frankreich Küss die Hand

Frankreichs Präsident und seine möglichen Nachfolger buhlen um die Gunst der deutschen Regierungschefin

Paris

Erst wusste keiner so richtig, was er mit ihr anfangen sollte, und jetzt behauptet jeder, Angela Merkel immer schon gekannt zu haben. Noch zu ihrem Amtsantritt im November rätselte die Tageszeitung wie Frankreich mit der »Kanzlerin, die aus der Kälte kam« und die keiner Frankophilie verdächtig war, jemals warm werden solle. Doch knapp zwei Monate später staunen die Franzosen über einen der reibungslosesten Personalwechsel aller Zeiten.

Anzeige

Bislang hatte es zwischen Deutschland und Frankreich mit jeder neuen Regierung erhebliche Anlaufschwierigkeiten gegeben; Jacques Chirac und Gerhard Schröder fanden sogar erst nach mehreren Jahren zueinander. Nun hat Präsident Chirac mit Handküssen und Duzfreundschaft die Kanzlerin eindrucksvoll umworben, und auch die französische Presse schwärmt von »Miss Europa«. Vor allem wimmelt es auf allen Regierungsebenen von gegenseitigen Antrittsbesuchen, Arbeitstreffen und Sympathieerklärungen – als bestehe Nachholbedarf im deutsch-französischen Dialog nach dem zeitweiligen Totalausfall im Frühjahr 2005, als in Berlin das Parlament aufgelöst wurde und in Paris das Nein zur Europäischen Verfassung den politischen Betrieb lähmte.

Kaum absolviert Premierminister Dominique de Villepin in dieser Woche seinen ersten Merkel-Besuch, da hat sich auch sein Rivale Nicolas Sarkozy, Innenminister und Chef der Regierungspartei UMP, für Februar einen Termin im Kanzleramt gesichert. Dass de Villepin am Mittwoch (nach Redaktionsschluss dieser Ausgabe) in der Berliner Humboldt-Universität eine Grundsatzrede über Europas Zukunft halten wollte, zeigt deutlich, woran den Franzosen derzeit am meisten liegt. Am gleichen Ort, an dem Joschka Fischer 2000 seine viel beachtete Europa-Rede gehalten hatte, möchte der Regierungschef nach dem französischen non wieder Boden gewinnen. Noch vor zwei Jahren, nachdem ein Brüsseler EU-Gipfel über die EU-Verfassung geplatzt war, hatte er über defensive Strategien nachgedacht für den Fall, dass das Europa der 25 scheitern sollte. Damals sprach de Villepin vom Zweierbündnis einer union franco-allemande als letzter Rettung vor den Saboteuren im EU-Verfassungsprozess. Seitdem Frankreich selber zu einem der größten Hemmnisse in der europäischen Einigung geworden ist, muss der Premier sich etwas mehr einfallen lassen, um deutsche Unterstützung zu finden.

In Paris lässt die Staatsspitze schon erkennen, wie sie die blockierte Union wieder flottmachen will: indem sie Ballast abwirft. Eine handlungsfähige Pioniergruppe von wahlweise sechs, neun oder zwölf Staaten soll mit einer vertieften Kooperation vorangehen; den Verfassungsvertrag möchten die Franzosen abspecken und nur die institutionellen Reformen bewahren, um sie ohne Volksabstimmung auf parlamentarischem Weg durchzusetzen. Den kleineuropäischen Avantgarde-Vorschlag hatte Chirac bereits in seiner Rede vor dem Bundestag 2000 gemacht und damals Überlegungen deutscher Außenpolitiker von Lamers und Schäuble bis Fischer aufgegriffen.

Doch nach der EU-Osterweiterung kann die französische Forderung nach einem exklusiven Club nicht mehr auf deutschen Zuspruch zählen. Auch eine Schrumpf-Verfassung, die Frankreichs traditioneller Vorstellung von Europapolitik als Zusammenarbeit unabhängiger Staaten entspricht, stößt vor allem in Berlin auf wenig Gegenliebe. Denn Bundeskanzlerin Merkel lehnt bislang das Aufschnüren des Verfassungspaketes strikt ab und will den Text stattdessen durch ein Sozialprotokoll ergänzen, um Kritik an der liberalen Marktorientierung der EU zu dämpfen.

Weil in Frankreich der Präsidentschaftswahlkampf für 2007 voll ausgebrochen ist, wird die Kanzlerin zur umworbenen Prestigefigur, mit der sich jeder Anwärter gern sehen lassen möchte. Vor allem der liberale Revoluzzer Nicolas Sarkozy setzt bei seiner Profilierung gegen Chiracs »ancien régime« auf die deutschen Konservativen. Er will den verkrusteten französischen Wohlfahrtsstaat in eine Leistungs- und Eigentümergesellschaft nach angelsächsischem Muster umbauen und hofft dabei auf das leuchtende Beispiel Angela Merkels als einer deutschen Margaret Thatcher. Zwar rufen die Probleme in beiden Ländern nach vergleichbaren Reformen, doch gehen Sarkozys hochfliegende Erwartungen am gemäßigten Programm und Politikstil der neuen Bundesregierung mittlerweile ziemlich vorbei.

