Stadtsanierung »Da mache ich nicht mit«
Darf der Palast der Republik noch stehen bleiben? Wann kommt das Humboldt-Forum? Und wie viel kostet das alles? Vor der letzten Entscheidung äußert sich dazu erstmals der Bundesbauminister Wolfgang Tiefensee
DIE ZEIT: Herr Tiefensee, wann waren Sie das letzte Mal im Palast der Republik?
Wolfgang Tiefensee: Oh, das ist eine Weile her. Das war bei einem Orchesterauftritt.
ZEIT: Wie bitte? Seit DDR-Zeiten sind Sie in dem Bau, über dessen Abriss jetzt so heftig diskutiert wird, nie wieder gewesen?
Tiefensee: Ich werde ihn mir in Kürze noch ansehen. Gerade in jüngster Zeit hat der Bau ja sehr an Beachtung gewonnen, weil alle wissen, dass er abgerissen wird.
ZEIT: Sogar international wurde gefordert, die Ruine zumindest so lange zu erhalten, bis der Bau des Humboldt-Forums beginnt. Können Sie sich mit dieser Forderung anfreunden?
Tiefensee: Nein. Das Parlament hat den Abriss beschlossen. Und an diesem Beschluss wird auch die jetzige Regierung nichts ändern.
ZEIT: Trotz aller Proteste?
Tiefensee: Die Debatte, das dürfen Sie nicht übersehen, ist bereits geführt worden, und sie mündete in einer Entscheidung des Bundestages. Sie wurde mit einer übergroßen Mehrheit und quer durch alle Fraktionen getroffen. Und ich halte mich an die demokratischen Spielregeln. Ich respektiere diese Entscheidung, die nach langen Untersuchungen gefunden wurde. Jetzt gilt es, sich der Zukunft zuzuwenden.
ZEIT: Leider waren die Untersuchungen nicht gründlich genug. Nie ist geprüft worden, ob das Stahlskelett des Palasts in einen Neubau einbezogen werden könnte. Und was der Stahlbau wert ist. Warum lassen Sie das nicht prüfen?
Tiefensee: Diese Diskussion ist zu rückwärts gewandt. Mit der Gestaltung des Schlossareals haben wir die Chance, die deutsche Einheit in Berlins Mitte zu gestalten. Ich kann den mittlerweile geradezu romantisierenden Blick auf die Palastruine nicht nachvollziehen.
ZEIT: Es geht nicht um Romantik, es geht um ökonomische Vernunft. Allein der Stahlbau hat einen Wiedererrichtungswert von 110 Millionen Euro. Warum ihn also nicht für den Neubau nutzen und Geld sparen?
Tiefensee: Der Verkehrswert dieser Immobilie ist weit niedriger anzusetzen. Außerdem sage ich nochmals: Der Bundestag hat einen klaren Beschluss gefasst. Der Palast wird abgerissen und die Fläche gärtnerisch gestaltet. Ich habe keinen Zweifel, dass diese Entscheidung gut ist.
ZEIT: Was genau ist daran gut?
Tiefensee: Der Bau trägt den Namen Palast der Republik, aber er ist in seiner heutigen Gestalt eine Karikatur seiner selbst. Weder gereicht er dem ursprünglichen Bau zur Ehre, noch ist er dem Ort im Herzen Berlins angemessen.
ZEIT: Ist eine Gartenanlage angemessener?
Tiefensee: Die Grünfläche ist eine Übergangslösung. Und übrigens kostet es Geld, den Palast stehen zu lassen, er muss unterhalten werden.
ZEIT: Das kostet 160000 Euro. Über Vermietungen wäre das leicht wieder einzuspielen.
Tiefensee: Noch einmal: Auch wenn ich sehe, dass es ein großes öffentliches Interesse an dem Bau gibt – die Würfel sind gefallen.
ZEIT: Mit Verlaub, ein Minister darf doch Beschlüsse korrigieren. Zumal wenn es neue Erkenntnisse gibt, etwa durch die Machbarkeitsstudie, die Ihr Ministerium vorgelegt hat.
Tiefensee: Ich sehe keine einleuchtende Begründung, den Palast weiterhin zu nutzen. Auch der Vorschlag, hier eine Kunsthalle einzurichten, erscheint mir nur wenig sinnvoll. Berlin hat bereits sehr viele Orte der Kultur, und die kranken alle an zu wenig Einnahmen. Zudem ist mein Verdacht, dass mit diesen kulturellen Nutzungen des Palasts am Ende die Abriss-Entscheidung noch einmal infrage gestellt werden soll. Da mache ich nicht mit.
