Medizin ist ein Fach, das seine Existenz nicht rechtfertigen muss. Und doch gehen die Meinungen darüber auseinander, was der Laie (wenn überhaupt) über diese Disziplin wissen sollte. Vielleicht wäre es besser, sich einfach den Ärzten anzuvertrauen – so war es jedenfalls früher. Für leichtere Fälle wie Fieber, Warzen oder Kinderkrankheiten reichten Hausmutters Rat und die Hausapotheke. Bei schweren Leiden überantwortete man sich dem studierten Doktor, der unverständlich über Neurasthenie, Nasenkatarrh oder komplizierte Kolonaspekte dozierte. Inzwischen aber mühen sich die Ärzte, Deutsch zu reden; das überlieferte Wissen der Hausapotheke ist weitgehend verloren gegangen. Dafür gedeiht in den Laienköpfen akademisches Halbwissen, genährt durch Gesundheitsmagazine, Ratgebersendungen, Bücher, notorische Arztserien, Selbsthilfegruppen oder das Internet.

Zugespitzt könnte man sagen: Viele Menschen wissen heute nicht zu wenig über Medizin, sondern zu viel – nur leider das Falsche. Wo sich früher in der Praxis ein Studierter und ein Laie gegenübersaßen, begegnet man sich heute als Experte und Halbexperte. Diese Konstellation garantiert Missverständnisse und Enttäuschungen. Der Halbexperte mag sich über noch so viele Krankheitsdetails informiert haben, aber ihm fehlen das Gespür für und die Kenntnis über die Fundamente der Medizin.

Die größte Fehlannahme vieler Patienten ist, dass die "Schulmedizin" naturwissenschaftlich exakt arbeite und deshalb umfassendes Wissen (durch den Arzt oder eigenes Studium der Fachliteratur) unfehlbar die richtige Diagnose und Therapieoptionen liefern müsse. Doch der Mensch ist ein komplexes, biologisch einzigartiges Individuum, deshalb kann es ewig gültige Therapien und präzise Prognosen nie geben, deshalb sollte der Anspruch an die Medizin auch nicht zu hoch sein. Die Forschung ist im Fluss, manche Lehrmeinung von heute wird morgen revidiert. Unwägbarkeiten begleiten die medizinische Praxis mehr, als einem Kranken lieb sein kann. Der Leitspruch der Ärzte heißt deshalb: "To perform the art, to know the science" – die praktische Kunst ausüben, die Wissenschaft kennen.

Die zweite Quelle für Missverständnisse liegt in der Natur des menschlichen Gehirns. Ständig ist es auf der Suche nach Erklärungen, nach Kausalzusammenhängen in Ereignissen. Blitzschnell hat der Patient deshalb eine Theorie für seine Beschwerden parat. Sein Erklärungsmodell ist das Resultat aus aufgeschnappten Informationen, persönlichen Krankheitskonzepten, Erfahrungen, Ängsten und Wünschen. Aufgrund dieser unwillkürlichen Interpretationsarbeit sind Kranke in eigener Sache oft schlechte Ratgeber – das gilt auch für kranke Ärzte. Eine der größten Anstrengungen für Mediziner ist es, die allzu plausiblen Geschichten von den harten Fakten zu trennen und dabei trotzdem den Blick für die psychischen Aspekte der Krankheit nicht zu verlieren. Gerade bei unangenehmen Diagnosen ist es erstaunlich, wie verzerrt Patienten Informationen aus einem Gespräch mit dem Arzt mitnehmen. Ein Begleiter beim Arzttermin und notfalls eine zweite Arztmeinung sind mehr wert als das Studium von 100 Facharbeiten und drei Ratgeberbüchern.

Am Ende gilt noch immer der Leitspruch "Medicus curat, natura sanat", der Arzt hilft nur, die Natur heilt. So lösen sich im Erwachsenenalter viele Befindlichkeitsstörungen schlicht und einfach durch: abwarten. Wem das zu wenig ist, dem mag ein Blick in die Familienhistorie helfen. Denn die natürlichen Anlagen geben den vielleicht wichtigsten Anhalt, was die Zukunft bereithält. Litt Opa an Krebs, Herzbeschwerden oder Diabetes, ist das Risiko hoch, dass man sich mit den gleichen Leiden herumschlägt.

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