dem Applikationsserver, die Anpassung der Konfigurationsfiles war (Stichpunkt ejbql).

    Diese Faktoren bedeuten wiederum die Berücksichtigung von konkreten Techniken im Studium. Und da es nunmal nicht viel Studenten gibt, die zuerst 8-10 Semester Informatik und dann anschließend ca. 8 Semester BWL studieren wollen, werden auch Sie sich damit abfinden müssen dass es Fächer/Vorlesungen gibt, die beispielsweise auf ein bestimmtes Informationssystem wie SAP eingehen.

    SAP ist übrigens eine ziemlich komplexe Software (nein, ich bin kein SAP-Fan!), bei der es durchaus vertretbar ist praktische Kurse anzubieten. Was jetzt den Ersatz Praxis/Theorie an der Hochschule betrifft: sie wie ich wissen, dass wenn man die Absicht hat, um schwierige, zeitraubende Vorlesungen herum zu kommen, das auch meist schaffen kann.

    Ich würde mir übrigens nie anmaßen einen Informatiker oder Betriebswirt vollständig ersetzen zu können, aber an bestimmten Schnittpunkten von größeren Unternehmen, ist es durchaus sinnvoll Wirtschaftsinformatiker einzusetzen, nach 15 Jahren Berufspraxis werden sie sicherlich die Unterschiede der jeweiligen Fachsprachen kennen. Da braucht man oft einen "Übersetzer", und das wäre nun mal ein Wirtschaftsinformatiker. Ansonsten kann man sich während des Studiums und danach spezialiseren, also mehr eine technische oder wirtschaftliche Richtung einschlagen. Übrigens ich kann den Dreisatz, beherrschen Sie Optimierung und Regression noch?

    Das war mein Senf dazu.

    Gruß

  4. Da wir hier nicht in einem Forum sind, ist es also auch ungewöhnlich, dass ich einem Leserbrief auf meinen Leserbrief antworte. Dennoch wollte ich es keinesfalls versäumen, dem User Matze eine adäquate Antwort zukommen zu lassen. Daher hoffe ich, dass mich die prinzipientreuen Leser nicht dafür steinigen.
    Also, Matze, Du hast absolut Recht, dass der Zeitfaktor nur von den Leuten beherrscht werden kann, die über ein nicht unerhebliches Detailwissen in den heute gefragten Systemlandschaften haben. Ein solches Detailwissen erfordert eine aktuelle Ausbildung, egal, ob für einen Wirtschaftsinformatiker, oder einen Informatiker. Ich gebe auch gerne zu, dass mein Beitrag ein bisschen provozierend war, weil ich mich manchmal über den Mist ärgere, der in der Presse zu diesen Themen verbreitet wird. Auch kenne ich geniale Wirtschaftsinformatiker, keine Frage. Das Problem liegt vielleicht darin, dass man in Deutschland immer eni Diplom nachweisen muss, das die Ausbildungszeit im Falle des Studiums von zwei Fächern unnötig verlängert. Auch als Grundlagenfan bin ich keineswegs der Meinung, dass ein guter Informatiker unbedingt den Hauptsatz der Galois-Theorie kennen muss. Am besten sind doch einfach tiefe Kenntnisse in ausgewählten Themen und ein ansonsten breit gefächertes Wissen. Und genau diese Kombination vermisse ich bei vielen Studiengängen.
    Ansonsten, Kompliment, Deine treffende Bewertung Deines Faches hat mich erstaunt und sie war natürlich wesentlich differenzierter, als meine provokativen Zeilen.
    Da ich auch Mathematik studiert habe, kann ich es mir nicht verkneifen, zu bestätigen, dass mir Optimierung und Regression immer noch sehr geläufig sind, was aber sicherlich auch etwas mit meinem Beruf zu tun hat.

    Viele Grüsse

    kantorsb

    • Anonym
    • 20.01.2006 um 21:40 Uhr

    Einer der Diskutanten hier meint, Bankangestellte (zu denen ich nicht gehöre) hätten nicht soviel ständig neu zu lernen. Da täuscht er sich aber. Auch hier findet Beschleunigung statt, und wer eine Babypause nimmt, der findet bei seiner Rückehr neue struktrierte Produkte, Derivate usw. vor, deren Funktion zu beherrschen er (sie) auch einiges an Zeit aufwenden muss.

    Anders gesagt: der edle Wettstreit, was wichtiger, was schwieriger, was schneller ist, Wirtschaftsinformatik, Informatik, Mathematik usw. ist völliger Quatsch. Die Beschleunigung findet überall statt, und Systeme sind so komplex, dass es mehrerer verschiedener Disziplinen, Kenntnisse und auch Individuen bedarf, um Innovationen zu entwickeln. Bräuchte es da nur Optimierung und Regression, na, da wär der Fisch schnell geputzt.

    Etwas Anderes ist wichtiger: wer sich einmal aufgerafft hat, ein durchschnittliches Linux User Treffen zu besuchen, kann eigentlich vom totgesagten Standort Deutschland nur entzückt sein: haufenweise talentierte, versierte und leidenschaftliche Schüler und Studenten als Hacker.

    Und wer sich mal in der open source Software Community umschaut, ist überrascht, wie hoch der Anteil dt. Programmierer ist. Um mal ein wenig Name dropping zu üben: Marco Börries schuf StarOffice, das heutige OpenOffice bzw. StarOffice von Sun. MAtthias Ettrich schuf KDE, eines der Standard Linux Desktop Programme. Die Nürnberger SuSE Linux ist eine der wichtigsten Linux Distributionen.

    Interessant und möglicherweise symptomatisch ist für mich eher, dass StarOffice eben an Sun, SuSE an Novell verkauft wurden, um nur zwei Beispiele zu nehmen. Kündet dies von der traditionellen deutschen Malaise, dass hier zwar vieles ersonnen und ertüftelt wird, dass es aber zur Kommerzialisierung nie reicht?

    Das würde bedeuten, dass die allgemeine "awareness" unzureichend ist, und so wiederum verstehe ich die Aussagen von Kagermann.

    Da hat er dann wohl recht.

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