ZEIT: Aber was ist mit dem bevorstehenden Wettbewerb für das Humboldt-Forum? Vielleicht kommt einer der Architekten auf eine geniale Idee, wie sich das Gerippe des Palasts mit den barocken Schlossfassaden vereinen ließe. Das wäre kostensparend und würde auch der wechselvollen Geschichte des Orts eher gerecht. Warum vertun sie diese Chance?
Tiefensee: So eine Frage stellt man sich am Anfang eines Verfahrens und nicht mittendrin. Abgesehen davon, scheint es mir ästhetisch nicht befriedigend zu sein, das Palastgerippe und die Barockfassaden zu kombinieren.
ZEIT: Aber es ist doch widersinnig, jetzt den Volkskammersaal im Palast abzureißen, wo gleichzeitig die Machbarkeitsstudie empfiehlt, den Saal in den Mauern des Humboldt-Forums demnächst wiederaufzubauen.
Tiefensee: Der Saal ist bereits eingelagert worden, sodass die Möglichkeit besteht, ihn später einzubauen. Ob das dann am Ende auch getan wird, muss noch entschieden werden.
ZEIT: Es kann also durchaus sein, dass Sie jetzt für viel Geld einen Saal abreißen, den Sie später für viel Geld wieder einbauen?
Tiefensee: Es besteht die Möglichkeit, Teile davon später zu rekonstruieren. Wir werden das gründlich zu untersuchen haben.
ZEIT: Nach 18 Monaten ist aber alles abgerissen.
Tiefensee: So ist es beschlossen. Sie müssen bedenken, dass wir es mit recht langfristigen Perspektiven zu tun haben. Vor 2018, 2020 wird das Humboldt-Forum kaum eröffnen können. Erst müssen die Geldfragen geklärt werden, und das ist schwierig. Dann soll Ende 2007 der Bundestag den Baubeschluss fassen. Dann kommen Investorenwettbewerb, Architekturwettbewerb, Ausschreibungen. Vor 2012 werden wir mit dem Bauen nicht beginnen.
ZEIT: Also nicht nächstes Jahr, wie Ihr Vorgänger Stolpe das versprochen hatte?
Tiefensee: So schnell wird es nicht gehen.
ZEIT: Warum wird der Investor vor dem Architekten ausgewählt? Das widerspricht allen Gepflogenheiten, da der Investor doch den Entwurf kennen muss, um ein Gebot abzugeben.
Tiefensee: Das kann man schon so machen. Der Architektenwettbewerb wird unter Federführung des Investors vorangetrieben. Da geht es ja nicht nur um die Fassade, sondern um das gesamte Forum und also um das Investment.
ZEIT: Das heißt, ein privater Investor bestimmt maßgeblich mit, wie einer der wichtigsten Kulturbauten Deutschlands auszusehen hat?
Tiefensee: Im Moment ist es ein denkbares Finanzierungsmodell, einen Privatinvestor einzubeziehen. Doch kein Investor kann seine Vorstellungen gegen Bund und Land durchsetzen.
ZEIT: So oder so wird aber doch der Bund am Ende die Rechnung bezahlen müssen?
Tiefensee: Drei Viertel wird der Bund tragen, ein Viertel das Land Berlin.
ZEIT: Moment, Bürgermeister Wowereit hat verkündet, Berlin werde kein Geld beisteuern.
Tiefensee: Auch Berlin wird ohne Zweifel seinen Beitrag leisten müssen. Entschieden werden muss, wer der Bauherr sein wird.
ZEIT: 670 Millionen, so lauten die Berechnungen, wird das Forum kosten, wenn der Bund in Eigenregie baut. Wenn ein Investor einspringt, kostet das 1,2 Milliarden. Stolpe war immer für die teure Variante. Sind Sie das auch?
Tiefensee: Wir müssen aufpassen, dass wir in dieser Diskussion nicht Bau- und Finanzierungskosten vermengen. Im Moment will ich keine Präferenz nennen. Am Ende müssen die Kosten möglichst niedrig und die Qualität muss möglichst hoch sein. Daher erwägen wir, ein Hotel ins Humboldt-Forum zu integrieren.
ZEIT: Dann müssten aber die Ethnologischen Sammlungen, die im Forum gezeigt werden sollen, in die Tiefgeschosse abwandern. So würde der Bau noch teurer. Wäre es da nicht besser, auf das Hotel zu verzichten? Zumal es in Berlin schon jetzt zu viele Luxushotels gibt?
Tiefensee: Durch ein Hotel wäre das Forum durch einen zusätzlichen Anlaufpunkt belebt, wir hätten Konferenzräume, und die Bewirtschaftung der Cafés wäre gewährleistet.
ZEIT: Dafür müsste das Museum neun Meter in die Tiefe gebaut werden. Wie teuer ist das?
