Fünf Prozent mehr Lohn? Am Freitag dieser Woche verkündet die IG Metall offiziell ihre Forderungen für die Tarifrunde 2006. Sie setzt damit einen Markstein, an dem sich andere Gewerkschaften orientieren werden. Wichtig ist ihr außerdem, dass die Beschäftigten einen Anspruch auf Qualifizierung erhalten, damit sie nicht aufgrund neuer Technologien irgendwann den Job verlieren. Der Vertrag soll dieses Mal nur zwölf Monate gelten, so könnte man schon nächstes Jahr erneut draufsatteln – die IG Metaller setzen auf den Aufschwung. BILD

Das letzte Mal hatten sich die Tarifpartner der Metall- und Elektroindustrie (M+E) vor zwei Jahren zusammengesetzt. Ein Plus von vier Prozent forderte die Gewerkschaft – heraus kamen 1,5 Prozent für 2004 und zwei Prozent für 2005. Zusätzlich zahlten die Arbeitgeber jeweils einen Betrag, der 0,7 Prozent der Lohnsumme entspricht, in einen Topf ein. Diese so genannte ERA-Strukturkomponente soll dazu dienen, die Löhne und Gehälter von Arbeitern und Angestellten aneinander anzugleichen. Aus Sicht des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall waren also für die Tariflöhne in den beiden vergangenen Jahren 2,2 beziehungsweise 2,7 Prozent mehr zu zahlen. "Zu viel", sagt Gesamtmetall-Präsident Martin Kannegiesser im Nachhinein. Jetzt plädiert er für einen Abschluss nahe dem Produktivitätszuwachs von 1,2 Prozent. Andernfalls seien Arbeitsplätze gefährdet. Allerdings: Die Mitarbeiter hätten dann real weniger Geld im Portemonnaie – die Inflationsrate betrug 2005 zwei Prozent.

Wie viele Menschen arbeiten in der Metallbranche?

Die rund 23.000 Unternehmen der M+E-Branchen beschäftigten im Jahr 2005 rund 3,4 Millionen Mitarbeiter – etwa jeden Achten der 26,7 Millionen Menschen, die in Deutschland einen sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplatz haben. Das macht die IG Metall (die auch noch Mitglieder in der Holz- und Kunststoffverarbeitung, im Textilbereich oder im Kfz-Handwerk vertritt) zur mächtigsten deutschen Industriegewerkschaft und Gesamtmetall zum bedeutenden Arbeitgeberverband.

Als der Fall der Mauer der deutschen Wirtschaft 1991 einen Boom bescherte, verdienten noch fast fünf Millionen Menschen in diesem Bereich ihr Geld, allein in Westdeutschland waren es mehr als vier Millionen. Bis 1996 sank die Beschäftigtenzahl dann rapide um 800000 und liegt seither recht konstant zwischen 3,1 und 3,2 Millionen. In den neuen Bundesländern war der Verlust von Arbeitsplätzen noch dramatischer. Von 815.000 im Jahr 1991 schrumpfte die Zahl der Stellen binnen sechs Jahren auf nur noch 260.000. Seither allerdings hat sie wieder auf 319.000 zugelegt – vor allem, weil Autokonzerne wie VW, BMW, Opel und Porsche im Osten neue Werke eröffneten und Zulieferfirmen nachzogen.

Obwohl immer mehr Waren produziert werden, braucht man dazu immer weniger Menschen in den Fabriken. Vor 35 Jahren waren noch drei Viertel der M+E-Beschäftigten Arbeiter, inzwischen stellen sie nur noch 60 Prozent – der Anteil der Angestellten stieg entsprechend auf 40 Prozent. Moderne Technologien, etwa Roboter in der Automobilbranche, ersetzen vor allem Hilfskräfte und angelernte Arbeiter. 1970 waren 43 Prozent der Beschäftigten in der Produktion Facharbeiter, heute haben bereits 59 Prozent eine fundierte Berufsausbildung. Der Anteil der Hilfsarbeiter sank im gleichen Zeitraum von 23 auf 13 Prozent.

Welche Branchen gehören dazu?

Zwölf Branchen zählen zum Metall- und Elektrosektor. Die kleinste ist der Schiffbau. Dort haben 2004 gut 23.000 Menschen in 120 Betrieben gearbeitet; das Statistische Bundesamt zählte dabei nur Firmen mit mindestens 20 Beschäftigten. Im größten Segment, dem Maschinenbau, waren knapp 910.000 Leute in 7257 Unternehmen tätig. Im Automobilbau verdienten 800.000 Menschen ihr Geld, in der Elektrotechnik und der Metallverarbeitung jeweils weit über eine halbe Million.

Die große Bandbreite von Unternehmen, für die der Tarifvertrag gelten soll, macht die Verhandlungen schwierig. Der innovative Luft- und Raumfahrzeugbau ist kaum vergleichbar mit den Manufakturen der Feinmechanik-, Optik- und Uhrenbranche oder mit den Gießereien. So betont Gesamtmetall-Chef Martin Kannegiesser gern, dass 24 Prozent der Betriebe rote Zahlen schrieben. Die IG Metall verweist im Gegenzug auf die boomenden Exporte vieler Unternehmen, die explodierenden Aktienkurse des vergangenen Jahres und die hohen Gewinnausschüttungen – da sollten auch die Mitarbeiter am Erfolg teilhaben. Allerdings hatten sich die Tarifpartner schon 2004 darauf geeinigt, in Einzelfällen Abweichungen vom Flächentarif zu ermöglichen.

Für welche Unternehmen gilt der Tarifabschluss?

An den Flächentarif gebunden sind zusehends weniger Unternehmen in der Metall- und Elektroindustrie. Analog zur schrumpfenden Zahl der Gewerkschafter unter den Arbeitnehmern befindet sich seit Jahren auch die Zahl der Mitgliedsfirmen im Arbeitgeberverband im Sinkflug. 1972 bekannten sich in der alten Bundesrepublik noch mehr als 10.000 Unternehmen zu ihrer Vertretung, im Wendejahr 1990 war die Zahl bereits um 2000 geschrumpft. Seither hat sie sich in den alten Ländern nochmals nahezu halbiert. So arbeiteten im Jahr 2004 in Westdeutschland nur noch 1,8 Millionen Menschen in den tarifgebundenen Unternehmen – kaum mehr als die Hälfte der rund 3,4 Millionen Mitarbeiter dieses wichtigen Industriebereichs.

Noch dramatischer schrumpfte die Bedeutung der Metall-Arbeitgeberverbände im Osten. Die dort organisierten Unternehmen beschäftigten 1990 fast 950.000 Mitarbeiter – 14 Jahre später waren es nur noch knapp 58.000. Gleichzeitig sank die Mitgliederzahl in den ostdeutschen Arbeitgeberverbänden von Gesamtmetall dramatisch – von knapp 1200 Betrieben unmittelbar nach der Wende auf bescheidene 266 im Jahr 2004. Das liegt einerseits an der Pleitewelle, die Ostdeutschland überrollte. Andererseits aber auch an der hohen Arbeitslosigkeit: Wo Jobs rar sind, sind die Menschen eher bereit, unter Tarif zu arbeiten. Ein Grund für Unternehmer, ihren Betrieb aus der Tarifbindung zu lösen und aus dem Arbeitgeberverband auszutreten. So arbeiten heute in den neuen Ländern nur noch gut 18 Prozent der M+E-Beschäftigten in tarifgebundenen Unternehmen.