italien
Ladinisch für Anfänger
Die Bewohner des Gadertals in Südtirol pflegen die Bergbauerntradition und eine uralte Sprache. Nur langsam gewöhnen sie sich daran, auf ihren Höfen Urlauber zu empfangen
Das Land, das es nicht gibt, ist per Bus zu erreichen, mehrmals täglich. Die enge, kurvenreiche Straße führt mitten hindurch, daneben fällt der Fels steil ab, weit unten rauscht der Fluss. Mit routinierter Schweigsamkeit lenken die Fahrer die Busse am Abgrund entlang, den Rosenkranz am Rückspiegel. Gleich hinter St. Lorenzen im Pustertal, beim Gasthof Palfrad, beginnt das Land, dessen Grenze eigentlich eine Sprachscheide ist: Ladinien. Das Gadertal, das sich von hier verästelt durch die Felsen zieht, ist eins von fünf Dolomitentälern rund um das Sellamassiv, in denen sich in aller Abgeschiedenheit eine uralte Sprache erhalten hat. Entstanden vor 2000 Jahren aus einer Mischung von Rätischem und Volkslatein, unverständlich für Fremde, in jedem Tal ein wenig anders.
Auf Ladinisch heißt das Gadertal Badia. Nach dem Ersten Weltkrieg fiel es mit den vier anderen Tälern von Österreich an Italien, sie wurden aufgeteilt, obwohl sie zusammengehörten wie die Finger einer Hand: Ampezzo und Buchenstein zur Provinz Belluno, Fassa zur Provinz Trient, Badia und Ghërdeina, das Grödnertal, zur Provinz Bozen. Seitdem sind Südtirols Ladiner eine Minderheit in der Minderheit. Auf dem Sellajoch demonstrierten 1946 Tausende gegen die Willkür der Dreiteilung, für ein wiedervereintes Ladinien. Vergeblich. Die Nachbarn nahmen die kaum 18000 Südtiroler Ladiner lange nicht für voll, den einen galten sie als »Krautwalsche«, die anderen betrachteten die ladinische Sprache als italienischen Dialekt. Erst 1951 wurden die Ladiner der Provinz Bozen als eigene Sprachgruppe anerkannt.
Seitdem hat sich vieles verändert, ist über neue Straßen die Welt ins Gadertal gekommen, sind abgeschiedene Seitentäler vom Gestern ins Heute gefallen, und im ladinischen Kulturinstitut Micurà de Rü in St. Martin in Thurn im Gadertal machen sie sich Sorgen um die Zukunft, um die Sprache, die Kultur, die Menschen. Giovanni Mischi sitzt in seinem Büro im ersten Stock des Instituts und blickt ernst durch seine schmalrandige Brille. »In den letzten 50 Jahren hat sich hier mehr verändert als in den Jahrhunderten davor«, sagt der Sprachwissenschaftler. Landschaften formen die Menschen, die in ihnen leben. Die Felswände der Dolomiten sind schroffer und zackenreicher und gleichzeitig heller und feinspitziger als die anderen Berge der Alpen. Die Ladiner, sagt Giovanni Mischi, sind verschlossen, weil sie Bergbewohner sind und bei allem Gemeinschaftssinn große Individualisten, dabei sensibel, künstlerisch veranlagt, sehr musikalisch. Die Umwälzungen der letzten Jahrzehnte, in denen das Leben schneller geworden ist, in denen die Touristen kamen und immer mehr Einheimische gingen, haben sich tief ins Gewebe der Gesellschaft gefressen, viele vertragen, ertragen die Veränderungen nicht. Wohl deshalb haben die Ladiner in Badia die höchste Selbstmordrate in ganz Italien, glaubt Mischi, die Statistiken verraten darüber nichts.
