Dunkelheit fällt über Brooklyn. Lange Reihen hübscher braunroter Backsteinhäuser mit Erker und steinernen Eingangstreppen, die "Brownstones". Es gab eine Zeit, da konnte man, wenn man gut hinhörte, Supermans Umhang regelmäßig zwischen den Häusern von Dean und Nevins Street flattern hören. Unter dem Umhang steckte ein Kind mit Namen Dylan Ebdus, aber seine Verkleidung hatte nichts mit Kindlichkeit zu tun. Dass diese Straßen einen Superman brauchen und seine magischen Gesten der Gerechtigkeit, das wusste niemand besser als er, der "whiteboy", der Held von Jonathan Lethems Roman Festung der Einsamkeit.

Es ist bitterer Ernst hier, das weiß auch Mingus Rude, Dylans schwarzer bester, einziger Freund. Mingus Rude, die zärtlichste Ausgabe von Coolness, die es je gab; Mingus Rude, der "Aeroman", der Superman der Dean Street. Von Mauern und Brücken stürzt sich das Wesen mit Zauberring und im selbst genähten Umhang auf einen der zahllosen Angreifer, Dollarklauer, Handtaschenräuber, und dann werden Weiß und Schwarz eins, erobern die nächtliche Straße, markieren sie mit dem Graffiti-Zaubernamen "Dose"; werden zur Utopie der Ungetrenntheit, die sich die Straße einverleibt, sich von ihr abstößt und über sie hinwegfliegt, hinaus.

Aber hatte der Ring wirklich Zauberkräfte? Sind sie wirklich geflogen?

In diesem Raum zwischen den Wirklichkeiten; dort, wo Menschen zu Superhelden werden und sich die Brooklyner Straßen plötzlich in Supermans Wirkungsstätte verwandeln: Dort hatte Jonathan Lethems großer Roman Die Festung der Einsamkeit gespielt. Jetzt gibt es Neues von Menschen und Superhelden.

Diese Storys des 41-jährigen Brooklyner Autors lesen sich fast zwingend als eine Art Skizzenbuch zu dem großen Opus, dessen Inventar an Themen und Motiven hier fast vollständig wiederersteht. Da sind sie: die Kids aus den Brownstones mit ihren ersten Lieben; ihre Flucht in fremdartige College-Welten und ihre unvermutete Rückkehr; die Ausflüge ins Fantastische und die absurden Wirklichkeitskonstruktionen. Und eben die Geheimnisse der Superhelden und deren Tauglichkeit oder Untauglichkeit für die eigene Menschwerdung. Diese innere Nähe von Roman und Storys erstaunt nicht wirklich: Sind Letztere doch, so erzählt es der Autor, vor, während und nach der Arbeit an der Festung der Einsamkeit entstanden.

Ich hatte ihn schon vorher gesehen, von hinten, im Sprint die Straße entlang, mit Jeans und Turnschuhen, er hatte jemandem etwas zugerufen, das könnte er sein, hatte ich gedacht, und auch wenn nicht: Das ist sicher jemand von hier. Jedenfalls läuft er, die Hände in den Taschen vergraben, mit leicht hüpfendem Schritt durch die Straße, als täte er es zum millionsten Mal, die Häuserwellen der Brownstones entlang, von tiefdunkel- bis hellrot, drei Geschosse plus Souterrain, Haus nah an Haus gelehnt; die Vorgärten, schmiedeeisern eingezäunt, mit Mülltonnen bestanden, mit kümmerlichen Grashalmen bewachsen oder auch mal bepflanzt; mit Akazien, Vogelbeerbaum, Birke; zierlichen Gewächsen, die sich einpassen in diese private Außenzone zwischen Haus und Straße.

In diesen Straßen liegt sie also, die Festung der Einsamkeit, Kindheits- und Jugendzone von Dylan Ebdus, Mingus Rude und etlichen anderen, um deren Wiedererweckung im Zeichen literarischer Erinnerung es Jonathan Lethem ging, als er nach zehn Jahren in Kalifornien nach Brooklyn zurückkehrte. Lethem war damals bereits ein auch in Deutschland bekannter Autor. Mit Romanen wie Der kurze Schlaf und Motherless Brooklyn hatte er sich einen Namen gemacht als Autor, der sein oft aus Popkultur und Fantastik entlehntes Material zu klugen Geschichten mit sozialen und politischen Aussagen organisierte. In Brooklyn aber wartete anderes: ein Erinnerungsprojekt, für das der zu erzählende Ort wieder bewohnt werden musste. Lethem fand jene quadratischen Raster wieder, in das die magische Intensität seiner Kindheit gespannt war.

"Ich lebe stark mit der Vergangenheit", sagt Lethem, "ich bin besessen von Erinnerung. Vermutlich ergreift diese Faszination vor allem die Menschen, die in instabilen Verhältnissen groß wurden. Sie stehen unter einer Art Erinnerungszwang, und oft sind sie die Einzigen, die bestimmte Erinnerungen bewahren. Als ich von hier wegging, war es nicht, weil ich diese Straßen nicht mehr gemocht hätte – es war eher so, dass ich sie nicht mehr wollte; ich konnte mir nicht vorstellen, dass ich mich hier wohl-, zugehörig fühlen würde. Eine Art bewusstes Exil auf Zeit, trotz der Liebe zu dem Ort."

Die zierlichen Häuser lassen es schon ahnen, die Wohnung, in der Lethem mit seiner Frau wohnt, ist klein, ein Zimmer noch vorne raus, eines nach hinten, und völlig einfach. Der Tisch, auf dem der Laptop steht, wird alt sein in einem Sinne, der nicht "Antiquität", sondern vielleicht: achtziger Jahre meint. Endlose Bücherreihen, irgendwo müssen sich auch Tausende von CDs oder Schallplatten versteckt haben. Das hier ist Minimalausstattung, konzentrierter Raum zum Leben, ungestylt, wohnlich, persönlich. Um die Ecke ist Dean Street. Und hier Jonathan Lethem, jugendlich in Gestus und Bewegung, mit dichtem braunen Haar um das schöne, wache Gesicht.

"Das Haus in der Dean Street", sagt Lethem, "haben meine Eltern in den sechziger Jahren für ein paar Dollar gekauft und später zu meinem großen Bedauern wieder verkauft. Heute könnte ich es mir nicht leisten. Aber sowieso, worauf es mir hier ankommt, das sind die Straßen, das ist die Gegend." Die meisten der Kids, die mit ihm hier groß geworden sind, erzählt er, sind auf der Suche nach dem Geheimnis dieses Ortes; und dass auch jene, die keine Schriftsteller wurden, ihn auf die eine oder andere Art soziologisch zu beschreiben versuchen: "Damals hier zu leben war für die, die dabei waren, ein Geschenk und ein Rätsel. Die Umgebung war ein Konzentrat ethnischer und sozialer Kontraste; ein Veränderungs- oder Verwandlungslabor, in dem ständig neue Verbindungen und Verwandlungen zwischen den Rassen und Klassen stattfanden. Alles war auf wundersame Weise instabil, vorläufig, im Fluss."