Kino : »Angst ist das tiefste Gefühl«

Warum sich die bürgerliche Gesellschaft unheimlich wird. Der Regisseur Michael Haneke im Gespräch über unser schlechtes Gewissen, seinen neuen Film »Caché« und seine Pariser »Don Giovanni«-Inszenierung

DIE ZEIT: Herr Haneke, In Ihrem Film Caché macht sich ein Unbehagen breit, ein Unbehagen in der bürgerlichen Kultur. Woher kommt es?

Michael Haneke: Das Unbehagen kommt aus einer Welterfahrung. Wir haben schließlich allen Grund, uns unbehaglich zu fühlen. Deshalb handelt mein Film ja auch von unserem schlechten Gewissen. Der eine nimmt Schlaftabletten, so wie Daniel Auteuils Filmfigur, der Nächste säuft sich nieder, der Dritte arbeitet wie gestört, so wie ich. Und der Vierte spendet für karitative Zwecke. Das ist halt unsere Form, unser schlechtes Gewissen zu beruhigen. Der Schlüsselsatz des Films lautet: »Was tut man nicht alles, um nichts zu verlieren« – dieser Satz ist unser täglicher Begleiter. Ich bin ein liberal denkender Mensch, aber wenn zu mir jemand kommt und fragt, ich hätte so ein hübsches Haus, ob ich nicht eine schwarze Familie bei mir einquartieren möchte, der gehe es so schlecht – dann hört meine Toleranz schnell auf. Das weiß ich auch. Dann fühlt man sich nicht sehr wohl. Es kann nicht jeder Albert Schweitzer werden. Michael Haneke BILD

ZEIT: In Caché gerät die Welt eines französischen Literaturpapsts und Fernsehstars aus den Fugen. Als Kind hatte er aus Eifersucht den algerischen Ziehsohn der Familie denunziert, der ins Waisenhaus abgeschoben wurde. Diese Vergangenheit kehrt nun zurück. Könnte man sagen, dass Ihr Film etwas Prophetisches hat? Dass er letztlich die Unruhen in den französischen Vorstädten vorhergesehen hat?

Haneke: Es ist ja nichts Neues, da musste man kein Prophet sein. Dieses Problem haben wir seit langem in Frankreich. Die Banlieues sind ein Erbe des Kolonialismus. Die Autos haben auch schon vorher gebrannt, und die werden auch weiter brennen. Durch eine Dokumentation auf Arte wurde ich auf das Massaker gestoßen, das die Pariser Polizei am 17. Oktober 1961 an Algeriern verübt hat. Darüber hat seit 40 Jahren in Frankreich niemand geschrieben, obwohl es dort eine relativ liberale Presse gibt. Dann habe ich mich darüber informiert und war völlig fassungslos. Ich wollte keinen Film über den Algerien-Krieg und das Algerien-Problem machen, eigentlich mehr über das Vertuschen eines Faktums. Da werden 200 Leute umgebracht und in die Seine geschmissen und schwimmen über Wochen den Fluss hinunter und kein Mensch redet davon – 40 Jahre lang! Das war eigentlich der Auslöser. Das hat auch gut gepasst zum Alter von Daniel Auteuil. Und ich wollte einen Film machen über jemanden, der mit einer Sache konfrontiert wird, die er als Kind begangen hat. Denn Kinder gelten ja immer als unschuldig und nicht verantwortlich.

ZEIT: Der Kern von Caché ist die Wiederkehr des Verdrängten…

Haneke: Ich sage immer: Was unter den Teppich gekehrt wird, wird den Teppich irgendwann in Bewegung setzen. Wir leben alle und permanent mit Schuldgefühlen. Man kann ja gar nicht anders. Das ist eine condition humaine. Man wird immer, willentlich oder unwillentlich, schuldig am anderen. Schuld ist dort, wo Leid entsteht. Wir können nicht schuldfrei leben, als Teil einer Gemeinschaft, eines Systems wird man zwangsläufig schuldig. Die Frage ist nur, wie wir damit umgehen. Meistens drücken wir uns.

ZEIT: In Ihrem Film können sich Juliette Binoche und Daniel Auteuil nicht mehr drücken. Sie werden von anonymen Videobändern in Angst und Schrecken versetzt. Darauf sind zunächst nur Alltagsaufzeichnungen zu sehen. Wer ist der Absender?

Haneke: Das weiß ich nicht.
ZEIT: Von den verdächtigen Algeriern kommen sie jedenfalls nicht …

Haneke: Das weiß ich nicht.

ZEIT: Sind sie gewissermaßen von der Gerechtigkeit selbst geschickt worden, sozusagen von einer imaginären Instanz?
Haneke: Ist mir auch recht.

ZEIT: Vielleicht hat sie das schlechte Gewissen zugestellt?

Haneke: Kann sein.

ZEIT: Von wem kommen sie dann?