Die Instrumente des Erfolgs sind unscheinbar. Graues Hart-PVC, 14 mal 35 mal 7 Zentimeter – Posteingangskästen. Sie stapeln sich auf dem Schreibtisch im Kundenzentrum der Betriebskrankenkasse Scheufelen. Jedes Fach ist gefüllt. Pro Woche gehen 200 bis 250 Beitrittsanträge ein. Stets die Kosten im Blick: Mitarbeiter der BKK Scheufelen freuen sich über ihren Erfolg BILD

Während allenthalben im System der Gesundheitsversorgung die Stimmung mau und von Sparen, Schrumpfen, Abbau die Rede ist, regiert in der kleinen Krankenkasse in Kirchheim-Teck die Fröhlichkeit. Vor zwei Jahren hat sich das Unternehmen, das seit 1888 als betriebliche Krankenversicherung ausschließlich den Mitarbeitern der Papierfabrik Scheufelen diente, für alle Baden-Württemberger geöffnet, die sich gesetzlich krankenversichern müssen. Seither ist die Zahl der Mitglieder von 2300 auf 23.000 gewachsen. In diesem Jahr werden voraussichtlich weitere 10.000 dazukommen.

Die BKK Scheufelen kommt mit 11,9 Prozent Beitragssatz aus

Der Grund für die Attraktivität ist simpel: Mit einem Beitragssatz von 11,9 Prozent ist die BKK Scheufelen eine der günstigsten Krankenkassen der Republik, bundesweit liegt der Satz bei 14,1 Prozent. Seit der Run eingesetzt hat, müssen die beiden Chefs Bernd Kratschmer und Wolfgang Allgaier nun ständig ihren Erfolg erklären. In schwäbischer Bescheidenheit behaupten die beiden Kassenbetriebswirte, dass sie eigentlich nichts Besonderes machten. "Wir beschränken uns auf unsere angestammte Region", sagt der 47 Jahre alte Vorstand Kratschmer, "und die zeichnet sich durch gesunde Leute aus." Er spricht vom bodenständigen Menschenschlag auf der Alb, der nicht gleich zum Arzt renne. Viele Arbeiter in den Kleinunternehmen der Region hätten jahrzehntelang im Nebenerwerb kleine Bauernhöfe betrieben, seien viel an der frischen Luft gewesen. Großstadtprobleme, Stress und Drogen seien unbekannt. "Und ein medizinisches Angebot, das sich seine Nachfrage schafft, eine Apotheke an jeder Ecke und einen Computertomografen bei jedem Internisten, das haben wir hier auch nicht."

Die gesunde Mitgliederschaft allerdings kann den Erfolg kaum erklären. Immerhin muss die BKK Scheufelen in diesem Jahr allein 58 Prozent ihrer Beitragseinnahmen in den Risikostrukturausgleich der Krankenkassen abführen; daraus werden jene Kassen subventioniert, deren Beitragszahler krankheitsanfälliger sind – die Allgemeinen Ortskrankenkassen in den Ballungsgebieten und im vergreisenden Osten etwa. Andere Kassenvorstände, die auf der Zahlerseite sind, meckern darüber. Kratschmer dagegen hat am Risikostrukturausgleich nichts auszusetzen: "Auch wenn es uns viel kostet, halten wir das für vertretbar. Es schafft gleiche Wettbewerbsbedingungen."

Warum also sieht die BKK Scheufelen dann im Wettbewerb so gut aus? Kratschmer und sein Stellvertreter Allgaier schauen sich an, als müssten sie darüber erst mit sich zu Rate gehen. Dann sagt Allgaier: "Kostenmanagement und Fallsteuerung." Es folgt ein Vortrag über die Alltagspraxis der Krankenversicherung, der sich damit resümieren ließe, dass die 40 Mitarbeiter dieser regionalen Kasse systematisch gegen Geldvergeudung vorgehen und dass sie ihre Pappenheimer kennen.

Zum Beispiel die Krankenhäuser. Seit deren Bezahlung von Tagessätzen auf so genannte Fallpauschalen umgestellt worden ist, sind sie interessiert, Patienten rasch zu entlassen. Das feste Entgelt für die Hüftoperation wird kassiert, und je eher der Patient in die Rehabilitation abgeschoben wird, desto schneller kann sein Bett neu belegt werden. Doch je länger die Reha währt, desto teurer kommt sie die Kasse. "Wenn wir schon eine Fallpauschale zahlen", sagt Allgaier, "erwarten wir, dass das Krankenhaus nur auskurierte Patienten entlässt." Sonst entstünden unnötige Folgekosten. Die BKK-Mitarbeiter kontrollieren jeden Fall akribisch. Kratschmer: "Da sind pro Fall leicht ein paar tausend Euro zu retten."

Oder die Patienten. Natürlich gibt es Leute, die beim Krankengeld schummeln. Kassieren ein paar Wochen lang bei der einen Versicherung, wechseln dann die Kasse. Oder lassen sich so viel Diabetesmittel verschreiben, wie ein einzelner Mensch gar nicht braucht. Im Internet werden Medikamente schwarz gehandelt. Die BKK hat eine Apothekerin engagiert, die auf korrekte und ökonomische Medikamentenversorgung der Versicherten achtet.