Meg Stuarts Choreografien sind immer Rettungsversuche. Mal will sie sich selbst aus dem Sumpf von Alltag und Angst ziehen wie in Alibi - mal will sie eine Partygesellschaft aus der Paranoia befreien wie in Visitors Only - mal will sie die Welt vor dem Verglühen bewahren wie jetzt in Replacement in der Berliner Volksbühne, dem letzten Teil dieser Trilogie der Niedergeschlagenheit.

Immer geht es der Amerikanerin um eine Art Tauschhandel, der mal mehr und mal weniger symbolisch ist: Kunst gegen Leben, Einsicht gegen Körpereinsatz, Erlösung gegen Erschöpfung - das Letzte gilt übrigens für beide Seiten, für Tänzer und Zuschauer gleichermaßen. Das war stets eine kunstvolle Anstrengung des Pessimismus, die wohl zu dem Zeitpunkt aus der Balance geriet, als die Sprache ins Spiel kam: Das Befindlichkeitstheater der späten neunziger Jahre hat auch in Replacement seine Spuren hinterlassen - und wie manch anderer Choreograf gibt sich nun auch Meg Stuart dem Philosophieren und dem raunenden Plappern hin. Problematisch wird das, wenn es gänzlich ohne Humor oder Selbstironie passiert. Dann ist der bereits vorhandene Bedeutungsüberdruck, der auch sonst schon eine Gefahr für das Tanztheater darstellt, endgültig nicht mehr einzudämmen. Dann frisst das Bedeutungsgespenst einfach die Körper auf, die Zombies sein wollen, Ausgestoßene, Verlorene. Dann wird das Gruselkabinett zur Puppenstube.

Meg Stuarts Choreografien hatten nun bei aller Sinnlichkeit stets etwas Thesenhaftes - die Moderne ist ihr ein trostloses Labor, das vorgibt, Licht und Fortschritt zu erzeugen, und dabei vor allem Dunkelheit und Depression hervorbringt. Diesmal sind ihre Tänzer Teil eines ominösen Experiments - acht gut aussehende junge Menschen, auf diese magere, ausgehungerte Art schön, wie sie vor allem in westlichen Großstädten vorkommen, zwischen Seattle und Barcelona, wo Meg Stuart, so scheint es, auch ihre Tänzer gefunden hat, die sie hier zum ersten Mal als Ensemble auftreten lässt. Damaged Goods heißt ihre Truppe, mit der sie seit 1994 in Brüssel residiert - sie sind lasziv, zerbrechlich, tot.

Das Schattenreich, das sie bewohnen, hat etwas von einer Therapiestunde, von Familienhölle, von der ganz normalen Folterkammer, in die sich Liebende besonders gern sperren. Jeder überwacht den anderen - die entstellten Gesichter, die auf den Videowänden zu sehen sind, sind Darstellungen seelischer Deformationen - die Codes von Stil und Hipness sind Unterwerfungsinstrumente des kulturellen Konformismus. Wenn die Körper vibrieren und zittern, wenn sie zu zerplatzen scheinen, dann ist es die Gegenwart, die sie auf eine Belastungsprobe stellt. Nur leider will Meg Stuart diese Welt, wie sie sie sieht, nicht in erster Linie beschreiben - sie will sie deuten. Und dabei gerät sie nicht nur in die Gefilde des Bekannten - auch ihre Kunst kommt dabei aus dem Tritt.

So stolpern die Tänzer und taumeln durch den rotierenden Raum, den Barbara Ehnes gebaut hat - so fallen sie und verletzen sich und bluten doch nicht - so erzählen sie vom Unglück der Unfreiheit und bleiben selbst gefangen in Meg Stuarts Gegenwartskorsett - so verkörpern sie die Melancholie der Reproduzierbarkeit und die Traurigkeit des Freaks und sind doch nur Stadttheaterinsassen. Sie sind nicht gefährdet - es gibt nichts zu retten.