Jetzt ist es also amtlich: Die Kultur schadet dem Fußball. Sie macht ihn regelrecht kaputt, jedenfalls den Rasen, auf dem er spielt. Behaupten die Verantwortlichen beim Fußballweltverband Fifa und haben aus heiterem Himmel die Gala zur Eröffnung der Weltmeisterschaft im Berliner Olympiastadion abgesagt. Das WM-Kulturprogramm hat noch nicht richtig angefangen, da wird sein vermeintlicher Höhepunkt ersatzlos gestrichen. Die Genfer Gralshüter des Spiels haben sich wie üblich als Kontrollfreaks gezeigt, die anstelle eines Herzens einen Kontoauszug bei sich führen. Mit den Knebelverträgen und "Pflichtenheften" haben sie ohnehin schon die Macht im Lande zu nicht unbeträchtlichen Teilen übernommen. Alles zum Schutz ihres einzigen Produkts, des organisierten Fußballs. Denn die WM ist die alleinige Einnahmequelle der Fifa, von ihrem Erlös muss der Verband die nächsten vier Jahre leben.

Zunächst schien Hellers Gala trotz der Kosten von 25 Millionen Euro ein gewinnbringender Posten in diesem Businessplan zu sein. Damit schlösse die bislang relativ schmucklose WM auf zum anderen Premiumprodukt des Sports, den Olympischen Spielen, deren Eröffnungsfeier für ein paar Stunden die Illusion einer friedlich vereinten Welt herbeizaubert. Deshalb übernahm die Fifa überhaupt die Verantwortung für die Gala, die ursprünglich allein ein Vorhaben der deutschen WM-Organisatoren war. Aber mit der Kultur ist nicht so leicht zu kalkulieren. Die Mondpreise für die Tickets wollte niemand bezahlen. Und offenbar wurde auch Heller, obwohl er auf eine sichere Melange großer Namen setzte, zu unberechenbar. Zwar weiß man von vielen Projekten Hellers, dass ihre Vorbereitung chaotisch sein kann wie zuletzt bei Afrika, Afrika (ZEIT Nr. 39/05). Doch am Ende ist er noch immer fertig geworden, und dann wollen sich alle im Glanz seiner Spektakel sonnen. Billig wird die Fifa diesmal aber in keinem Fall davonkommen. Kosten in Höhe von 10 bis 15 Millionen sind jetzt schon entstanden, vom Imageschaden ganz zu schweigen.

Und unsere schöne WM? Sie war mal das Wundermittel zur Heilung einer depressiven Nation. Die Wirtschaft sollte allein aufgrund der Vor- und Konsumfreude der Fans um ein Prozent wachsen. Beim sommerleichten Confederations Cup 2005 übten wir schon mal, weltmeisterlich zu sein. Alles vorbei. Ein Sommer des Missvergnügens droht. Der Ticketverkauf ein Ärgernis, die Sicherheit in den Stadien umstritten und die große Party abgesagt. In den Sportteilen jubeln jetzt die Kollegen, des Fußball-Feuilletons längst überdrüssig: Maßgebend is auffem Platz! Als würde die Kunst rund um den Fußball ein einziges Tor verhindern. Im Gegenteil, sie erst setzt uns instand, die Schönheit eines perfekten Seitfallziehers vollendet zu genießen. Ohne ästhetische Überhöhung ist eine WM einfach nur ein Monat mit 64 Fußballspielen. Davon haben wir aber wirklich mehr als genug. Christof Siemes