Denn es ist immer auch diese coolness itself, die Natur des Coolen, die Lethem interessiert; was ist das eigentlich – dieses rastlose Unterwegs mit der Sprühdose, diese Anhäufung von Tarnungen, die inneren Lagerhallen an gesammeltem Musikwissen? Eine Fähigkeit oder eine Unfähigkeit? Zauberworte, zweifellos ("Play that funky music"), und Zauberkräfte, Zugriff auf Sehnsuchtsland. Aber auch Requisite. Geheimcodes als scheinbar einzige Eintrittskarte in die Welt, die zählt. Dabei geht es nicht nur um Geheimsprachen der Jugend, sondern um das, was wir "kulturelles Vokabular" nennen.

"Alle Sprachen, die wir benutzen", sagt Lethem, "egal, ob Sprache, Musik, Architektur, sind in meinen Augen ambivalent. Sie sind schön, sie sind magisch, aber sie sind nicht nur Brücken, sie sind auch Schutzschilde. Alle meine Figuren sind betört von der Magie der Kultur, dem Material von Sprache und Symbolik, aber sie verzehren sich gleichzeitig nach einer wesentlicheren Art der Verbundenheit."

Wir laufen durch die Warren und Wyckoff Street, wo einst Dylan Ebdus und Jonathan Lethem ihre tägliche Ration Gewalt bezogen; kleine Gruppen schwarzer Jugendlicher, die Mützen tief ins Gesicht gezogen, ziehen vorbei; Latinos stehen in Gruppen vor dem Deli an der Ecke. Hier seien nahezu unveränderte layers of the past zu spüren, intakte Schichten der Vergangenheit, sagt Lethem. Ganz anders einen Block weiter, Smith Street: Das ist neue Zeit, schicke Boutiquen, teure Friseure, zwischen flotten Cafés ducken sich verschämt ein paar alte Waschsalons und Zaida’s Beauty Salon, den es schon gab, als Lethem noch ein Kind war, ein kid from these streets, in das die Straße eingewachsen scheint, als würde der Lauf der Zeit ein Echo in ihm abgeben, das er literarisch analysiert; Jonathan Lethem, ein Seismograf für die Bewegungen über und unter der Oberfläche.

Irgendwann beginnt Dylan zu ahnen, dass die Schwarz-Weiß-Trennung der Welt ein Thema seines Lebens werden und dass dies Leben von Musik rhythmisiert, von Songzeilen strukturiert sein wird. "He may be able to fly all through the night, but can he rock a party ’til the early light?", heißt es in der Festung der Einsamkeit. "Eine wirklich exzellente Frage an Superman und alle anderen Fliegerhelden. Das heißt, falls Fliegen nicht gerade das Letzte ist, woran du denkst. Du hast die Dean Street und Aeroman fast ganz hinter dir gelassen. Wenn das bedeutet, der einen Person, die dich die ganze Junior High School über beschützt hat, der einen Person, der du es einst sehnlichst gleichtun wolltest, der einen Person, deren Umlaufbahn du stets überglücklich gekreuzt hast, aus dem Weg zu gehen (…), dann ist das ein geringer Preis fürs Erwachsenwerden, oder etwa nicht?"

Es sind noch ein paar Schritte bis zum Haus der Romanfamilie Ebdus – Jonathan Lethems eigenem Elternhaus. Schmal und rot, mit Bäumen und Büschen, die den kleinen Vorgarten zuwachsen. Jonathan Lethems Mutter hat sie gepflanzt. Sie ist nicht, wie Dylans Mutter, abgehauen; Judith Lethem starb, als Jonathan 14 war. "Ich dachte", sagt er, "wenn ich das Buch geschrieben hätte, wäre ich durch mit den großen Gefühlen für diesen Ort. Dann hätte ich das Mysterium gebannt, wäre dem Geheimnis des Ortes auf den Grund gegangen. So war es dann nicht. Kein bisschen war es so."

Sie sehen sich dreißig Jahre nicht, Mingus Rude und Dylan Ebdus; Jahrzehnte, die Mingus vorwiegend im Knast verbringt, das Leben drogengesteuert, eine "Schattenwelt, ein blasser Traum" zwischen den Inhaftierungen; ein hellwacher Typ, dem die Knastgutachten Hochbegabung unterstellen und der mit 18 einen Mord beging, um seinen bedrohten Vater zu schützen. Während Dylan Ebdus Musikkritiker wird, Verfasser leidenschaftlicher Begleittexte vor allem schwarzer Musik, besessen von der Erinnerung an früher, "weil meine Kindheit die einzige Zeit war, die nicht von meiner Kindheit überschattet wurde". Erwachsenwerden als die große Enttäuschung – nicht weil die Kindheit so uneinholbar schön war, sondern die Versprechen, die man sich selbst für das Erwachsensein abverlangte, so uneinholbar groß sind. So gibt es einen Zwang zur Rückkehr, nicht als nostalgischen, sondern als magischen Akt; nicht, um etwas zurückzuholen, sondern um etwas zu Ende zu leben.