DIE ZEIT: Herr Müller, Sie sind Chef der zweitgrößten Bank des Landes, und sie kaufen munter zu. Wie groß soll die Commerzbank denn noch werden?

Klaus-Peter Müller: Größe an sich ist für mich kein Ziel. Wie groß die Commerzbank sein muss, um sich am Markt zu behaupten, hängt auch von der Größe unserer Wettbewerber ab. Wenn es zu einer weiteren Serie von Fusionen in unseren Nachbarländern kommt – und davon gehe ich aus –, drohen alle deutschen Banken weiter zurückzufallen. Das lässt sich allein durch Qualität dann nicht mehr ausgleichen.

ZEIT: Braucht eine große Industrienation wie Deutschland eine große Bank, einen nationalen Champion?

Müller: Ja. Und ich bin erstaunt darüber, wie manche Bankmanager und Politiker in dieser Frage urteilen. Für jede Industrienation ist es wichtig, mindestens eine Bank zu haben, die nicht nur in den eigenen Landesgrenzen, sondern darüber hinaus eine Rolle spielt. In den Vereinigten Staaten gibt es drei große Universalbanken und mindestens drei weltweit bedeutende Investmentbanken. Die Franzosen haben drei große Banken, die Spanier zwei, die Italiener zwei, die Schweizer zwei. Das hat nichts mit Nationalismus zu tun. Man läuft sonst einfach Gefahr, von politischen Entscheidungen, die in Nachbarländern getroffen werden, wirtschaftlich abhängig zu werden. Die amerikanische Regierung beispielsweise stellt regelmäßig Embargolisten für Banken in den USA auf. Wenn deutsche Großbanken nur noch Filialen amerikanischer Banken wären, könnten deutsche Unternehmen mit bestimmten Ländern unter Umständen keine Geschäfte mehr machen.

ZEIT: Deswegen hat Deutschland die Deutsche Bank.

Müller: Die Deutsche Bank ist das größte deutsche Institut, und sie hat den Anspruch, in der globalen Liga mitzuspielen, der sie rein von der Größenordnung her ja auch angehört.

ZEIT: Ihr wurde zuletzt aber gleich zweimal vorgeworfen, sich gegen den Heimatmarkt gestellt zu haben: bei der Krise der Hypothekenbank AHBR und bei der Schließung ihres offenen Immobilienfonds. Sieht so ein nationaler Champion aus?

Müller: In schwierigen Situationen steht nicht nur eine Bank in der Pflicht. Im Fall der AHBR haben die Banken daher gemeinsam gehandelt. Die Commerzbank hat dabei das Konsortium angeführt, das der AHBR die notwendige Liquidität zur Verfügung stellte.

ZEIT: Zum ersten Mal?

Müller: Ja. Und ich könnte mir vorstellen, auch nicht zum letzten Mal. Sie werden verstehen, dass ich als Präsident des Bankenverbandes nicht dezidiert zu Entwicklungen in anderen Häusern Stellung nehme. Sie können aber davon ausgehen, dass ich sehr genau beobachte, wer sich geschäftspolitisch wie verhält und wer sich wie positioniert.

ZEIT: Will die Commerzbank in Deutschland die alte Rolle der Deutschen Bank übernehmen?

Müller: Die Rolle der Commerzbank ist wichtiger geworden. Wir sehen uns zunehmend in der Pflicht, gemeinsam mit anderen für den Finanzplatz Deutschland zu arbeiten.

ZEIT: Und um noch wichtiger zu werden, haben Sie im November 2005 die Eurohypo gekauft?

Müller: Definitiv nicht. Eine Hypothekenbank wie die Eurohypo verspricht Solidität und relativ sichere Erträge. Das ist gut zum Ausbalancieren anderer, risikoreicherer Aktivitäten der Bank.

ZEIT: Und was ist mit der Berliner Bank, für die Sie jetzt offiziell bieten?

Müller: Die Berliner Bank ist eine interessante Gelegenheit zur Verstärkung des Privatkunden- und Mittelstandsgeschäfts. Wir wollen die Commerzbank vernünftig entwickeln, nach vorne bringen, profitabel wachsen lassen. Und wenn wir dabei größer und schöner werden, nehme ich das billigend zur Kenntnis.

ZEIT: Weil es Sie vor einer Übernahme schützt?