Leser-Kommentare
  1. Es kann nur ein Anfang sein, auf beiden Seiten des Kusses. Ein saft- und kraftloser Staatspräsident, der mit dem Rücken zur Wand als lame duck innenpolitisch erforderliche Remedur durch außenpolitische Charme- oder Drohgebärden ersetzt, entlarvt sich in all seiner Ohnmacht. Spätgaullistische Vorstellungen einer europäischen Bündelung von "Vaterländern" gehören eh der vergangenen Geschichte an. Will Europa mit einer Sprache wirkungsvoll seine Stimme erheben und Anspruch auf Gewicht durchsetzen, ist sowieso eine stärkere Integration nötig. Dies geht aber nur mit der Bereitschaft beispielsweise der Franzosen, Engländer, Polen und Spanier tatsächlich einen glaubhaften Durchdringungsprozess in Europa in Gang zu setzen, der letztlich Abgabe von Souveränität an Europa bedeuten muss.

    Bislang ist dazu auf Seiten dieser "Vaterländer" kein Anhaltspunkt zu vernehmen. Was bleibt uns da schon anderes als Geduld und das Werben für die gemeinsame Sache. Eine Alternative haben wir nicht. Erst wenn Mr. Sarkozy in Frankreich "aufgeräumt hat, wird er als Präsident stark genug sein, Europa zusammen mit Deutschland neuen Reformgeist einzuhauchen. Er ist der tatkräftige Erneuerer, nicht Mr. Villepin oder Mme Royal. Sie sind zu schwach, um den Franzosen die erforderlichen Opfer abzuverlangen. Die Sozialisten können und wollen das ohnehin nicht. Die Frage ist nur, ob die Franzosen selber für einen solchen Präsidenten mit klarer Analyse gesellschaftlicher Schwächen und durchgreifenden Visionen für eine radikale Reform schon reif genug sind.

  2. Ob das französische NON und das nicht zu vergessende Neen aus den Niederlanden, wirklich Europa hemmen sei dahingestellt. Es mag zu früh gewesen sein die Länder des Comecon rein zu nehmen, das geschah aus reiner Güte und wurde von Polen quittiert mit dem Ankauf amerikanischer Flugzeuge.
    Die Franzosen möchten ein europäisches Europa, manch Anderer wünscht sich ein atlantisches Europa, und ich bin der Meinung Europa kann nur gelingen wenn es europäisch bleibt und nicht Pudel wird.
    Es hätte so sien sollen dass die sechs Gründerländer: Benelux, Deutschland, Frankreich und Italien eine Verfassung aufgestellt hätten und sie angenommen hätten, dann alle nachfolgenden Länder diese oder nicht aufgebürdet hätten.
    England wäre nie Mitglied geworden ausser es wäre europäisch geworden, aber wäre das denn so Schade gewesen dass die Engländer sich ein für allemal die Frage stellen täten zu Wem sie gehören. Auf jeden Fall sind sie froh wirtschaftlich zu Europa zu gehören.
    Die EG bringt jedem etwas, einige wollen aber nur ihren Scheck nach dem Motto: Give me my money back! Das geschah ja nur weil einfach nur oben auf dem Krabbenkorb Männer "ohne" laufen!
    Ein Nein erlaubt ein Wiederanfang, ein Überdenken, es ist nicht negativ, nie! Wenn eine Frau in der Ehe nein dagt, muss der Partner sich mit sich auseinandersetzen.
    Ich habe ein Interview von einem luxemburgischen Mitarbeiter an der Redaktion der Verfassung. Teil 3 und 4 wurden aufgezwungen vom Ministerrat denn der Konvent beriet nur über die Teile 1 und 2, welche mit wenigen Ausnahmen eventuell diskutierbar gewesen wären!
    Die Teile 3 und 4 sind Verträge und müssen verhandelbar bleiben. Die US Verfassung hat nur wenige Artikel.
    Gesetze sind etwas anderes, die müssen geändert werden können.
    Konservative sind Leute die an Verflossenem festhalten, sie meinen auch vor 68 wäre alles besser gewesen. Aber wenn es vorher so gut gewesen wäre, hätte 68 nie das Licht der Welt erblickt. 68 war eine Reaktion auf das gewesene. Ein paar Korrekturen werden genügen das Ganze ins Lot zu kriegen.
    Die Gesellschaftsform vor 68 erlaubte die Weltkriege wegen dem Drill zur Anerkennung der oberen Befehlsgewalt.
    Europa hat im Zwistfall Frankreich/Deutschland immer nur gehustet. Ein bisschen Hustensaft wird das Ganze schon heilen.