Das ladinische Wort für FKK muss der Wörterbuchschreiber erfinden
Giovanni Mischi will die Menschen retten, in dem er ihre Sprache rettet, ihre Identität bewahrt. Dem Kulturinstitut gaben sie den Namen des Gadertaler Geistlichen Nikolaus Bacher, genannt Micurà de Rü, der 1833 erstmals versuchte, eine für alle fünf Täler gültige ladinische Schriftsprache aufzustellen. Bis heute gibt es keine einheitliche ladinische Hochsprache, zu viele Empfindlichkeiten, meint Mischi, viele wollen nicht einsehen, dass die gemeinsame Dachsprache nicht einebnet, sondern stützt. Zehn, zwanzig Jahre brauche die Einigung wohl noch, aber sie wird kommen, weil sie kommen muss. »Wenn wir die Sprache aufgeben, sind wir wie alle anderen«, sagt Giovanni Mischi und schlägt mit einem Ruck das kiloschwere Wörterbuch auf, das er erarbeitet hat, Deutsch-Gadertalerisch, bei N wie Nacktbadestrand, spona por désnüs, und Nadeldrucker,stampanta a aodles. Wenn die Sprache weiterleben soll, muss sie das Gewicht der Jahre tragen, das Neue einschließen. Und so sitzt Giovanni Mischi in seinem Büro und bastelt. Erfindet Wörter wie ciuciastuep, Staubsauger, und crazacil, Wolkenkratzer, und versucht, sie in das Korsett einer Sprache einzupassen, in der sie seltsam fremd erscheinen. Die dafür wörterbuchabsatzweise Ausdrücke kennt für verschiedenste Arten des Kirchenglockenläutens und für Tätigkeiten, wie es sie nur hier gibt, wie siè coa, auf den Alpwiesen Gras für das erste Heulager mähen.
Es gibt Leute, die halten Giovanni Mischi für einen Eiferer, zu strebsam, zu beflissen; es kümmert ihn nicht. »Es ist Glück, zu wissen, was man will«, sagt er und malt mit einem Bleistift Schleifen auf die dreisprachige Gemeindesitzungsordnung. Eine Errungenschaft, wohl die bisher größte von allen, nennt er das Gesetz, mit dem Ladinisch 1988 Amtssprache wurde für Grödner- und Gadertal. Alle Verwaltungstexte müssen seitdem neben Italienisch und Deutsch auch in Ladinisch abgefasst werden, und seit die Beamten eine Sonderzulage dafür bekommen, sind auch sie zufrieden mit der neuen Dreisprachigkeit.
Seit ein paar Jahren gibt es ein ladinisches Museum in St. Martin, oben im Schloss, dem Ciastel de Tor, ein paar hundert Meter die Straße hinauf thront es über dem Ort. Zu Füßen der Burg führt die Straße in das kleine Campilltal, ladinisch Lungiarü, das »Tal entlang dem Bach«. Das 20. Jahrhundert kam mit reichlich Verspätung nach Lungiarü, die Straße in den gleichnamigen Hauptort gibt es erst seit 1968, bis ans Ende des Tals wurde sie erst vor zwanzig Jahren ausgebaut, als Giovanni Mischi gerade sein Studium in Innsbruck begonnen hatte. Zwei Jahre später kam die Telefonleitung.
Giovanni Mischi ist hier geboren, am Ende des Tals, wo sich ein paar Häuser an einen steilen Sonnenhang klammern: die Viles Miscì und Seres. Ladinische Weiler, aus der Zeit gefallen, bestehend aus einem halben Dutzend Paarhöfe, jedes Wohnhaus lehnt sich an einen Stall mit Holzstadel. Wie wohlgehütete Geheimnisse drängen sich die sonnenverbrannten Häuser eng aneinander, rund um einen kleinen Platz mit Brunnen, Viehtränke und Backofen. Jede Vila ist eine verwinkelt-verwunschene Welt für sich, aus Wegen, Durchgängen und kleinen Gärten. Die dunkel-hölzernen Viles, die aussehen wie vor 100 Jahren und deren Anfänge so alt sind wie die ladinische Sprache selbst, stehen für ein anderes Lebensmodell, sagt Giovanni Mischi, für eine Zeit, in der Gemeinschaft das höchste Gut war und man nur so viel produzierte, wie man zum Leben brauchte.
