Bildung Der Linke als LiberoSeite 3/3
Seine besten Freunde sind ein Klempner und ein Tischler
Dass er allein steht, scheint ihm nichts auszumachen, er kennt diese Position. Geboren im erzkatholischen Paderborn, der Vater Finanzchef des Erzbistums, lernte Hartmann die Kirchengrößen kennen, »die leuchtende Fassade vor einem schwarzen Abgrund«, sagt er. Auf dem altsprachlichen Gymnasium ließ er sich die Haare lang wachsen, engagierte sich im Aktionszentrum unabhängiger und sozialistischer Schüler. Die Lehrer reagierten autoritär, aber »ich habe immer dagegengehalten«. Er bekam eine Fünf in Latein, zerriss Sporturkunden, lief den Hundertmeterlauf im Abitur auf Socken mit – und legte ein Spitzenabitur hin. »Man muss darauf gefasst sein, im Ernstfall allein zu stehen«, lautet seine Lehre fürs Leben.
An der Universität deutete alles auf eine Blitzkarriere hin. Mit 24 war er Magister, mit 26 in Hannover promoviert, mit 30 in Osnabrück habilitiert, »soweit ich weiß, als einer der drei jüngsten in der Soziologie«. Doch dann folgte ein elend langer Marsch zum Lehrstuhl: Er war Wissenschaftlicher Mitarbeiter, leitete Forschungsprojekte, war zwischendrin auch ein Jahr lang arbeitslos. Siebzehn lange Jahre wartete Hartmann auf einen erfolgreichen Ruf, erst im Alter von 47 Jahren klappte es in Darmstadt, als er längst nicht mehr damit rechnete. »Das ist auch der Preis dafür, dass man ein Linker ist«, klagt er. Um finanziell vorzusorgen, spekulierte er an der Börse, ziemlich erfolgreich sogar, stellte sich darauf ein, ab Mitte 50 vom Ersparten zu leben.
Vielleicht hat er sich daher dieses Unprofessorale erhalten. Seine besten Freunde sind ein Klempner und ein Tischler, er liest Harry Potter, kickt in einer Feierabend-Mannschaft. Hartmann ist Libero, und irgendwie passt diese Position auch zu ihm: Ein Libero muss schnell sein, einen guten Überblick haben, für seine Sache kämpfen. Doch ein Libero ist auch ein Einzelspieler.
Der Mensch...
Der Soziologe beschäftigt sich mit dem Phänomen der sozialen Selektivität – im Beruf wie an den Hochschulen. In einer neuen Studie widmet er sich der Frage, wie abschreckend Studiengebühren in den Vereinigten Staaten wirken.
...und seine Idee
Michael Hartmann, Jahrgang 1952, ist Soziologe an der Technischen Universität in Darmstadt. Sein 2002 erschienenes Buch »Der Mythos von den Leistungseliten« zerstörte die Illusion, hierzulande herrsche Chancengleichheit.
- Datum 19.01.2006 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 19.01.2006 Nr.4
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Nachdem aus konservativem Lager feministische Forderungen gerade salonfähig gemacht werden, möchte ich es nicht versäumen, den blinden Fleck der Linken hier an den Pranger zu stellen. In dem Artikel, in dem sie Herrn Prof. Hartmann als linken Libero vorstellen, stört mich nicht nur die Entlehnung aus der Erlebniswelt des Fußballs, der wir uns ja dieses Jahr gezwungenermaßen alle hingeben müssen. Die Generation der 68er und die selbsternannte Linke in Folge hat erwiesenermaßen zwar für Benachteiligte und Unterdrückte (Männer) gekämpft und gegen den Mief der Nachkriegszeit, aber den tobenden Geschlechterkampf so gut wie außen vor gelassen. Dass eine Dreiviertelseite über linke Gesinnung, Bildungspolitik und Sozialismus als langfristiges Ziel bei Ihnen ohne die Frage nach Verteilungsgerechtigkeit unter Frauen und Männern auskommt, heißt doch eigentlich nur, dass die Herren hängengebliebene Marxisten leider nichts dazugelernt haben und die Herren Journalisten anscheinend auch nicht. Einem Artikel über den angeblich letzten linken Hochschulhelden, der Fußball spielt und einen Tischler als Freund hat, kann ich nichts Revolutionäres entnehmen. Wenn der Herr Professor allerdings einen überdurchschnittlichen Frauenanteil bei seinen Doktorandinnen hätte und sich auch schon mal über die niedrigen Einkünfte von Fußballerweltmeisterinnen Gedanken gemacht hat, kämen wir auch über das Linke ins Geschäft. Alles andere verbuche ich unter schlechter Ausbildung, Verdrängung und Spießertum. Sprich der vielzitierte Muff von tausend Jahren. Viel Spaß in der Vergangenheit.
P.S. Dass der Arme in seiner Studie 6500 Juristen, Wirtschaftswissenschaftler und Ingenieure befragt hat, ist ja furchtbar. Vielleicht fragt er mal die Frauen über die Bedeutung karriererelevanter Kritierien, die gar nichts mit der Leistung zu tun haben. Zum Beispiel Golf- und Fußballspielen, Aufschneiderei oder das Bierchen danach.
Ich wünsche Herrn Hartmann weiterhin viel Standfestigkeit in der Auseinandersetzung mit den leider schon so eingefahrenen Globalisierungs- und Liberalisierungsargumenten, die unser Gesellschaftssystem zulasten unseres Menschseins bestimmen sollen.
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