Vorab: Beruhigende Worte sind legitim bei der aktuellen Vogelgrippe-Lage, denn noch immer hat das Virus H5N1 größte Schwierigkeiten, von Mensch zu Mensch zu springen. Nach wie vor ist es eine Tier- und keine Menschenseuche! Aber manche Beschwichtigungsformel greift doch zu kurz und könnte die notwendige Aufmerksamkeit untergraben. Das Influenza-Virus ist und bleibt tückisch. Einige verbreitete Argumente der Skeptiker:

"Die Vogelgrippe ist ein Problem unhygienischer Schwellenländer." Man könnte meinen, in einem aufgeklärten Industriestaat mit ausgefeilten Notfallplänen, aufmerksamen Bauern und reaktionsschnellen Veterinären hätte die Vogelgrippe wenig Chancen. Die Erfahrungen aber zeigen, dass dies nicht so ist. Beim Ausbruch der Seuche in den Niederlanden vor drei Jahren wurde die Keulung des Geflügels um vier Tage verzögert, weil die Behörden auf die Ergebnisse von Virentests warteten – neue Diagnostikmethoden waren zwar entwickelt, unter Veterinären aber noch nicht verbreitet. In Kalifornien beobachteten die Tierzüchter wochenlang den Ausbruch der Vogelgrippe-Form H6N2. Sie behielten das Wissen für sich, weil sie befürchteten, dass die Bevölkerung dann kein Hühnerfleisch mehr würde essen wollen. Unterdessen verbreitete sich das Virus munter im Westen der USA. Immerhin besteht Hoffnung, dass die Hühnerzüchter zurzeit besonders aufmerksam sind.

"Eine Infektion mit dem Vogelvirus H5N1 ist inzwischen weniger gefährlich." Tatsächlich haben in der Türkei mehr Menschen als je zuvor eine Vogelgrippe überlebt. Es mag sein, dass das Virus vorübergehend an Kraft verloren hat, aber auch die Spanische Grippe trat im Frühjahr 1918 zunächst als zwar heftige, aber nicht massenhaft tödliche Erkrankung auf. Erst in der zweiten Welle, im späten August desselben Jahres, hatte sich das Virus so verändert, dass ihm die Menschen rasend schnell zum Opfer fielen. Manche Patienten, die am Morgen erste Gliederschmerzen verspürten, waren am Abend tot. Ein mutiertes H5N1-Virus muss natürlich nicht so aggressiv sein.

"Die Spanische Grippe hat 1918 nur so viele Opfer gefordert, weil der Erste Weltkrieg die Menschen geschwächt hat." Das würde stimmen, wenn die Infizierten hauptsächlich in den Weltkriegsgebieten gelebt hätten. Aber auch in Indien, den Philippinen oder in Südafrika starben viele. Auf Westsamoa kostete das Virus 20 Prozent der Bevölkerung das Leben. Diese starben häufig nicht an einer Lungenentzündung, die sich im Verlauf einer normalen Grippe einstellen kann, sondern wahrscheinlich in einem "Zytokinsturm". Diese heftige Abwehr eines sehr aktiven Immunsystems tritt offenbar besonders bei jungen Menschen zwischen 18 und 40 auf und führte zu einem völlig neuen Krankheitsbild der Grippe.

"Heute stehen viel bessere medizinische Therapien als 1918 zur Verfügung." Moderne Intensivstationen, Beatmungsgeräte und Antibiotika (gegen zusätzliche bakterielle Lungenentzündungen) können Patienten mit Vogelgrippe retten. Die Frage ist, ob genügend Material bereitsteht, wenn Hunderttausende Patienten in die Krankenhäuser drängen? Gibt es genügend Beatmungsgeräte und ausreichend Antibiotika? Als in den USA die Terrorangst vor Milzbrandattacken umging, wurde in kürzester Zeit das Antibiotikum Ciprobay knapp.

"Das Virus hat nichts davon, seine Wirte so schnell umzubringen." Evolutionsbiologisch ist das auf lange Sicht richtig – kurzfristig aber agiert das Virus anders. Solange es einen Nachschub an infizierbaren Wirten gibt, kann es sich ungebremst ausbreiten. Massenhaft sterbende Hühner belegen, dass das Influenza-Virus mitunter radikal zuschlägt. Bei Menschen kann dies anders sein, muss es aber nicht. Siehe 1918.