Michael Glos geht schweren Wochen entgegen. Alles spricht dafür, dass die Übernahme des TV-Konzerns ProSiebenSat.1 durch den Springer-Verlag am Veto des Kartellamts scheitert. Dann kann Springer-Chef Mathias Döpfner beim Wirtschaftsminister als letzten Ausweg eine Ministererlaubnis beantragen. Er schließe eine solche Ausnahmegenehmigung nicht aus, hatte Glos bereits Ende November ohne Zwang erklärt. Doch erteilt er sie, wird man ihm Parteilichkeit vorwerfen. Schließlich ist die Nähe der Springer-Medien zur Union notorisch. Sagt Glos hingegen nein, lenkt er den geballten Zorn des mächtigen Medienkonzerns auf sich. Dann steht Glos im Rampenlicht. Genau da, wohin es ihn bisher überhaupt nicht zieht. Michael Glos, CSU BILD

Der Bundesminister für Wirtschaft und Technologie tritt seit seinem Einzug ins Ministerium vor nunmehr zwei Monaten kaum in Erscheinung. Ausnahmen macht er für Talkshows wie Sabine Christiansen am vergangenen Sonntag – und da war er richtig sauer. "Ich bin hier als Atomheini dargestellt worden", beschwerte er sich bei der Talkmasterin in der Sendung. Er wolle doch keine neuen Kernkraftwerke bauen, sondern nur sichere Anlagen länger betreiben. Dann lehnte er sich zurück. Fast wie ein stummer Gast saß der als bissiger und unermüdlicher Debattierer bekannte CSU-Mann während der verbleibenden Sendeminuten aus – die Miene verkniffen.

Ein Konzept zur Energiepolitik war ihm "nicht präsent", notiert ein Besucher

Drei Tage zuvor, in Maybrit Illners Runde Berlin-Mitte, war er kaum gesprächiger. Mancher stellt sich inzwischen die Frage: Was ist los mit Glos? Lastet die Bürde des neuen Amtes so schwer auf ihm, dass er sich nichts mehr zu sagen traut? Die Antwort: Der Mann mit dem frechen Mundwerk hat sich Zurückhaltung auferlegt. Mit der Folge, dass keiner weiß, für welche Politik er steht.

Derzeit übt Glos den Rollenwechsel vom frei schwebenden Oppositionspolitiker zum verantwortlichen Minister, der für das einstehen muss, was er sagt. Statt knackiger Sätze – Schweigen. Vorbei die unbeschwerten Tage, als es dem CSU-Landesgruppenchef richtig Spaß machte, den politischen Gegner vorzuführen. Jetzt wird jeder Satz aus dem ministeriellen Munde darauf abgeklopft, welche politische Botschaft darin stecken könnte.

Solche Sätze sind rar, Glos lässt sich mit politischen Festlegungen Zeit. Während sein Kollege Peer Steinbrück vom Finanzressort vergangene Woche in einer Grundsatzrede vor der Industrie- und Handelskammer Frankfurt die großen Linien seiner künftigen Politik vorstellte, lässt Glos die Dinge lieber in der Schwebe. Das Äußerste sind Ankündigungen wie diese: "Meine Hauptaufgabe wird es sein, den Mittelstand zu stärken."

Dass Glos nicht mehr verrät, verwundert manchen Politiker in Berlin. Etwa den FDP-Abgeordneten Rainer Brüderle ("Ich mag Glos persönlich sehr") etwa, der liebend gern selbst Wirtschaftsminister einer CDU/FDP-Regierung geworden wäre. Er formuliert seine Zweifel wohlwollend: "Eine wirtschaftspolitische Handschrift ist bisher nicht zu erkennen." SPD-Wirtschaftssprecher Rainer Wend, als Großkoalitionär auf Zurückhaltung bedacht, kritisiert vorsichtig: "Sicher gibt es noch offene und strittige Fragen." Deutlicher wird die Grünen-Abgeordnete Margareta Wolf, Wirtschaftsstaatssekretärin in der ersten rot-grünen Regierung: "Ich weiß nicht, wohin dieser Mann will."

Die Frage ist, ob er es selbst weiß. Man muss ihm zugute halten, dass er "erst ganz zuletzt zur Wirtschaft gestoßen" ist, wie er es selbst formuliert. Der designierte Minister, CSU-Chef Edmund Stoiber, hatte Hals über Kopf die Flucht nach Bayern ergriffen und brauchte einen Ersatzmann. Als tapferer Parteisoldat akzeptierte Glos – wenn auch ohne Verständnis für das Verhalten seines Parteivorsitzenden. Wirtschaftsminister hatte er jedenfalls nicht werden wollen. Jetzt steht er an der Spitze eines großen Ressorts, das ein anderer zugeschnitten hat.

Mancher Besucher hat den Eindruck, dass Glos mit der neuen Aufgabe alles andere als routiniert zurechtkommt. Kurz vor Weihnachten diskutierte Klaus Rauscher, der Vorstandsvorsitzende des Stromriesen Vattenfall Europe, mit dem (für einen großen Teil der Energiepolitik zuständigen) Wirtschaftsminister. Als Rauscher das Gespräch auf das Energiekonzept der Bundesregierung lenkte, stieß er ins Leere. In einer internen Notiz heißt es: "BM Glos war dieses Thema nicht präsent."