Nennen wir ihn Max Mustermann. Ein deutscher Durchschnittsbürger. Er verdient 2210 Euro brutto im Monat. Jahr für Jahr hat die Gewerkschaft für ihn Lohnsteigerungen erkämpft – und doch kann er sich weniger leisten als zu Beginn des Jahrzehnts. Seine Firma überweist ihm gut fünf Prozent mehr als damals, aber die Preise für den privaten Verbrauch sind um rund sieben Prozent gestiegen. Max Mustermanns Gehalt ist weniger wert als damals, er hat Kaufkraft verloren.

Das dürfe sich nicht fortsetzen, dachte der Wirtschaftsminister Anfang des Jahres – und wünschte sich öffentlich, dass die Menschen für gute Arbeit auch gutes Geld verdienen. Die Firmen seien "auf kaufkräftige Nachfrage angewiesen", sagte Michael Glos. Obwohl einige Ökonomen einschließlich des Bundespräsidenten Horst Köhler dagegenhielten, traf Glos einen Nerv.

Wann, wenn nicht jetzt?, heißt die Frage der Stunde.

Erstmals seit fünf Jahren steht der deutschen Wirtschaft ein zarter Aufschwung bevor. Die Bundesregierung will mit einem Investitionsprogramm die Wachstumskräfte stärken. Da dürfen die Tarifpartner nicht nachstehen.

Mehr als ein Jahrzehnt lang seien die Arbeitnehmer bescheiden gewesen, erklärt der Deutsche Gewerkschaftsbund in seinem Verteilungsbericht 2005 – zum eigenen Schaden und zu dem der Volkswirtschaft. Der Anteil der Firmen- und Vermögensgewinne am Volkseinkommen sei in diesem Jahrzehnt von unter 28 Prozent auf mehr als 30 Prozent gestiegen, während der Anteil der Arbeitskosten spiegelbildlich gesunken sei. Ein Nullsummenspiel mit einem Verlierer: dem Arbeitnehmer.

Nun soll die IG Metall die Serie der Niederlagen beenden. In den Weiten der Organisation ist man auf Krawall gebürstet; gerade in Unternehmen wie Porsche, die einen Gewinnrekord nach dem anderen aufstellen. Sieben Prozent mehr sollte man fordern, meinen die dortigen Arbeitnehmervertreter. So hoch mag die Gewerkschaft insgesamt zwar nicht pokern, aber rund fünf Prozent will sie verlangen – in der entscheidenden Tarifrunde des Jahres, die weit über die 3,4 Millionen Mitarbeiter der Metall- und Elektroindustrie hinaus Signale setzt. "Löhne sind Kaufkraft", sagt IG-Metall-Chef Jürgen Peters. Sie sollen den Aufschwung beschleunigen.

Irrtum, sagt Michael Grömling, Konjunkturexperte beim arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft (IW). Er rechnet vor, wie wenig von einer Lohnerhöhung tatsächlich als Konsumnachfrage bei hiesigen Firmen landet: 100 Euro mehr Lohn für Max Mustermann kos-ten seinen Arbeitgeber 121 Euro, denn er muss die Sozialbeiträge darauf bezahlen. Der Durchschnittsverdiener Mustermann muss seinerseits 21 Euro für die Sozialkassen abführen sowie 28 Euro für Lohnsteuer, Kirchensteuer und Solidaritätszuschlag. Bleiben 51 Euro netto. Davon spart er sechs Euro und gibt 15 Euro für ausländische Produkte aus – für den Wein aus Italien, das T-Shirt aus China oder den Urlaub in Österreich. Am Ende bleiben nach dieser Kalkulation mit Daten des Statistischen Bundesamts gerade 30 Euro, die unmittelbar in den inländischen Konsum fließen. 30 von 121 Euro Mehrkosten für das Unternehmen.

Zwar lässt sich gegen diese Rechnung einwenden, dass auch Sozialbeiträge, Steuern und Erspartes irgendwann zur Nachfrage werden – etwa über die Einkommen von Rentnern, Arbeitslosen und Polizisten. Doch das ist vage und kostet Zeit. Dagegen muss der Arbeitgeber den ganzen Betrag sofort berappen. Die 121 Euro können nicht mehr als Gewinn ausgeschüttet oder für Investitionen verwendet werden – beides ist aber ebenso ein Teil der Nachfrage wie das Geld in Mustermanns Lohntüte. Weil die Investitionen schnell schwanken, beeinflussen sie die Konjunktur sogar stärker als der Konsum, der sich nur träge verändert.

Selbst ein gewerkschaftsnaher Ökonom wie Gustav Horn argumentiert deshalb eher vorsichtig. "Ich behaupte nicht, dass man mit Lohnsteigerungen die Konjunktur beleben kann", sagt der Leiter des Instituts für Makroökonomie. "Löhne können eine Konjunkturbelebung nur unterstützen." Dazu sollte der Lohn mit der Geldentwertung und der Produktivität mitsteigen. "Das wären 3 bis 3,5 Prozent."

Die meisten Experten sind knauseriger. Zwischen ein und zwei Prozent Lohnsteigerung könne die Volkswirtschaft vertragen, sagt der Mannheimer Wirtschaftswissenschaftler Wolfgang Franz – mehr nicht. Franz, einer der fünf Sachverständigen der Regierung, ist kein Hardliner, der bei seinen Empfehlungen nur an den Konsum (Nachfrage) oder nur an die Firmen (Angebot) denkt. Doch das Land leide heute an einer Wachstumsschwäche, sagt er – und um die zu beheben, müssten die Unternehmen nun einmal weiter gestärkt werden.

Soll heißen: Wenn die Löhne nach oben schnellen, drohen die Unternehmen weniger zu investieren – und das in einem Jahr, in dem sie in ihrer Gesamtheit endlich wieder mehr Geld in die Hand nehmen wollen. Oder sie könnten noch mehr heimische Arbeit durch Maschinen oder Verlagerung ersetzen. Oder, wo es der Markt zulässt, die Preise erhöhen, sodass die neue Kaufkraft wieder aufgefressen würde.