Tiefensee: Die Prüfung steht noch aus. Es hängt vom Nutzungskonzept ab, ob wir den Keller brauchen. Die Frage ist am Ende aber ohnehin eine viel prinzipiellere: ob der Bundestag das Humboldt-Forum so überzeugend findet, dass er ihm Priorität einräumt, auch angesichts der leeren Kassen.
ZEIT: Und was sagen Sie, ist das Forum überzeugend? Hat es eine nationale Bedeutung? Warum sollen am Ende auch die Bürger in Augsburg oder Gelsenkirchen für einen Berliner Museumskomplex mit Hotel zahlen?
Tiefensee: Weil er eine zentrale Bedeutung hat. Er ist neben der Museumsinsel Berlins Mittelpunkt. Das Schlossareal markierte einen architektonisch wichtigen Ort im Herzen der Stadt.
ZEIT: Bislang wollen sich die Deutschen aber nicht so recht mit dem Preußenschloss identifizieren. Eine nationale Euphorie gibt es nicht, anders als bei der Frauenkirche in Dresden.
Tiefensee: Ich bin zuversichtlich, dass eine solche Stimmung wachsen wird. Immerhin geht es um den Schlussstein der deutschen Einheit. Und Berlin wird seine Mitte zurückgewinnen.
ZEIT: Welche Fassaden-Version soll denn gebaut werden? Die von 1700, die von 1800 oder die 1950 zerstörte wilhelminische Fassung?
Tiefensee: Das wird jetzt zu untersuchen sein. Und das wird eine ganz schwere Aufgabe.
ZEIT: Und welche inhaltliche Begründung gibt es, ausgerechnet jetzt das teuerste Kulturhaus der Nachkriegszeit zu bauen?
Tiefensee: Der Bau wird schon durch die künftigen Sammlungen des Humboldt-Forums bedeutsam werden, also durch die außereuropäischen Sammlungen und die wissenschaftlichen Sammlungen der Humboldt-Universität. In der Kombination mit der Museumsinsel ergibt das ein Kleinod für ganz Deutschland.
Wolfgang Tiefensee war in Leipzig sieben Jahre lang Oberbürgermeister. Nun muss der 51-Jährige am Donnerstag erstmals in einer großenBundestagsdebatte sprechen. Es geht um die Zukunft des Schlossplatzes in Berlin und um den Antrag der Opposition,den Palast vorläufig stehen zu lassen.
Die Fragen stellten Hanno Rauterberg und Nikolaus Bernau
- Datum 19.01.2006 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 19.01.2006 Nr.4
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Ungläubig liest man dieses mutig gestellte Interview mit einem Bundesbauminister, der vom Bauen nicht so recht viel zu verstehen scheint, jedenfalls entstammen die konstruktiven Inhalte und gedanklichen Ansätze ausschließlich den Fragestellern. Während dessen windet sich der BB- Minister zwischen "das ist entschieden, darüber reden wir nicht mehr" und "das muss alles erst untersucht werden, bevor etwas entschieden werden kann".
Als Architekt erkenne ich keinen nachvollziehbaren Grund für den baldigen Abriss (wer bezahlt das?), für die geplante hinterfütterte Schlossfassadenausstellung (wer braucht das?) und für das Interview (wir brauchen das!) mit einem Bundesbauminister der sich vielleicht als Minister mit dem Bund auskennt, den Bau aber offensichtlich noch nicht verinnerlicht hat.
Merkwürdig, dass Herr Tiefensee in Bezug auf den Palast der Republik von "rückwärts gewandt" und "romantisierend" spricht. Man könnte fast meinen, er spräche von den Plänen, das Schloss wieder aufzubauen.
Hütchenträger und die Gemeinde "Berlin so wie es war" hängen
eben mehr an der Rekonstruktion und am schönen Schein. Tiefensee nervt, dass überhaupt noch geredet wird. Er will Fakten schaffen. Alle, die mehr nachdenken, schrecken zusammen,wenn hinter den Kulissen wieder der Name einer der Firmen auftaucht, die üblicherweise heute die wichtigsten Plätze in einer "deutschen Stadt" für sich reklamieren, bevor überhaupt architektonisch glaubwürdige Vorschläge existieren.
Ich staune über ihr mutiges Interview. Weiter so.
