Er soll sie retten. Erlösen von Berlusconi und vom Feinstaub, von vorbestraften Parlamentariern und arsenverseuchten Käfighühnern. Als Beppe Grillo an diesem nebelverhangenen Turiner Wintertag das Café betritt, blicken die Leute erst so ungläubig, als hätten sie eine Erscheinung, dann lächeln sie beseelt und kommen näher. Sie wollen ihn anfassen, so wie den Papst oder Padre Pio oder einen Buckligen, der Glück bringt, wenn man seinen Buckel mit den Fingerspitzen berührt. Grillo kritzelt Autogramme auf Papierservietten und Streichholzschachteln, bitte schreiben Sie: für Elena, und mit einem Mal sehen die Leute aus wie erleuchtet. Seine Auftritte - wie hier in Mailand - nennt Grillo "Reden an die Menschheit" BILD

Beppe Grillo ist Italiens populärster Kabarettist. Und daran gewöhnt, dass man ihn stets in jenem vertraulichen Ton anspricht, in dem man einem Mediziner ein geschwollenes Knie vorführt: Sie als Komiker, Sie kennen sich doch aus… Und dann geht es um Anlagebetrügereien. Oder um die Löcher im Gesetz über die Beschlagnahmung von Mafiagütern. Oder um den Parmalat-Skandal. Bei einem Abendessen erzählte ihm ein ehemaliger Parmalat-Manager, dass die Schulden des Unternehmens längst über dem Umsatz lagen. Das war zwei Jahre vor dem Zusammenbruch des Lebensmittelkonzerns. Beppe Grillo machte daraus eine Nummer seiner Show. Später luden ihn die Staatsanwälte als Zeugen vor: Sie als Komiker, Sie kennen sich doch aus… Seither ist Beppe Grillo ein Nationalheiliger. Zuständig für aussichtslose Fälle, Unglück und Meineid und schlechtes Wetter, für Krämpfe und Kopfschmerzen, Fußleiden und Epilepsie. Kurz: für Italien.

Man vertraut ihm. Weil er keiner Partei gehört. Was in Italien, wo jedes Nummerngirl entweder für Berlusconi oder für seine Gegner tanzt, eine Seltenheit ist. Er hat weder Ringelreihen für die Linke gemacht, wie der Regisseur Nanni Moretti, noch ergeht er sich in Forza-Italia-Propaganda wie der Berlusconi-Höfling Bruno Vespa mit seiner täglichen Talkshow auf Rai Uno. Beppe Grillo ist seine eigene Partei. Deshalb sind Shows auch keine Shows, sondern »Reden an die Menschheit«. Stets läuft er schwitzend und monologisierend durch das Publikum, erst flüsternd, dann sich ereifernd, er gelangt über die Vogelgrippe und die Schulreform zu George Bush, und wer von den Zuschauern Pech hat, der wird von Grillo ergriffen und geschüttelt und schließlich, brutti bastardi! , an seine nasse Brust gedrückt. Durch die Luft fliegen Schweißtropfen. Er behauptet, es sei Weihwasser.

Er schlachtet die heiligen Kühe der Linken wie der Rechten

Es geht um Ökonomie und Ökologie, um Politik und Konsum und den Fortschritt, der keiner ist. Um Genueser Pesto-Sauce, die mit Basilikum aus Vietnam gemacht wird, um italienische Manager, die Aktionäre um ihren Besitz bringen. Grillo schlachtet die heiligen Kühe der Linken genau wie die der Rechten, er wähnt die Geheimnisse Italiens im Buckel von Andreotti, schmäht Oppositionsführer Prodi als Mortadella und verschont nicht mal die italienische Mama: Mütter, die sich um die Blässe ihrer heranwachsenden Söhne sorgen, werden von Grillo darüber aufgeklärt, dass es sich hierbei um keine Krankheit, sondern um die natürliche Folge von exzessivem Autoerotismus handele.

Beppe Grillo wütet landauf und landab, er zerrt den Mailänder Bürgermeister auf die Bühne und zwingt ihn, die Abgase eines wasserstoffbetriebenen Lieferwagens einzuatmen, er trennt auf der Bühne den Müll, jongliert mit Zahlen und Statistiken, schreit: Jetzt habt ihr mich schon wieder fuchtig gemacht!, obwohl er eigentlich schon längst verstummt sein sollte. Jedenfalls, wenn es nach dem Willen der Mächtigen ginge.