DIE ZEIT: Herr Hehme, 79 Menschen sind an der Vogelgrippe gestorben, zuletzt vier Kinder in der Türkei. Warum gibt es noch keinen Impfstoff gegen das H5N1-Virus?

Norbert Hehme: Im Falle einer weltweiten Pandemie kann niemand voraussagen, wie das Virus aussehen wird. H5N1 verändert sich ständig. Würden wir es jetzt zur Herstellung von Impfstoffen nutzen, könnten die gegen ein Pandemievirus nur suboptimal wirken. H5N1 hätte so viele Veränderungen durchlaufen, dass die Schutzwirkung begrenzt wäre. Außerdem gibt es keine Gewissheit, dass gerade H5N1 die nächste Pandemie auslösen wird, die Gefahr ist nicht auf Vogelviren wie H5N1 begrenzt.

ZEIT: Es heißt, GlaxoSmithKline habe bereits eine Zulassung bei der europäischen Arzneimittelbehörde Emea beantragt.

Hehme: GSK hat ein so genanntes Mock-up-Dossier eingereicht. Das basiert aber auf anderen Virustypen, auf H2N2 und H9N2 und den mit diesen Prototyp-Vakzinen generierten klinischen Daten, nicht auf H5N1.

ZEIT: Das hilft gegen die Vogelgrippe kaum.

Hehme: Doch. Um Zeit zu gewinnen, kann man bei der Emea mit Modellvakzinen und klinischen Daten eine De-facto-Zulassung erhalten, die im Ernstfall die Grundlage für eine schnelle Zulassung des echten Pandemieimpfstoffes darstellt. Das geht in wenigen Tagen, denn es müssen vor Erteilung der Zulassung keine klinischen Studien mehr gemacht werden.

ZEIT: Wie testet man einen Impfstoff überhaupt? Sie können doch kaum geimpfte Versuchspersonen vorsätzlich infizieren.

Hehme: Das erste Problem ist, überhaupt einen H5N1-Impfstoff in ausreichender Menge zu produzieren. Das ist jetzt möglich, weil die WHO-Referenzlabors genetisch modifizierte H5N1-Saatviren zur Verfügung stellen, die man zur Impfstoffproduktion in Eiern einsetzen kann…

ZEIT: …während der Wildtyp die Eier tötet.

Hehme: Absolut. Das H5N1-Wildvirus ist so hochpathogen, das würde die Hühnerembryos in den Bruteiern sofort töten. Bei den modifizierten H5N1-Viren gab es aber wieder formelle Hürden – die werden in Europa als GMOs (genetically modified organisms) eingestuft. Wir mussten spezielle Zulassungsverfahren durchlaufen, um mit diesen Viren überhaupt umgehen zu dürfen.