Nach dem Tod des Vaters hat er hier mit seiner Frau Maria den Bergbauernhof seiner Familie übernommen, aber seine beste Erbschaft, sagt er, sei sein Studium. Weitsichtig sei es vom Vater gewesen, der meinte, der Hof bleibt dir sowieso, und ihn zum Studieren schickte. In den Viles stehen inzwischen viele Häuser leer, vor allem die jungen Leute ziehen weg, der Arbeit wegen. Hier, auf 1400 Meter Höhe, nützen keine Maschinen zum Mähen. Von der Landwirtschaft allein kann niemand mehr leben, das weiß Mischi, aber dem Tourismus trauen? Er will sie hier nicht haben, die Blechlawinen, die sich durch das obere Gadertal, Alta Badia, schieben, die neuen herausgeputzten Alpenhäuser, die wie in Corvara die alten mit ihrer Patina von Jahrhunderten ersetzen.
Agriturismo, Urlaub auf dem Bauernhof, das wäre vielleicht etwas, wie bei Familie Clara in Seres. Rosalia und Nando vermieten Zimmer und Ferienwohnungen auf ihrem Hof Lüch de Vanc’ nahe den Viles. Hinterm Gartenzaun beginnt der Naturpark Puez-Geisler, und im Gästebuch der Internet-Seite schreiben Städter sehnsüchtig vom Wiederkommen, wenn die Krokusse blühen. Agriturismo, das wäre vielleicht etwas, aber immer öfter kommen Industrielle aus München und Mailand, die viel Geld für Grundstücke und Häuser bezahlen. »Die Heimat wird wegverkauft, Stück für Stück«, sagt Mischi, und dann legt er die Stirn in Falten und den Kopf schräg und horcht den eigenen Worten nach, als fürchte er, sie könnten gewogen und für zu schwer befunden werden. Giovanni Mischi hat Angst vor der Versuchung.
In Corvara ist die Versuchung längst angekommen. Corvara in Alta Badia mit seinen barcaférestaurantgesäumten Straßen, Corvara, wo das Tal weit wird und der Fluss schmal und die Hotels Villa Resi und Villa Alaska heißen und die Frühstückspensionen Angelika oder Alpenrose. Corvara ist eine Erfolgsgeschichte. Früher ein abgeschiedenes Bergdorf, heute ein Wintersportzentrum mit einem Spitzenplatz unter den Südtiroler Kommunen: knapp 500 Übernachtungen pro Einwohner im Jahr.
Corvara hat ein Netz von Liften und Seilbahnen über die Berge ringsum geworfen, vor dem Tourismusverein weht ein vielfarbiger Fahnenstrauß, im Schaukasten hängt der Wetterbericht in Englisch und mit lachenden Sonnen- und dickbackigen Wolkengesichtern. Im Sommer wie im Winter kommen die Touristen nach Corvara, zum Motorrad, Mountainbike, Ski fahren, manchmal nur, um sich aus dem Reisebusfenster an der grandiosen Dolomitenumrahmung satt zu sehen. Sylvester Stallone drehte hier seinen Actionfilm Cliffhanger, weil die Berge hier so viel majestätischer waren als die im Drehbuch vorgesehenen Rocky Mountains.
Aus Corvara muss niemand weggehen. »Im Tourismus gibt es immer viel zu tun«, sagt Sylvia Willeit, die an der Grundschule im Klassenzimmer mit Dolomitenblick unterrichtet. Einmal in der Woche steht für ihre zweite Klasse »Interlinguistica« auf dem Stundenplan, integrierter Sprachunterricht, Deutsch, Italienisch und Ladinisch in einer Stunde. Die Idee hatte ein Schweizer Professor, »weil er es so faszinierend fand, dass wir alle drei Sprachen unterrichten«. Ab der zweiten Klasse gilt das paritätische Unterrichtsprinzip, eine Hälfte der Wochenstunden wird in Italienisch, die andere in Deutsch unterrichtet. Für Ladinisch bleiben zwei Wochenstunden in der Grundschule, in den höheren Schulen eine. Aber wenn nach dem Läuten die Türen der Klassenzimmer aufgehen, ist es da, das Ladin.
