Im Anfang war das Bild. Und es war nicht das Wort. Denn wäre es das Wort gewesen, sagten wir heute Wortung und nicht Bildung. Das weiß ja jeder: Erst sieht der Mensch, dann beginnt er zu sprechen. Erst muss er sich ins Bild setzen, dann kann er sagen: Ich bin im Bilde, ich habe verstanden.

Wer also Bildung will, muss sehen. Er braucht Bilder, und vor allem braucht er die Bilder der Kunst. Nicht dass Kunst uns unbedingt zu besseren Menschen machte, dass sie eine höhere Art der Welterkenntnis böte und den Menschen von aller Entfremdung erlöste, so wie dies Schiller, Heidegger, Adorno und viele andere einst verhießen. Auch ist ein Leben ohne Kunst kein dummes Leben. Dennoch ziehen erstaunlich viele Menschen in die Museen. Anders als Musik oder Kino vermeldet die Kunst nicht Schrumpfung, sondern kräftiges Wachstum. Und das hat Gründe.

Tagein, tagaus blicken wir auf Schirme und Schirmchen, unser Sehen wird formatiert, unser Blick auf die Welt hat klare Rahmen. Der Alltag ist Bild, und Bild ist Alltag, und eigentlich, so sollte man meinen, sind Museen überflüssig. Warum denn, bitte schön, noch mehr Bilder? Vielleicht, weil die Kunst andere Bilder bietet. Bilder, die nichts verkaufen wie in der Werbung, nicht zappeln wie im Fernsehen, nichts abbilden wie in der Zeitung. Die Bilder der Kunst bleiben. Sie haben eine Geschichte und werden Geschichte haben. Und mit Glück sind es Bilder, die uns ins Ungebildete führen, ins Unformatierte. Man könnte auch sagen: Die Kunst bereichert uns, indem sie uns arm macht. Arm an Gewissheit.

Sich an der Kunst zu bilden heißt also nicht, möglichst viele Werke und Künstler und Stile und Kunstgeschichten zu kennen. Sicher, das kann nicht schaden, doch im Kern heißt Kunstbildung etwas anderes. Es heißt, eine ästhetische Erfahrung wagen. Sich auf etwas einzulassen, das nicht in Wörtern zu uns spricht und sich den Begriffen entzieht. Das aus dem Gewöhnlichen hinausführt ins Ungewohnte. Selbst bei der Mona Lisa ist das so, sie ist allen vertraut und über alle Zweifel erhaben – und bewahrt doch den Reiz des Offenen. Die einen sehen in ihr das Schöne, andere etwas Verwunschenes, Dritten ist sie nur noch Karikatur. Allen aber bleibt Verwunderung, warum und wie sich dieses Bild und andere Bilder in uns abbilden. Und dann natürlich die Frage, ob die Kunst tatsächlich "das Unsichtbare im Sichtbaren" (Lyotard) entdeckt.

Gerade dieses Ungefähre macht gute Kunst aus. Und macht sie zu einer Zumutung. Sie gehorcht nicht jener Logik, die allein Wertschöpfung will und Wissensvermehrung und Erkenntnis und das alles möglichst schnell. Kunst will Zeit, damit ein Bild sich in uns bilden kann. Sie verlangt Wiederholungsseher und Überzeugungsschauer. Solche, die sich einlassen auf die Unverfügbarkeit der Kunst, ihre verlockende Schönheit, ihre abweisende Hässlichkeit, auf die Arbeit, die sie verlangt, den Genuss, den sie verspricht.

Und obwohl die Kunst nicht das Ende aller Entfremdung verheißt, lässt sich am Ende doch in der ästhetischen Erfahrung eines lernen: ein selbstbestimmtes, ein selbstbewussteres Sehen. Diese Selbstbestimmtheit geht vielen Menschen in der medialisierten Gegenwart verloren, sie klagen über die Bilderflut, den Bilderrausch. Auch deshalb zieht es sie ins Museum: wegen der Unbill der Bilder. Unbill, das hieß am Anfang der Sprache noch Unbild, es bedeutete maßlos, unrecht, eben nicht-gebildet. Unbill ist das Gegenteil von Kunst.