Nein, Ihr Gefühl trügt Sie nicht, die Zeit der Großen Koalition war wirklich schon einmal da, und zwar vor langer, langer Zeit. Nicht während der ebenso bezeichneten Veranstaltung von 1966 - da dürfen Sie sich von der Namensgleichheit nicht in die Irre führen lassen.

Woran erinnert Sie die politische Klasse, die sich summend bei den Händen hält, sanft im Takt der Flöte wiegt, in Trippelschritten fortbewegt, stets in die richtige Richtung? Klausur auf Klausur, schon schnappt diskret die Tür zu, Vertraulichkeit ohne viele Worte, damit sich die Dinge in sphärischer Harmonie von selbst regeln. Quengelei und Streiterei spielen sich auf den Gassen jenseits des verbotenen Palastes ab. Längst vergessen sind die virilen Ellenbogenpolitiker von früher. Die SPD wird von zwei domestizierten Dreitagebart-Trägern geführt - diese Partei wird schon in wenigen Monaten den Typus des metrosexuellen Funktionärs hervorbringen. Die Union ist ein paar Schritte voraus, späte Kindergesichter prägen das Bild, umflort von der erotischen Tristesse der Jungen Union, wie wir sie von den Schulhöfen dieser Republik kennen. Es gibt keine harten Themen mehr, es gibt den inneren Frieden und das Wohlergehen der Kinder, das Studium der Schriften und die Genügsamkeit des Familiären, es gibt das eifrige Bemühen, die Herzensruhe und das stille Wohlergehen.

An was erinnert Sie das? Richtig, an China. Nicht an das wilde, die Mao-Bibel schwenkende, sondern an das alte, kaiserliche. Die Berliner Republik ist das Reich der Mitte. In und durch die Große Koalition sinisieren wir uns. Jeder Kaiser von China durfte seine Regentschaft unter eine eigene Losung stellen.

Merkels Epoche steht unter dem Motto Wettbewerbsföderaler Himmlischer Friede.

Wettbewerbsföderaler Himmlischer Friede wird regieren, so lange Menschen denken können. Keine Kulturrevolution wird diesen Äon beenden, denn auch das alte China ging nicht mit einem Knall, sondern mit einem wohlerzogenen dezenten Wimmern unter. Irgendwann.

Als die Kaiserin Tsu Hsi nach dem glücklosen Aufstand der Boxer gestürzt wurde und einem blassen Kind (aus Niedersachsen?) weichen musste, hinterließ sie ein politisches Testament. Zwiefach mahnte sie darin ihre Landsleute: Nie wieder dürfe ein Weib das Reich regieren. Und vor allem: Mit der Wirtschaft der Eunuchen müsse es für immer und ewig vorbei sein.