Marpingen

Helene Schu erinnert sich noch gut an den Tag, an dem zum ersten Mal Hunderte von Pilgern durch ihre Straße zur Jungfrau Maria zogen. In einem kleinen Laubwald unweit von Familie Schus Haus am Rande des saarländischen Dorfes Marpingen, so hieß es damals, erscheine leibhaftig die Muttergottes. Komm, hat Helene Schu da zu ihrem Mann gesagt, wir setzen uns raus. Das ist doch interessant.

Sie blieb nicht lange sitzen. Zu offensichtlich war, dass diese Menschen nicht nur spirituellen Beistand brauchten. Helene Schu kochte Kaffee, buk Kuchen, verkaufte Suppe. Am Wochenende grillten ihre Kinder in der Garage Würstchen. Frau Schu ließ die Pilger ihre Toilette benutzen und vermittelte Zimmer. Das weckte den Argwohn ihrer Nachbarn. Geschäfte machen mit Maria?

Steckt sie am Ende mit denen unter einer Decke, die aus Marpingen ein deutsches Lourdes machen wollen?

Dies alles geschah im Sommer 1999. Damals herrschte in Marpingen Ausnahmezustand. Drei Frauen hatten behauptet, eine helle Gestalt mit Kind auf dem Arm flüstere ihnen Botschaften zu. Der Vorsitzende eines religiösen Vereins brachte die Botschaften unter die Gläubigen. Daraufhin überrannten an manchen Wochenenden 35 000 Pilger den kleinen Ort und seine 5000 Einwohner.

Schließlich berief die Amtskirche eine Untersuchungskommission, und seit kurzem ist es amtlich: Es steht nicht fest, dass den Ereignissen in Marpingen ein übernatürlicher Charakter zukommt. Vielmehr bestehen den Erkenntnissen des Bistums Trier zufolge schwerwiegende Gründe, die es nicht erlauben, sie als übernatürliches Geschehen anzuerkennen. Aus der Traum vom deutschen Lourdes.

Die wichtigste Streitfrage bleibt indes unbeantwortet: Darf man mit Maria Geld verdienen? Und wenn ja, wer sollte wie profitieren? Denn auch wenn Marpingen die kirchenamtliche Anerkennung verwehrt bleibt, der Ort ist längst eine feste Koordinate für die Pilgerströme des Kontinents. Rund 50 000 Gläubige kommen pro Jahr mit Bussen und Pfarrern, machen Halt an der Marienkapelle, machen Halt an der Pfarrkirche Maria-Himmelfahrt und fahren geläutert, erleichtert oder auch nur vergnügt wieder davon.