Nicht nur die Kids, etliche Künstlerinnen und Künstler sind in den letzten 80 Jahren dieser "Schönheit des Instabilen" in Brooklyn erlegen und haben ihr Leben in die 2,5 Millionen zählende Einwandererstadt verlegt, die sich, so hat es James Agee beschrieben, ihre fast kleinstädtische Intimität leisten kann, weil jenseits der Brooklyn Bridge Manhattan alles Weltstädtische auf sich nimmt. Diesseits leistet sich Brooklyn die Wohnlichkeit und die Bodennähe; das 19. Jahrhundert mit seiner anmutig-zierlichen, in die Horizontale gehenden Architektur und das Leben in den Straßen – während Manhattan mit seinen Vertikalen die Blicke der Welt gen Himmel zieht.

Die Straßen von Brooklyn also – für Lethem sind das die wahren Zeitzeugen: materialisierte Erinnerung.

"Wie haben sich die Straßen verändert? Die Antwort darauf ist ein Widerspruch. Die Gegend ist schick und elegant geworden, was seltsam ist, aber nichts, vor dem ich mich verschließen wollte. Auch das gehört zum dauernden Fluss. In vieler Hinsicht ist der Ort nämlich genau gleich geblieben. Unter allem liegt eine tiefere Bedeutung: unter den Gebäuden, Straßen, dem Lichteinfall, der Beziehung zu Manhattan, unter der Geschichte. Die Generationen von Einwanderern und Künstlern, die hierher gekommen sind, haben eine Form und Bedeutung geschaffen, die nicht von ein paar Jahren der Spekulation und Yuppiesierung zunichte gemacht werden kann. Dafür ist es zu tief verankert."

Da sind etwa die Höfe hinter den Brownstones, "nicht durch Zäune abgetrennt, sondern durch lose aufgestellte Blumentöpfe, was den Austausch von Katzen und Klatsch erleichterte. Diese gemeinschaftlichen Flächen waren ein Überbleibsel aus den siebziger Jahren." So beschreibt die erste Geschichte in Menschen und Superhelden den Platz, an dem der Ich-Erzähler Roberta kennen lernt; seine neue Nachbarin und, wie er seit kurzem weiß, Lebensgefährtin eines früheren Mitschülers von ihm, den einstmals jeder nur als "Vision" kannte. Rote, ins Gesicht geschmierte Lebensmittelfarbe hatte den Schuljungen Adam Cressner damals unkenntlich gemacht, er war eine leibhaftig gewordene Comicfigur aus der Marvelwelt. Aber dorthin führt keine Spur zurück: Als jetzt der Ich-Erzähler die Schullaufbahn erwähnt, antwortet Cressners Freundin kühl: "Adam schwelgt nicht in Erinnerungen." Woraufhin der Ich-Erzähler erwidert: "Witzig, ich mache nämlich nichts anderes."

Lethem also, der Erinnerer: Mit ihm durch die Straßen zu laufen bedeutet, die Straße lesen zu lernen.

"Da oben, das kleine Schild!" Jonathan Lethem weist auf die Tafel an dem Brownstone in der Dean Street: Sie besagt, dass hier eine gewisse Helen Buckler gewohnt hat, die der Gegend den Namen Boerum Hill gab. Ein paar Häuser weiter steht in einem Hof ein rostiges Fahrrad, wirre Büsche durchziehen den Vorgarten. "Hier, habe ich mir vorgestellt, hat Mingus gewohnt", sagt Lethem. Jenes Haus also aus der Festung der Einsamkeit, in das Mingus einzog, als Dylans Mutter schon weg war: mit ihrem Liebhaber abgehauen, durchgebrannt, auf der Suche nach einem anderen Leben. Mit ihr ist die Frauenwelt überhaupt ausgezogen; was bleibt, ist jenes motherless Brooklyn, in dem Dylan und sein Vater Abraham, Mingus und sein Vater Barrett ihr meist sprachloses Unterwasserdasein führen; Kommunikation funktioniert hier nicht durch das Gespräch, sondern über Codes: Comics, Graffiti, Musik.