Es war der lange, harte Kriegswinter von 1619/20, der den 23-jährigen René Descartes in Süddeutschland festhielt, in einem Gasthaus bei Ulm, wo ich, wie Descartes sich 1637 erinnert, ohne alle beunruhigenden Sorgen und Leidenschaften den ganzen Tag in meinem Zimmer eingeschlossen blieb und hier alle Muße hatte, mit meinen Gedanken zu verkehren. Das philosophische Kind dieses Verkehrs war jenes reine Ich, das ohne Leib, ohne Gott, ohne alles, nur denkend sich selbst erfährt, Cogito ... Der Winter also hat das moderne Subjekt ausgebrütet.

Descartes im Schnee: Das ist die lang verschollene Urszene so vieler großer Nachbilder. Kapitän Ahab, A. G. Pym, Hans Castorp und all die anderen Winterreisenden der modernen Literatur wollten in Kälte und Weiß erfahren, was das pure Nichts vom Ich wohl übrig lässt. Mit Vom Schnee oder Descartes in Deutschland (2003) ist Durs Grünbein zum Nullpunkt dieser Erfahrung vorgestoßen. Schnee abstrahiert, aus dieser klaren Grundformel entwickelt das Erzählgedicht überwältigende Bilder vom lebensdämpfenden, aber kontrastschärfenden Winter.

In ihnen betritt Descartes als Allererster den white cube der reinen Subjektivität. Zwischen Bett und Stube, Traum und Winterspaziergang ertastet der junge Philosoph die Unterschiede zwischen dem Ich und der Welt, jeder Gedanke betritt Neuland, ist Abenteuer, so lieblich wie hier wird das Nichts nie mehr sein. Ein Pferd, ein Spiegel, Zahnweh, ein bisschen Sex reichen aus, um in Descartes ein traumklares Gedankenecho zu erzeugen, das in Grünbeins schmiegsamen Versen geradezu zärtlich geborgen liegt. Und freilich erst - ein Kunstgriff - durch den Diener Gillot hörbar wird. Gillot, empfindsam, mitleidig, voll der unglücklichen Liebe zur Magd Marie, ist des Denkers sinnenkluger Widerpart, der die Wortgefechte des Gedichts erst herausfordert.

Gedicht? Als Hörspiel entfaltet Vom Schnee eine ganz eigene Dramatik, der Autor selbst hat den Text sacht bearbeitet und um den Schluss gekürzt.

Überhaupt: Die lockeren, scharfsinnigen und komischen Dialoge zwischen Gillot und Descartes, so altmeisterlich sie auch in die streng 70-zeiligen Kapitel gereimt und getaktet sein mögen, schreien geradezu nach der Inszenierung. Den übrigen Text hat Regisseur Hans Drawe auf einen rahmenden Erzähler (von imaginativer Neutralität: Christian Brückner) und einen intimeren Dichter (Helmut Winkelmann) verteilt, dazu die verliebte Magd Marie (Christin Marquitan) und ein paar karge Wintergeräusche - und die 31 strengen Textminiaturen erklingen so beatmet, durchpulst und beseelt, als sei ein holländisches Winterbild plötzlich zum Leben erwacht.

Was am meisten dem jugendlichen, bis zur Verletzlichkeit offenen Gillot von Udo Schenk zu verdanken ist - und dem Descartes Dieter Manns. Mann ist fast dreimal zu alt für die Rolle, aber so naturalistisch geht es hier eh nicht zu, und dann gibt Mann einen so gewandten, noch in der Logik lustvollen Philosophen, dass es eine barocke Pracht ist. Sprachlust verschränkt mit Gedankenschärfe, diesen verlorenen poetischen Faden im cartesianischen Denken, ihn hat Grünbeins undunkles Gedicht, eine kleine Utopie, wieder aufgenommen.

Durs Grünbein: Vom Schnee oder Descartes in Deutschland - Der Hörverlag, 179 Min., 3 CDs, 24,95 e