Am 26. Mai 1789, wenige Wochen vor Beginn der Französischen Revolution, hielt Friedrich Schiller in Jena seine akademische Antrittsrede Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte? Darin wandte er sich direkt an die Studenten: "Es ist keiner unter Ihnen allen, dem Geschichte nicht etwas wichtiges zu sagen hätte; alle noch so verschiedenen Bahnen Ihrer künftigen Bestimmung verknüpfen sich irgendwo mit derselben; aber Eine Bestimmung teilen Sie alle auf gleiche Weise miteinander, diejenige, welche Sie auf die Welt mitbrachten – sich als Menschen auszubilden – und zu dem Menschen eben redet die Geschichte."

Dass Geschichte als Bildungsmacht ein wesentlicher Teil des menschlichen Lebens ist, darüber herrscht seit den Tagen der Aufklärung Einigkeit. Aber was heißt das eigentlich: sich historisch zu bilden? Gewiss gehört dazu ein Fundus von Kenntnissen über die Entwicklung der menschlichen Zivilisation im Allgemeinen und der Geschichte der eigenen Nation im Besonderen. Doch historische Bildung erschöpft sich nicht in enzyklopädischem Wissen; viel wichtiger ist das Verständnis der Zusammenhänge, die Einsicht in Ursachen und Wirkungen. "Nicht auf das Gedächtnis allein, wie einige glauben, bezieht sich die Historie, sondern Schärfe des Verstandes fordert sie vor allem", bemerkte der frisch gebackene Berliner Geschichtsprofessor Leopold von Ranke 1836. Es ist eine Crux des Geschichtsunterrichts bis heute, dass hier immer noch viel zu sehr auf reine Stoffvermittlung gesetzt und zu wenig Nachdruck auf die Ausbildung des historischen Denkens gelegt wird.

Auch wer sich nicht professionell mit Geschichte beschäftigt, tut gut daran, seine historische Bildung zu pflegen (was auch heißt: Anschluss zu halten an Ergebnisse und Debatten der Forschung). Denn es ist eine ebenso banale wie zutreffende Erfahrung, dass sich in der Gegenwart nur schwer zurechtfindet, wer sich gegenüber der Vergangenheit ignorant verhält. Doch Geschichte hat nicht nur eine wichtige Orientierungsfunktion für die Gegenwart; sie schärft auch unsere Sinne für die Veränderbarkeit von Verhältnissen, für nicht genutzte Möglichkeiten und verschüttete Alternativen. Indem sie uns fundamentale Einsichten in die Bedingungen menschlichen Handelns vermittelt, ist sie – mit den Worten Thomas Nipperdeys – "eine kaum ersetzbare Schule des Augenmaßes". Und schließlich öffnet sie unseren Blick für das ganz andere, etwa eine weit zurückliegende Epoche wie Altertum oder Mittelalter oder fremde Kulturen. Gerade hier zeigt sich, dass historische Bildung ein Reservoir von Wissen, Vorstellungen und Erfahrungen einschließt, das nicht auf aktuelle Bedürfnisse zurechtgestutzt werden kann.

Schon Friedrich Nietzsche hat freilich in seiner Betrachtung Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben (1874) auf den im Menschen wirksamen Impuls verwiesen, "sich gegen die große und immer größere Last des Vergangenen" zu stemmen. Das gilt natürlich vor allem für die dunklen Seiten der Geschichte, in der individuellen Biografie ebenso wie im kollektiven Gedächtnis einer Nation. In Deutschland ist die Beschäftigung mit der Vergangenheit durch die zwölf Jahre der nationalsozialistischen Diktatur und die alle menschliche Vorstellungskraft sprengende Dimension ihrer Verbrechen auf besondere Weise belastet. Die einen warnen vor einem Übermaß der Erinnerung, wie man sie etwa im vergangenen Jahr anlässlich des 60. Jahrestages des Kriegsendes erleben konnte. Die anderen beklagen die Folgen einer jahrzehntelangen Verdrängung und konstatieren nach wie vor einen großen Aufklärungsbedarf. Zwischen beiden Polen die richtige Balance zu finden ist angesichts der Monstrosität des Geschehenen nicht einfach. Ein zuverlässiger Gradmesser für die Reife des historischen Bewusstseins unserer Gesellschaft wird auch künftig bleiben, inwieweit sie bereit ist, sich jenseits jeder bequemen Ausflüchte mit dem schrecklichsten Kapitel der deutschen Geschichte auseinander zu setzen.

"So waren wir… Was sind wir jetzt?" Diese Frage gab Schiller seinen Hörern mit auf den Weg. Es ist die Grundfrage, die sich jeder Generation aufs Neue stellt.

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