Selten hat eine Regierung mit so wenig Politik so viel Widerstand produziert. Die Große Koalition hat bisher kaum regiert, und schon ist der Druck der Ärzteschaft so groß wie selten zuvor. An markige Interviews der Funktionäre und an Proteste der Klinikärzte sind die Gesundheitspolitiker zwar gewöhnt. Neu ist aber, dass auch die niedergelassenen Mediziner bundesweit demonstrieren. Bisher schien der Straßenprotest nicht zum Selbstbild der Ärzte zu passen. Als die Verbände vor drei Jahren zu ähnlichen Aktionen aufriefen, beteiligten sich nur wenige.

Haben die Ärzte also Recht? Haben sie trotz ihres Durchschnittsumsatzes von 200000 Euro pro Praxis die Unterstützung der Öffentlichkeit verdient? Die Bilanz ist gemischt: Es stimmt, dass sich die Einkommenssituation der Mediziner verschlechtert hat. Die eigene Praxis ist längst kein sicherer Weg zum üppigen Wohlstand mehr, auch wenn die Einkommen nach wie vor überdurchschnittlich sind: Etwa ein Drittel der niedergelassenen Ärzte kommt netto mit weniger als 2000 Euro aus, ein weiteres Drittel verdient weniger als 3500 Euro. Dabei sind Ausgaben für die Altersversorgung nicht mitgerechnet. Viele Ärzte erbringen Leistungen, die sie wegen erschöpfter Budgets nicht abrechnen können. Das war vor fünfzehn Jahren anders – damals, als viele der demonstrierenden Mediziner sich für ihr Studium entschieden.

Solche Enttäuschungen haben allerdings auch andere Berufsgruppen zu verkraften. Das gilt vor allem für den Teil der Wirtschaft, der von öffentlichen Mitteln abhängt: Beamte müssen länger arbeiten und auf Teile des Weihnachtsgeldes verzichten; die Bauwirtschaft spürt den Rückgang öffentlicher Aufträge; Anbieter von Computerkursen für Arbeitslose verdienen weniger, weil die Bundesagentur für Arbeit bei der Bildung spart.

Die niedergelassenen Ärzte werden zwar nicht direkt vom Staat finanziert, doch auch sie leben überwiegend von staatlich fixierten Zwangsabgaben, den Beiträgen der Versicherten. Sie haben wenig Grund, in Zeiten des Sparens allzu viel Schonung zu erwarten. Hinzu kommt, dass der einzelne Praxisarzt vor allem deswegen weniger verdient, weil die Gesamtzahl der niedergelassenen Ärzte in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen ist.

Das ist vielen Ärzten klar. Dass sie trotzdem demonstrieren, liegt auch am politischen Programm der kommenden Wochen: Bevor die Große Koalition ihre Eckpunkte für die Gesundheitsreform festlegt, will man kraftvoll an die Ärzteschaft erinnern. Denn noch ist offen, was die Koalition den Medizinern abverlangt: Die SPD möchte sparen, die Union will die Arztpraxen besser stellen als bisher. Gut möglich, dass die Proteste dieser Woche nur ein Auftakt sind. Bisher ist die Große Koalition auch deshalb beliebt, weil sie keine schmerzhaften Gesetze beschlossen hat.