Kabarett Heiliger BeppeSeite 3/3

Er schäumt und schwitzt und schreit, und das Volk jubelt ihm zu

In Dänemark wird ein solches Projekt zwei, drei Jahre lang mit den Bürgern diskutiert, bis es umgesetzt wird, das müssen wir auch hier erreichen!, sagt Grillo. Er sitzt in einem Kleinbus, stopft Lakritz in sich hinein und wird von einer Polizeieskorte mit Blaulicht durch Turin geleitet, eine kleine Aufmerksamkeit von Grillo-Fans in Uniform. Als Grillo den Kopf aus dem Fenster streckt, drängen sich die Polizisten um ihn und erbitten Autogramme.

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Ich bin ein Kontrolleur des Augenscheinlichen, sagt Grillo. Nicht mehr. Nicht weniger. Ich will das Publikum nicht erziehen, ich will nur, dass es bestimmte Dinge erfährt. Viele Dinge hält man für gesichert. Und genau das ist falsch. Man muss einfach nur genau hinsehen. In einem Jogurt steckt mehr Politik als im ganzen italienischen Parlament!

Das amerikanische Time- Magazin krönte Beppe Grillo für sein Engagement zum »europäischen Helden«. Natürlich haben schon einige politische Parteien bei Grillo angefragt: Die Grünen hoffen, mit ihm die eigene Antriebs- und Bedeutungslosigkeit zu überwinden, und der ehemalige Staatsanwalt Antonio Di Pietro würde ihn auch gerne in den Reihen seiner Bürgerbewegung wissen. Aber Grillo bleibt stur. Lieber Ikone der Gegenaufklärung als Pappkamerad des italienischen Parlaments.

Ihr lebenden Leichen, ich reiße euch den Arsch auf!, schreit Grillo später auf der Bühne vor den Gegnern des Hochgeschwindigkeitszuges. Sie wollen uns glauben machen, dass man 20 Milliarden Euro ausgeben kann, um 20 Minuten zu sparen! Um danach zwölf Stunden allein für die Strecke Salerno–Reggio Calabria zu brauchen! Ist es ein Fortschritt, wenn der Mozzarella mit 300 Stundenkilometern durch das Susa-Tal rast? Ist es ein Fortschritt, wenn Kartoffeln in Deutschland geschält, in Sizilien gewaschen, in Genua frittiert und in Deutschland verpackt werden?

Grillo schäumt, und das Volk jubelt ihm zu wie beim Reichsparteitag. Als er schließlich wieder durch die Menge geleitet wird, wollen ihn alle noch mal anfassen, ihm Wimpel schenken, handgeschriebene Zettelchen zustecken, die von unentdeckten Skandalen künden, ihn per Handy fotografieren. Grillo hat für jeden ein Wort, einen Witz, eine Umarmung. Im Laufen klärt er noch eine Fernsehreporterin über die Umweltschädlichkeit von Kühlschränken auf, er verliert selbst dann nicht die Geduld, als sich ein Mann zu ihm in den Kleinbus zwängt. Er behauptet von sich, ein Nuklearmediziner zu sein, der mit Elektroschocks behandelt wurde, und breitet auf seinen Knien eine zerfledderte Europakarte aus, deren Grenzen er selbst gezeichnet hat. Dann erklärt er, dass es wenig sinnvoll sei, den Zug an der kurvigen Küste entlangzuführen, und schlägt eine gerade Gleisführung vor. Das leuchtet mir ein, sagt Grillo. Und der Mann ist glücklich.

 
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