Das ist wirklich die urälteste Geschichte aus der europäischen Provinz. Sie besteht aus einem Dorf am Rand der zivilisierten Welt, einer schweigenden Mutter, einem schlagenden Vater und einem wilden jungen Mann, der die Welt neu erfinden will. Sie ist schon so oft erzählt worden, dass man sie inzwischen beinahe schon für ein Märchen hält. Aber weil die unzivilisierten Ränder Europas inzwischen knapp werden und den wilden jungen Männern in der Zivilisation die Träume seit einiger Zeit ausgehen, lässt man sich diese urige nordschwedische Pubertätsballade aus echtem Schweiß und Schnee und einer Menge ungebügelter Anekdoten gerne erzählen. In Pajala, einem kleinen Städtchen, an der Grenze zu Finnland wachsen in den siebziger Jahren zwei Jungen heran mit allem, was zu einer weltverlorenen Kniestrumpfkindheit in jenen Zeiten üblicherweise gehört, Jagdverein, Gruppenpinkeln, religiöse Hysterie und noch ein paar anderen regionalen Auffälligkeiten wie Fingerhakeln, Festbesäufnissen und Saunawettbewerben. Der iranisch-schwedische Regisseur Reza Bagher, dem das nordeuropäische Urmenschentum nicht vertrauter sein dürfte als seinem Publikum, behandelt den vormodernen Stoff zwar nicht ohne historisierende Hochachtung, aber durchgängig ironisch. Seine unaufdringliche, heitere Pippi-Langstrumpfisierung der Vorväterwelt ist unterhaltsam und in jeder Hinsicht unbedenklich: intelligente Folklore.

Die schwedische Romanvorlage Populärmusik aus Vittula von Mikael Niemi, eine sehr erfolgreiche, herzlich einfältige Erzählung aus der Sicht eines jugendlichen Weltrandbewohners, verfehlt der Film dennoch nicht. Im Zentrum des Provinzalltags steht in beiden Fällen der große Jungentraum von der weiten wilden Welt, die jenseits der Dorfgrenze nur darauf wartet, durch etwas Gitarrenspiel und Gesang erobert zu werden. Die große Schwester trinkt Bier und hört im Kinderzimmer Elvis Presley, die beiden Jungen gründen eine Rockband. Wenn man erst einmal die Kraft der Musik entdeckt hat, gibt es kein Zurück. Das ist wie das erste Mal wichsen, behauptet der Roman.

Die Befreiung aus der Vormoderne durch lautes Musizieren gehört zu den inzwischen selber schon historisch gewordenen Mythen unserer Emanzipationsgeschichte. Reza Baghers Populärmusik aus Vittula erzählt sie mit naivem Charme zum 1002. Mal noch einmal nach. Die Befreiung aus der Spätmoderne ist eine andere, viel aufregendere und gegenwärtige Geschichte, die wir uns von einem anderen Film erzählen lassen müssen.