In Teilen der deutschen Gesellschaft gilt es als schick, nichts von Ökonomie zu verstehen. Denn die degradiert den Menschen angeblich zum rationalen Idioten. Und ist es nicht so: Aus einer Vielzahl von Formeln leiten Ökonomen Handlungsanweisungen ab, die abwechselnd dem gesunden Menschenverstand widersprechen (weg mit dem Kündigungsschutz, damit mehr Leute Arbeit haben) oder es an Menschlichkeit vermissen lassen (runter mit der Sozialhilfe, damit mehr Leute arbeiten wollen).

Leicht ist der Zugang zum ökonomischen Gedankengebäude zwar nicht. Aber die Zeitgenossen, die jene böse Ökonomie gar nicht kennen lernen wollen, machen es sich zu leicht. Der Glaube, die Ökonomie sei menschenverachtend, speist sich vor allem aus Ignoranz. Bei allen Macken hat sie viel zum Leben im modernen Kapitalismus zu sagen.

Mithin wäre das wichtigste Lernmittel Neugier. Gut und schön, die Lehre vom Markt zu kritisieren – aber erst sollte man lernen, wie dieser Mechanismus im Normalfall die Wünsche von Millionen koordiniert. Man sollte wissen wollen, wie das Angebot einer Ware und aller Waren zusammen vom Preis abhängt. Ebenso die Nachfrage: Wann nimmt sie ab mit sinkendem Preis, wann vielleicht auch zu?

Und schon ist man mittendrin in dieser "weltlichen Philosophie", wie der New Yorker Ökonom Robert Heilbroner sagt. Kann die Zentralbank die Nachfrage beflügeln, wenn sie den Zins senkt? Vermag es der Staat, wenn er selbst mehr Geld ausgibt? Was meinten die Klassiker des Fachs, als sie sagten: Jedes Angebot schafft sich seine Nachfrage und nicht umgekehrt? Ein Schlüssel zur Beantwortung dieser Fragen sind die Erwartungen über den Wirtschaftsverlauf, die wir alle bilden und die sich mitunter selbst erfüllen. Gehen wir kaltblütig und kundig daran, oder bestimmt die Stimmung des Moments den Blick nach vorn?

Dass die knappen Mittel einer Volkswirtschaft effizient eingesetzt werden, ist ein wichtiges ökonomisches Kriterium. Man sollte es von der Frage der Ungleichheit unterscheiden können: Eine Verteilung von Gütern oder Chancen kann die Ökonomie zu Höchstleistungen treiben, aber unseren Gleichheitsidealen zuwiderlaufen – und vice versa. Doch ohne Effizienz schwindet das, was überhaupt zu verteilen ist. Womit wir bei der Abwägung zwischen Optionen wären. Und wenn nicht das Wort, so sollte doch die Idee der "Opportunitätskosten" in möglichst vielen Köpfen herumspuken. Gemeint sind Gewinne, die uns die Wahl einer Handlungsoption gebracht hätte – und derer wir verlustig gehen, wenn wir einen anderen Weg einschlagen. Da sieht man schon: Die Ökonomie ist ihrem Wesen nach dialektisch, sucht beim Für unmittelbar das Wider und fahndet immer gleich nach der Gegenbewegung. "There is no such thing as a free lunch", hat der Chicagoer Ökonom Milton Freedman gesagt: Nichts ist umsonst, auch wenn die Kosten manchmal gut verborgen sind.

Die klassische Lehre erklärt einen großen Teil wirtschaftlicher Phänomene und erlaubt uns, ein eigenes Urteil über die öffentlichen Streitereien zur Wirtschaftspolitik zu fällen. Auf dieser Basis lassen sich auch die mannigfaltigen Ausnahmen und Abweichungen besser verstehen. Übertriebene Schwankungen an Aktienmärkten zum Beispiel. Oder die Frage, warum bestimmte Märkte von Großunternehmen beherrscht werden (jede Art von Infrastruktur) und andere funktionieren, obwohl nur zwei, drei Anbieter auftreten (High Tech). Oder die Erkenntnis, dass Löhne anders reagieren als sonstige Preise. Und schließlich all die neuen Einsichten der Ökonomen darüber, wie wir unsere wirtschaftlichen Entscheidungen tatsächlich fällen. Oft nicht so stur egoistisch, wie es die Theorie einst voraussetzte. Vielfach auch nicht halb so rational.