Wie es sich gehört, siezen die Kinder ihre Eltern
Sylvia Willeit fährt nach Schulschluss durch das ganze Gadertal zurück nach Hause nach Pfarre Enneberg, auf Ladinisch La Pli di Mareo, ein winziges Dorf mit barocker Pfarrkirche in einem kleinen Seitental. Dort leben ihre Eltern, die sie auch mit 29 Jahren noch siezt, weil es Tradition ist hier, dort lebt ihre ganze Familie, bis auf einen ihrer Brüder, der nach seinem Wirtschaftsstudium in Österreich und Amerika bei einer Bank in Wien arbeitet. »Er hat es geschafft, als Ladiner«, sagt Sylvia, sehr stolz und kein bisschen sehnsüchtig. Für sie kam es nie infrage, wegzugehen aus ihrem Dorf, wo zu den Umzügen an Kirchenfeiertagen auch die Jungen noch kommen, nicht in Tracht, aber auch nicht in Jeans. »In Corvara«, sagt Sylvia, »in Corvara machen sie das doch nur noch für die Touristen, die kommen und alles filmen.«
Aus Corvara führt die Straße hinaus über den Berg ins benachbarte Grödnertal. Enrosadüra nennen sie es auf Ladinisch, wenn die Abendsonne den Dolomiten die Röte in die bleichen Spitzen treibt. Im letzten Tageslicht kann man sie gerade noch lesen, die Worte, die ein Unbekannter an die zweite Kehre des Grödner Jochs geschrieben hat. Ein Satz nur: »Ne sté a vene tia tera, tia vita« – verkaufe nicht dein Land, dein Leben. Oben am Ciastel de Tor in St. Martin haben sie ihn vor dem Museumseingang in den Steinboden gemeißelt. In allen fünf ladinischen Sprachen.
Dieser Artikel wurde mit dem Förderpreis für junge Journalisten der Südtirol Marketing Gesellschaft (SMG) ausgezeichnet
INFORMATION
Anreise: Mit dem Auto über die A22 bis zur Ausfahrt Vahrn/Brixen, weiter auf der Pustertaler Straße49 bis St. Lorenzen/Bruneck, wo die Straße 244 ins Gadertal (Val Badia) abzweigt. Mit dem Zug über Brixen nach Bruneck, von dort weiter mit dem Bus Agriturismo: Lüch Fossè, Familie Sorá, Campill, 28, I-39030 St. Martin in Thurn, Tel. 0039-0474/ 590060, www.afosse.it; Bauernhof Tlisöra, Familie Chiusura, Campill, Seres 38, I-39030 St. Martin in Thurn, Tel. und Fax 0039-0474/590145, www.tlisora.it; Lüch de Vanƒ, Familie Clara, Campill, Seres 36, I-39030 St. Martin in Thurn, Tel. 0039-0474/590108, www.vanc.it
Museum Ladin: Das Museum in St. Martin in Thurn hat zurzeit mittwochs, donnerstags und freitags jeweils von 14 bis 18 Uhr geöffnet. www.museumladin.it
Auskunft: Südtirol Marketing Gesellschaft, Tel. 0039-0471/999888, www.suedtirol-marketing. info; Tourismusverband Alta Badia, I-39033 Corvara, Tel. 0039-0471/836176, www.altabadia.org
- Datum
- Quelle (c) DIE ZEIT 17.01.2006 Nr.4
- Empfehlen E-Mail verschicken | Bookmarks
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:





Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren