Seine hellblaue Jeans beginnt an den Enden auszufransen, das dunkelblaue T-Shirt hat sicher mehrere Dutzend Heißwaschgänge hinter sich. Wenn Michael Hartmann redet, wippt sein grauweißer Schimanski-Schnauzer vor und zurück. Und Hartmann redet viel. Etwa Sätze wie: "Ich lebe in mancher Beziehung noch immer wie ein Studi." Oder: "In politischen Diskussionen bin ich früher häufig als Facharbeiter durchgegangen." Kurze Sätze, klare Botschaften: "Wer eine Sache wirklich versteht, braucht keine komplizierten Begriffe."

In jüngster Zeit redet Hartmann nicht nur in den Hörsälen der Technischen Universität Darmstadt, an der er seit 1999 einen Lehrstuhl für Soziologie innehat. Er tingelt durch die Republik. Er spricht auf Podien, streitet in Diskussionsrunden, gibt Interviews. Michael Hartmann befindet sich im Mittelpunkt, weil er am Rand steht: Er ist einer der letzten bekennenden Linken der deutschen Universität. Er wählt die Linkspartei, bezeichnet sich als "überzeugten Marxisten", benennt den "Sozialismus als politisches Ziel", langfristig natürlich. Seine aktuellen Wünsche sind konkreter: Er streitet gegen Studiengebühren, prangert soziale Auslese an, kämpft gegen Eliteuniversitäten.

In der Hochschullandschaft ist Hartmann also fast ein Exot. "Viele ältere Linke", sagt er, "sind in die innere Emigration gegangen, viele jüngere haben nicht mehr als guten Willen." Hartmann hat mehr; er zieht Empirie, Statistik und Fakten zurate, um die seiner Meinung nach bedenklichen Entwicklungen der Hochschulen zu kritisieren. Er ist ein begabter Zuspitzer, doch er diskutiert auf wissenschaftlicher Grundlage – anders als manche gutwillige Gesinnungsgenossen, denen nach der pauschalen Warnung vor der "Ökonomisierung der Bildung" rasch die Argumente ausgehen.

Bekannt wurde der Soziologe 2002 mit seiner Studie Der Mythos von den Leistungseliten: Da hatte Hartmann die Lebensläufe von 6500 Juristen, Wirtschaftswissenschaftlern und Ingenieuren mit Doktortitel untersucht. Für deren Karrieren in Wirtschaft und Wissenschaft, so sein Fazit, sei nicht in erster Linie ihre Leistung verantwortlich, sondern ihr Auftreten, ihr Habitus. Selbstbewusstsein und die "Ich gehöre dazu"-Haltung im Vorstellungsgespräch lerne man nicht in Schule oder Universität, sondern in der Familie. Kinder aus der Unter- und Mittelschicht hätten daher wesentlich geringere Chancen, in Spitzenjobs zu kommen als die Sprösslinge gehobener Schichten. "Bürgerkinder suchen Bürgerkinder", beschreibt Hartmann die vorherrschende Aufstiegshydraulik der Eliten.

Hartmanns Buch schlug ein. Er entlarvte den bundesrepublikanischen Glaubenssatz von der Chancengleichheit als Fiktion; der Tellerwäscher wird eben nicht Millionär, die nivellierte Mittelstandsgesellschaft gibt es nicht. Gestützt von anderen Untersuchungen wie etwa der Pisa-Studie, verbreiteten sich Hartmanns Erkenntnisse schnell, eine Illustrierte hob sie sogar auf den Titel, und der Professor mit den weißen Haaren wurde zum gefragten Experten für Ungleichheit.

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