Roman »Ich bin besessen von Erinnerung«Seite 4/4
Für Dylan Ebdus heißt das: zurück zur Utopie der Ungetrenntheit und dorthin, wo sie zu zerbrechen, wo er sie zu zerbrechen begann. Erst das bewusste Zurück zu Mingus, von dem ihn mehr als Gitterstäbe trennen, öffnet den Blick für die Wahrheit der Dean Street, die sich komprimiert in Mingus Rudes Gefängnisakte. Erst hier hat Aeroman, das verzweifelt-verträumte Symbol einer gerechteren Welt, seinen letzten notwendigen Auftritt. Denn die Wahrheit ist: »Für Dylan und Mingus ist es, als ob ein Canyon sie von ihrer Kindheit trennen würde, so weit sind sie davon entfernt.« Uneinholbar vorbei, und nichts von dem, was nicht genug geliebt wurde, nicht genug geschützt, kann ungeschehen gemacht werden. Gibt es etwas wie ein unausweichliches Verpassen des rechten Moments?
»Ich möchte Zeit einfangen« – I’d like to capture time –, sagt Lethem während des Gesprächs einmal; und dass er, wenn er nicht Autor, sicher Filmemacher geworden wäre. Die Storys in Menschen und Superhelden belegen Lethems Insistieren auf diesem Vorhaben. In Planet Big Zero begegnen sich Schulfreunde, deren verschworene Nähe die Leitmusik ihres Erwachsenwerdens war; die einst ohne Worte auskamen und nun keine Worte mehr finden. Zwischen den erzählten Zeitpunkten liegen Jahrzehnte, lassen sich die Lebenslinien ziehen, wird jemand sich selbst zur Frage.
»Zurück« heißt die Richtung von Jonathan Lethems – hervorragend von Michael Zöllner übersetztem – Erzählen; anders als andere Autoren weist Lethem Parallelen zwischen seinem Leben und Werk nicht zurück, er stellt sie sogar heraus. Sogar die Essays in seinem kürzlich in Amerika erschienenen Band The Disappointment Artist seien keine journalistischen Abhandlungen über Themen, sondern all personal memoir. Und als mache nicht zuletzt das Bestehen auf dieser Kraft des selbst Erlebten seine Literatur stark, gelingt ihm ein in außergewöhnlicher Weise Zusammenhang schaffendes – oder heraufbeschwörendes – Schreiben.
Als ob seine Bücher sagten: Es sprengt die Möglichkeit von Sprache, zu beschreiben, wie Menschen mit Menschen und Orten verbunden sein können. »Das haben Künstler und Superhelden gemeinsam«, sagt er, »sie versuchen sich am Unmöglichen.« Wer das dauernd versucht, der schafft etwas wie eine Choreografie der Vielstimmigkeit, wo das Ungesagte und Unsagbare immer mitklingt; der schafft eine Literatur mit der Unruhe und Instabilität von Songs; wie sagte es Lethem selbst? Die Schönheit des Instabilen, gefasst in den »härteren Song« – einen, der der schwarz-weißen Wahrheit der Straßen entspricht.
Menschen und SuperheldenJonathan LethemBelletristikEnglischBuchTropen Verlag2005Köln17,80172Michael ZöllnerDie Festung der EinsamkeitRomanJonathan LethemBelletristikEnglischBuchTropen Verlag2004Köln24,90672Michael Zöllner- Datum 19.01.2006 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 19.01.2006 Nr.4
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