  3. Gute Beziehungen zu Frankreich sind von enormer Bedeutung nicht nur fuer die beiden Laender selbst, sondern auch fuer die Zukunft Europas. Bislang rechnet besonders die europafreundliche Jugend Frankreichs immer noch mit der Locomotive franco-allemande, die den europaeischen Zug von 25 Wagen voranziehen soll. Da Chirac im Aussterbeetat steht, ist es selbstverstaendlich, dass sich nun die beiden Nachfolgekandidaten Villepin und Sarkozy fuer Frau Merkel interessieren. Der Vergleich Merkel-Thatcher ist total unpassend, bloss weil La Thatcher eine Frau ist. Helmut Kohl eignet sich wesentlich besser zum Vergleich.

  4. Gerade Sarkozy, das soll wohl ein Witz sein. Ausser viel Gestik bringt der Mann nicht viel mit als Bagage. Mit Sarkozy wird Frankreich eine Revolution erleben da besteht kein Zweifel, aber keine wie Ihm vorschwebt.
    Er ist ein Spezialist des Populismus, aber Populisten das wissen wir, sind nur tote Hosen.
    Chirac hat Zeit seines Lebens nie etwas anderes gemacht als Politik, Sarkozy hat ihn einmal verraten. Elefanten vergessen nie. Jetzt zB wird Herr Sarkozy, zur Erinnerung ein Adliger Immigrant aus Ungarn, schön in die rechte bis Extrem Rechte des politischen Spektrums gedrückt, da hat noch nie einer eine wahl gewonnen. Für viele Franzosen ist Sarkozy ein Typ der in wenigen Jahren die Polizei verdoppelt hat und die Gefägnisse erweitert mit genug Wachmannschaften. Doch dies alles muss bezahlt werden bis die Beamten in Rente gehen. Besser wäre es allemal diese Wohnblocks menschlich zu gestalten. Es ist eben dem Staat seine Lieblingszündschnur an der nur das Streichholz fehlt.
    sarkozy war ja schon mal Innenminister, hat er damals etwas gegen die Tournantes ( Vergewaltigung junger algerischer Mädchen die sich jetzt zusammen getan haben unter "Ni putes, ni soumises)unternommen. Nein mir scheint eher dass der von den Gewerkschaften angesagte heisse Herbst dank der Zündschnur kurzgeschlossen wurde.
    Sarkozy hat auch so komische Ansichten was Trennung zwischen Kirche und Staat angeht, schon alleine dieses Gesetz anzurühren was schon de Gaulle sich nicht traute, wird ca 2/3 der Bevölkerung mobilisieren. Oder sollen die Frauen wieder hinter den Küchenherd sowie es sich im Rechtsextremens Lager ziemt? Seine enge Mannschaft besteht aus nur einer Frau bei 19 Mitgliedern und die ist mal nicht offiziell nominiert! Und dann darf man sich fragen wie die Moral dieses Typen ist der unentwegt alle Verkehrsregeln missachtet im Sinne von Louis XIV : L'Etat c'est moi!
    Am Anfang waren Chirac und Schröder auch nicht einig, das hat sich mit der Zeit gegeben, und auf einmal waren sie Freunde. Es bleibt den beiden Ländern nichts anders übrig, das haben so wohl die Einen wie die Andern erkannt.
    Populisten sind Populisten und sollen bleiben was sie sind, ein anderer Populist GW Bush wäre gut in seiner Ranch in Texas geblieben, die Welt wäre nicht ärmer. Der hat auch das Gold vom Himmel versprochen doch es kam nur Pechmarie!
    Sarkozy sagte auch die Banlieu Jugendlichen würden gegen die USA im Irak kämpfen, warum in aller Welt soll das verboten sein, wo doch dieser Krieg nach populistischer Manier à la "seit 5 Uhr schiessen wir zurück" zustande kam mit frisierten Daten.
    Saddam war kein Guter, aber die Mollahs sind auch keine Guten und denen haben die USA den Irak zum grössten Teil in die Hände gespielt.
    Nein die Welt braucht verantwortungsvolle Politiker und Chiracs Drohung war als Beruhigung Israels gedacht, das sich ja im Moment in der Schwebe befindet und im Begriff ist sich noch mehr Hass aufzuladen. Chirac hat jetzt mal gesagt wo die Grenzen liegen, und in dem Sinne war das nicht mal so schlecht. Denn so langsam müssen wir unsere Zivilisation so unvollkommen sie auch sein mag, gegen die dunklesten Theologien eines total falsch verstandenem Korans, verteidigen.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service