Das war die perfekte Welle, wenn sich im Bayreuther Festspielhaus Isolde in Gestalt von Birgit Nilsson von Irland auf nach Cornwall und Kareol machte. Der Sog dieser epochemachenden, letzten Tristan-Inszenierung durch Wieland Wagner, die Karl Böhm im Sinne von Richard Strauss dirigierte, vermittelt sich noch heute mühelos jedem Nachgeborenen auf CD. Geschmacksfragen hin oder her: Trefflicher, selbstverständlicher, müheloser und engagierter zugleich hat keine andere hochdramatische Sopranistin diese furiose Königstochter gesungen als die Schwedin Birgit Nilsson von 1962 an. Noch am Schluss, wenn sich vergleichbare Kräfte gerade noch so eben ins Ziel und Richtung Tristan-Akkord retten, entsteht wiederholt der Eindruck: Die Nilsson könnte gleich wieder von vorn anfangen. Dabei ist sie schon zu Beginn ganz da und spart sich weder emotional noch konditionell aus lauter Angst auf, sie werde womöglich den zweiten Aufzug nicht überstehen. Es gibt da aber gar nichts zu befürchten. Wer den Oktavsprung unmittelbar vor dem ersten Gespräch an Bord mit Tristan hört - ich, Isolde -, der ahnt, dass hier keine Autosuggestion nötig ist: Diese Frau wird aufs Ganze gehen und am Schluss dann eben auch erhobenen Hauptes aus der Welt. Als sei da - außer Ungeheuerlichem - eigentlich gar nicht viel passiert.

Vielleicht konnte Birgit Nilsson ganz gut über solchen Dingen stehen, weil sie das Leben buchstäblich an der Basis kennen gelernt hatte. Sie kam von einem südschwedischen Bauernhof und war über zwanzig Jahre alt, als sie es erstmals in die Stockholmer Oper schaffte - als Zuhörerin. Gleich zwei Ausbilder mühten sich erfolglos, die von Anfang an dramatische Sopranstimme kleiner zu lehren. Erst die Dirigenten Fritz Busch und Hans Knappertsbusch erkannten, dass da mehr war. So kam Birgit Nilsson zunächst nach Glyndebourne und dann nach Bayreuth.

Dort aber herrschten die Superweiber, wie Wieland Wagner die Heroinen Astrid Varnay und Martha Mödl nannte, und da Wieland doch einem anderen Frauenideal anhing, fiel er vor Birgit Nilsson zwar auf die Knie, ließ sie jedoch unentschlossen eine ganze Zeit lang in Produktionen seines Bruders auftreten. Er wusste noch nicht, wohin mit ihr, aber natürlich waren das auch so Gockeleien, die der am Grünen Hügel immer noch amtierende Wolfgang Wagner im Nachhinein in seinem schönsten Leitz-Ordner-Deutsch bestätigt. Nicht ganz unironisch steht in den Lebenserinnerungen: Daß Birgit Nilsson und Wolfgang Windgassen in der Arbeitsgemeinschaft Karl Böhm und Wieland ab 1962 zum Traum-Titelpaar im Tristan avancierten, war bereits einige Jahre zuvor durch mich angelegt worden, und ich durfte mich nun freuen, diesen beiden großen Künstlern die >niederen Weihen< schon erteilt zu haben.

Auf der nicht nennenswert eingerichteten, aber hinreißend beleuchteten Bayreuther Bühne wurde Birgit Nilsson für lange Zeit zu Wielands fester Bank, zumal sie im Ring auch noch die Brünnhilde sang. Und niemals schwächelte.

Nilssons größte Stärke allerdings verursachte gleichzeitig ein nicht geringes Problem: Ihre XXL-Isolde (von der Brünnhilde nicht zu reden) fand bald niemanden mehr zum Spielen. Kirsten Flagstad hatte noch Laurenz Melchior gehabt - Lilli Lehmann sang nach deutschvokalen Kraftakten gerne die Philine in Thomas' Mignon, also mit lyrischem Koloratursopran. Für Birgit Nilsson hingegen war es schwerer, der globalen Typisierung als Nur-Wagner-Sängerin zu entgehen. Allerdings war sie gewitzt genug, sich zur Wehr zu setzen, und legte Wert darauf, sowohl Aida wie auch Turandot und Elektra im Repertoire zu behalten. Mozarts Donna Anna fasste Birgit Nilsson nicht auf, sondern an: So wurde etwas sofort Begreifbares aus diesem Charakter.

Birgit Nilsson, gestorben bereits am 25. Dezember des vergangenen Jahres und begraben dort, wo sie geboren wurde, ist 87 Jahre alt geworden. Sie hatte verfügt, dass die Öffentlichkeit, der sie über Jahrzehnte hinweg in der ganzen Welt unverkünstelt gedient hatte, erst später von ihrem Tod erfahren würde. Birgit Nilssons liebste Rolle war die der Färberin in Strauss' Frau ohne Schatten, für die am Ende alles gut wird. Frau, geh nach oben, ruft da die unsichtbare Altstimme, der Weg ist frei.