Über die Rolle der deutschen Historiker im "Dritten Reich" wird seit dem legendären Frankfurter Historikertag 1998 heftig gestritten. Dabei geriet auch ein Gelehrter ins Zwielicht, von dem man es kaum erwartet hätte: Hans Rothfels (1891 bis 1976), den die Nazis 1934 wegen seiner jüdischen Herkunft von seinem Königsberger Lehrstuhl vertrieben hatten, der im Sommer 1939 gerade noch rechtzeitig hatte emigrieren können und der nach seiner Rückkehr aus den USA 1951 zum Präzeptor der Zeitgeschichtsforschung in der Bundesrepublik wurde.

Und ausgerechnet diese Lichtgestalt unter den westdeutschen Historikern der Nachkriegszeit sollte vor 1933 mit seinen volkstumspolitischen Konzepten der rassistischen Expansionspolitik der Nationalsozialisten Vorschub geleistet, ja sich sogar nach der "Machtergreifung" Hitlers zunächst hinter das neue Regime gestellt haben? Dies behauptete Ingo Haar in seiner Studie Historiker im Nationalsozialismus (2000) und provozierte damit den Widerspruch des Rothfels-Schülers Heinrich August Winkler: Der Königsberger Historiker sei ein "konservativer Vernunftrepublikaner" gewesen, der sich zwar vor 1933 nach rechts entwickelt habe, aber keineswegs als einer der geistigen Urheber der mörderischen "Lebensraum"-Politik beschuldigt werden dürfe. Auf zwei Konferenzen in Berlin und München wurde im Juli 2003 über den Fall Rothfels diskutiert, ohne dass es bereits zu einem abschließenden Urteil gekommen wäre (ZEIT Nr. 31/03; die Beiträge der Münchner Tagung sind mittlerweile von Johannes Hürter und Hans Woller veröffentlicht worden: Hans Rothfels und die deutsche Zeitgeschichte , München 2005).

Nun hat Jan Eckel, ein Schüler des Freiburger Historikers Ulrich Herbert, eine Biografie des berühmten Zeithistorikers verfasst. Gegenüber den bisherigen Arbeiten besitzt sie den Vorzug, dass sie die Perspektive nicht auf das Ende der Weimarer Republik und den Anfang des "Dritten Reiches" verengt, sondern alle Phasen seines Wirkens in den Blick nimmt. Allerdings: Eckel will keine Biografie im traditionellen Sinne schreiben. Ihm geht es um die "intellektuelle Biographie" des Historikers. Das heißt, er möchte zeigen, wie Rothfels die Brüche und Zäsuren des 20. Jahrhunderts wahrgenommen und in seinem Werk verarbeitet hat.

Diesen Ansatz hat der Autor konsequent durchgehalten. So kann er nachweisen, wie stark das Frühwerk des Kriegsfreiwilligen von 1914, der an der Westfront ein Bein verloren hatte, durch die Erfahrung der Niederlage von 1918 geprägt war. Rothfels entwarf ein interpretatorisches Grundschema, demzufolge der deutsche Nationalstaat von 1871 von Anfang an in seiner Existenz bedroht gewesen sei. Bismarck habe die Gefahr mit seiner Staatskunst noch beherrschen können, seine wilhelminischen Nachfolger aber nicht mehr – nicht etwa, weil sie zu kriegslustig, sondern weil sie zu friedfertig gewesen seien und damit das Reich der aggressiven Einkreisungspolitik der Entente-Mächte ausgeliefert hätten. Diese Deutung entsprach ganz dem Geschichtsbild, wie es die nationalkonservativen deutschen Historiker nach 1918 im Kampf gegen die so genannte Kriegsschuldlüge des Versailler Vertrages propagierten. Als Mitarbeiter am Reichsarchiv in Potsdam war Rothfels eifrig an der Fabrikation der Legende von der deutschen Unschuld am Ausbruch des Ersten Weltkriegs beteiligt.

Kein Vernunftrepublikaner, sondern ein Antidemokrat aus Überzeugung

Nach seiner Berufung an die "Grenzlanduniversität" in Königsberg 1926 wechselte Rothfels das Forschungsfeld. Jetzt beschäftigte er sich vor allem mit Nationalitätenfragen in der ostmitteleuropäischen Vielvölkerzone. Die Versailler Nachkriegsordnung, so seine Diagnose, habe die Nationalitätenkonflikte nur verschärft, weil sie vom Konzept homogener Nationalstaaten ausgegangen sei. Rothfels’ Vorstellungen liefen demgegenüber auf das Programm einer Neuordnung des "ostmitteleuropäischen Raumes" unter deutscher Führung hinaus. Begründet wurde dieses Konzept mit einer angeblichen "kulturellen Überlegenheit" der Deutschen, nicht aber mit expansionistischen oder rassistischen Überlegungen, wie sie die Nationalsozialisten vertraten. Insofern grenzt sich Jan Eckel deutlich ab von Ingo Haar (und dem schärfsten Rothfels-Kritiker Karl-Heinz Roth), zugleich widerspricht er aber auch Heinrich August Winkler: Rothfels war kein "Vernunftrepublikaner" wie sein Lehrer Friedrich Meinecke, sondern ein Antidemokrat aus Überzeugung. (Zum Anhänger des parlamentarischen Systems sollte er sich erst unter dem Eindruck der stabilen Kanzlerdemokratie Adenauers wandeln). Sein gesamtes Denken kreiste um den starken Staat. Wie viele andere rechte Intellektuelle in der Weimarer Republik begrüßte er die Installierung der Präsidialkabinette nach 1930 als Wiederbelebung der Staatsautorität, und ebenso trat er für eine Einbindung der "nationalen Bewegung", also auch der Nationalsozialisten, in die Regierung ein, offenbar in der Erwartung, sie dadurch "zähmen" zu können.