Musik ist wichtig für die Allgemeinbildung! Unbedingt. Den Satz muss man sofort unterschreiben. Aber er kann leicht einen bedrohlichen Klang annehmen: Mit ihm als Argument mussten die Söhne aus gutem Hause einst das verhasste Largo geigen, und die höheren Töchtern sollten am Klavier ihren Charakter maniküren. Die klassische Musik wurde vielen dadurch verleidet. Nicht Bach und Schubert haben genervt (eher schon Carl Czerny und Muzio Clementi), sondern der bildungsbürgerliche Stehkragen, in den sie eingezwängt waren. Irgendwann kamen dann die Rock ’n’ Roller, haben ihre E-Gitarren an die Röhrenverstärker gestöpselt und dem guten Ton der Klassik einen anderen entgegengesetzt.

Robert Schumann, der Romantiker, schrieb in aller Unschuld seine Musikalischen Haus- und Lebensregeln: "Spiele fleißig Fugen guter Meister, vor allen von Johann Sebastian Bach. Das Wohltemperierte Klavier sei Dein täglich Brot." Oder: "Gute Opern zu hören, versäume nie." Oder: Mit Süßigkeiten, Back- und Zuckerwerk zieht man keine Kinder zu gesunden Menschen. Wie die leibliche, so muss die geistige Kost einfach und kräftig sein." Oder: "Singe fleißig im Chor mit, namentlich Mittelstimmen. Dies macht dich musikalisch." Die Empfehlungen mögen bis heute einen goldenen Bildungskern haben, aber als Handreichung für die Generation der MP3-Hörer taugen sie nicht mehr. Im Gegenteil: Das Gefühl, hoch gebildet sein zu müssen, um etwas von der so genannten ernsten Musik zu verstehen, hat sich für viele wie eine Steinplatte auf die Kunst gelegt. Dabei braucht man doch zunächst nur Neugier, offene Ohren, Konzentration und innere Gestimmtheit, um zu erfahren, was sich an Wunderbarem unter dem vermeintlichen Granit der musikalischen Formen, Rituale und Fachbegriffe verbirgt. Das Wissen kommt dann von ganz allein. Schumann formulierte es so: "Fürchte Dich nicht vor den Worten: Theorie, Generalbass, Kontrapunkt etc.; sie kommen Dir freundlich entgegen, wenn Du dasselbe tust."

Heute freilich wartet der Kontrapunkt vergeblich darauf, jemandem freundlich entgegengehen zu dürfen. Gehört Notenkenntnis eigentlich noch zur Allgemeinbildung? Die Fähigkeit, ein Instrument zu spielen? Das Singen? Achtzig Prozent des Musikunterrichts an deutschen Grundschulen fallen gegenwärtig aus oder werden von fachfremdem Personal gegeben. Da wird – sarkastisch gesagt – gerade die Basis dafür geschaffen, dass man bei der heranwachsenden Generation noch einmal ganz von vorn beginnen darf mit der musikalischen Allgemeinbildung. Mit dem Hinhören, dem Singen (erst einstimmig, die Mittelstimmen kommen später), dem gemeinsamen Musizieren, egal ob im Kammermusikensemble oder in der Rockband.

Musik ist von jeher eine elementare Ausdrucksform des Menschseins, in allen Kulturen, zu allen Zeiten. Muss man ihre Bedeutung tatsächlich noch einmal betonen? Musik beginnt, wo die Sprache und der Verstand enden. Sie lässt alles Gegenständliche hinter sich. "Musik wirft einen Raum auf, der alles Unverständliche, Geheimnisvolle und Unerklärbare zu enthalten scheint, dessen unsere Fantasie fähig ist", hat der Komponist Wolfgang Rihm einmal geschrieben. Die moderne Pädagogik verweist in letzter Zeit gerne auf die persönlichkeitsstärkenden Effekte des Musikmachens: Wer ein Instrument lerne, erwerbe eine enorme emotionale und soziale Intelligenz. Man kann aber auch auf den Mythos vom Ursänger Orpheus verweisen, der so wunderbar singen konnte, dass er als Lebender sogar den Einlass ins Totenreich erwirkte – Musik ist die größtmögliche Grenzüberschreitung.

Orpheus hat den Fährmann Charonte am Totenfluss Styx übrigens mit seinem Gesang betört, nicht mit Allgemeinbildung.

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