Eine Zeit lang hatte ich nur einen einzigen Traum: an einem Ort ohne Busse zu leben. Auf Dauer wäre das natürlich nicht sehr praktisch. Aber nach der Explosion wünschte ich mir einfach, nie wieder in meinem Leben einen Bus sehen zu müssen. Auch wenn ich anfangs wie besessen davon war, mir jedes Detail in Erinnerung zu rufen, jede Sekunde von dem, was passiert war. Sehe ich einen Bus, steigt noch heute die Angst in mir hoch, ein kleines Geräusch wird in meinem Kopf zu einer Explosion. Gehe ich aus dem Haus, vergesse ich nie, dass ich vielleicht nicht wiederkehren werde. Niemand kann mir versprechen, dass ich heil zurückkomme. Aber ich will Jerusalem nicht verlassen, nur weil es eine gefährliche Stadt ist. Überall kann einem etwas zustoßen. Und wenn es keine Bombe ist, dann wird es etwas anderes sein.

Mein Traum ist der Traum von Routine. Routine wird so wertvoll, wenn man gesehen hat, dass sie innerhalb von Sekunden zerstört werden kann. Als die Intifada begann, hatte ich jede Nacht den gleichen Traum: Ich sitze in einem Café mit meinen Kindern, da ist jemand mit einer Tasche, ich sehe in seine Augen und weiß, dass es ein Selbstmordattentäter ist und dass wir in einer Sekunde alle sterben werden. Aber ich bin gelähmt vor Angst. Ich weiß, dass ich meine Kinder bei der Hand nehmen und weglaufen muss. Aber ich kann nicht. Es ist seltsam – nach dem Attentat hat dieser Traum aufgehört. Meine Albträume dringen nicht mehr in meinen Schlaf ein.

Als ich klein war, lebte ich in einer Welt aus Träumen. Ich saß in der Schule oder lag auf dem Bett und war in meine Fantasie eingesponnen. Die Realität erschien mir grau und eintönig. Wir lebten damals an einem sehr abgelegenen Ort, und ich musste mich viel mit mir selbst beschäftigen. Ich beobachtete die Menschen um mich herum, nahm ihre Eigentümlichkeiten wahr und gab ihnen eine Rolle in meinem Fantasiespiel. Ich lud sie in meine Fantasie ein, um durch sie zu anderen Orten und Plätzen zu reisen. Vielleicht war es auch eine Art Flucht, aber es hat viel Spaß gemacht. Ich liebte die Illusion, mein Leben kontrollieren zu können. Das waren wahrscheinlich meine ersten, unbewussten Schritte als Schriftstellerin.

Mit den Jahren bin ich ein wenig realistischer geworden, aber beim Schreiben habe ich noch genau das gleiche Gefühl von Freiheit, wie ich es als kleines Mädchen empfunden hatte. Ich erschaffe mir eine andere Wirklichkeit, und die Figuren, die ich dabei treffe, werden manchmal realer als die Menschen um mich herum. Wenn ich schreibe, verfalle ich in eine Art träumerische Konzentration, es ist, als ob die Sätze aus einer verborgenen geheimnisvollen Quelle sprudelten. Schreiben ist eine Mischung aus Unbewusstem, Inspiration und einem gewissen Grad an Vorausplanen. Und trotzdem reflektieren meine Bücher nicht die Realität, ich halte mich an keine sozialen Statistiken, sondern wähle bewusst Paare oder Familien im Stadium der Krise. Krisen können sehr aufschlussreich sein, weil sie einen zwingen, sich den eigenen Problemen zu stellen und bewusster zu leben. Ich will die kleinen Tragödien zeigen, die in unserem täglichen Leben versteckt sind. Ohne etwas dabei zu beschönigen. Meine Bücher handeln nicht von Glück.

Ich halte Glück nicht für das Wichtigste im Leben. In meinem vorigen Roman ist die Protagonistin Ella für ein paar Minuten, vielleicht auch Stunden, glücklich. Doch am Ende bemerkt sie, dass sie nicht das Glück gefunden hat, sondern eine Bedeutung für ihr Leben. Ich glaube, das ist viel wichtiger. Als ich Späte Familie geschrieben habe, fühlte ich mich Ella sehr verbunden, weil sie so sehr von ihrer Fantasie getrieben ist. Indem sie sich von ihrem Mann trennt und die Familie zerstört, folgt sie dem Traum von einem besseren Leben und lässt die enttäuschende Routine ihres Ehelebens hinter sich. Dabei tut sie es nicht für eine neue Liebe, sie tut es nicht, weil ihr Leben nicht auszuhalten wäre. Sie ist einzig und allein von einem Traum getrieben.

Diese Anziehungskraft der Fantasie versuche ich zu fassen. Ich will verstehen, in welchem Maße wir unsere Entscheidungen selbst treffen. Wissen wir, was wir tun? Oder bricht alles einfach über uns herein wie eine Naturkatastrophe? Tolstoj hat mal gesagt, dass viele unserer Träume wahr werden, nur so verzerrt, dass wir sie nicht wiedererkennen.