"Die Debatte, das dürfen Sie nicht übersehen, ist bereits geführt worden, und sie mündete in einer Entscheidung des Bundestages." Im nachhinein muß man sich doch die Frage stellen welchen Wert diese Debatte hatte. Der Palast war von 1990-2003 geschlossen. Kaum ein Westdeutscher hatte also auch nur die Chance Ihn von innen zu sehen. Er wurde geführt, während die Fassade des Palastes dem Verfall überlassen wurde. Parallel zeigte man '93 die Schlossfassade als Rieseninstallation. Welcher Bundestagsabgeordnete der die Debatte mit führte konnte sich denn die Nutzung oder das Innenleben vorstellen? Da hätte man wohl konsequenterweise den Rohbau nie wieder der Öffentlichkeit übergeben dürfen. Und jetzt da die Nutzungs- und Finanzfragen völlig neue Argumente erhalten wundert man sich über die Diskussion. Vor Gericht wird doch auch nicht beim Vorlegen neuer Beweise gesagt, die Entscheidung ist in vorheriger Instanz gefallen.
Ein BB-Minister, welcher sich wider aller Vernunft gegen die Bürger und (leeren) Kassen des Bundes/der Länder stellt; braucht man das? Es taucht der Anschein auf, dass der BB-Minister sich denkt: "Wie kann ein kleiner Zeitungsreporter es wagen, beschlossene Entscheidungen in Frage zu stellen?", auch wenn hinter diesen Fragen die finanziellen Vorteile klar auf der Hand liegen. Dieses Interview war Klasse, weiter so!
Deprimierend, wie die "Volksvertreter" jede vernünftige Diskussion verweigern und stattdessen ohne jedes stichhaltige Argumente teure und falsche Beschlüsse umsetzen. Gerade, wenn wie in diesem Fall, eine Nicht-Umsetzung bis zu einer vernünftigen Entscheidung ohne "Bildersturm-Mentalität" verhältnismäßig zig-fach billiger wäre!
Es wird langsam Zeit für eine gründliche Reform unseres politischen Systems (um nicht zu sagen: für eine Revolution)! Leider gibt es keine Jugend, die diese vorantreiben könnte...
Herrn Rautenbergs Kampf gegen Abriß des "Palastes" und Neubau eines Gebäudes mit der Kubatur des gesprengten Stadtschlosses war heroisch. Jetzt, nach dem erneuerten Abriß-Beschluß des Bundestages wird er uns hoffentlich mit weiteren Phantasien über die Nutzung des P. verschonen. Zur DDR-Zeit war der P. für die Nicht-Hauptstädter-der-DDR bereits reine Belastung, weil sämtliche Bau - Ressourcen des Landes dort verbraten wurden. "Ballast der Republik" hieß er außerhalb von Berlin. Geliebt wurde er nur von Berlinern, weil dort was los war. Höchste Zeit, daß das Ding verschwindet, diese Verschandelung des Zentrums. Die entstehende Leere wird nach dem Neubau rufen, mehr als die Ruine. Auch Herr Schmidt läßt nun hoffentlich seine Unterstellungen trüber finanzieller Machenschaften Herrn V. Boddiens. Ohne dessen unermüdliches Wirken wären wir nicht so weit! Aber das genau macht ihn gewissen Leuten zum Ärgernis. Diese sollten sich endlich damit abfinden, daß der Tanker auf stetigem Kurs ist.
vor der herausforderung humboldtforum geht der hoffnungsträger der wm hinter den pfiff des bundestages in deckung, eine entscheidung, die es ohne zu spucken zu respektieren gilt; der spiel-raum ist eigentlich weit offen, der rückpass, um zeit zu gewinnen haut ins gras und prompt passiert es: 0 : 1: museumsschloss mit hotel - ein eigentor - und das zuhause vor heimischen publikum...
ziel ist doch weltniveau - der ort das humboldt-forum - hier muss man gewinnen, mit einer vision zum sieg, nicht mit hinten reinstellen und kämpfen wie eine überforderte provinzmannschaft.
die taktik ist das tor zur zukunft suchen, ein echtes forum mit spielraum und mit publikum, mit aktion und eleganz nach vorne spielen, statt den schuss in den barockofen.
die mannschaft braucht einen neuen coach, der sich auskennt mit raumaufteilung, und das forum begreift als ein stück neue fluss-stadt, nicht als ein investorenmodell zur kaiserlichen selbstdarstellung:
als wiedergutmachung für die verlorenen fussballplätze vor dem reichstag ist die angestrebte zwischennutzung im jahr der wm ja zwingend logisch, ein vorschlag noch aus fachkreisen: die spiegelfassade des palastes würde das ganze doppelt so gross erscheinen lassen und die rückpässe würden nicht in der spree landen.
herr tiefensee, trauen sie sich wieder nach vorne, um dort tore zu schiessen: für das humboldt-forum als natürliche und moderne weiterentwicklung der eleganz der museumsinsel; treten sie an gegen die schreckgespenster aus dem schlosshotel, sie wollen doch die wm (weltmetropole) für sich gewinnen...
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