Enttäuschung ist die Mutter der Philosophie. Denn alles Nachdenken beginnt, wenn das Selbstverständliche nicht mehr selbstverständlich ist. Wenn der Himmel plötzlich ein Loch hat und die alte Erzählung über den natürlichen Gang der Welt brüchig wird. Alle Philosophie beginnt mit einer Krise. So zweifelten in der Antike die Söhne an den Mythen der Väter; sie hatten das Gefühl, die Welt sei unergründlicher, als die Göttergeschichten ihnen glauben machen wollten. Am Anfang der Philosophie steht also nicht, wie viele behaupten, das Staunen über den Kosmos. Am Anfang steht die Enttäuschung darüber, dass das Alte, die unbegriffene Gewissheit der mythischen Ordnung, Risse zeigt. Deshalb stellen Philosophen wie Sokrates die Welt "in Frage". Sie tun es, um nach neuer Gewissheit zu suchen, nach dem Guten und dem Gerechten. Diesmal aber nicht mit Bildern, sondern mit Begriffen; nicht mit einer Erzählung, sondern mit einer peinlichen Untersuchung.

Natürlich erschöpft sich die philosophia, die Liebe zur Weisheit, nicht in Befragung und Analyse. Wenn, wie zur Zeit von Immanuel Kant, Weltbilder aufeinander stoßen wie Meteoriten im Weltraum, dann versuchen Philosophen, die unversöhnlichen Gegensätze zu überwinden. Sie suchen nach einer Zusammenschau, nach einer orientierenden Synthese. Gibt es, wenn doch alles von der Natur bedingt ist, einen freien moralischen Willen? Antworten auf solche Fragen halten allerdings nicht ewig, denn während Philosophen noch die Enttäuschung bearbeiten, zeigt sich bereits die nächste. Sie schärfen Begriffe, die morgen, wenn der Wind gedreht hat, schon wieder stumpf sind. Jede Antwort provoziert eine neue Frage. So witterte schon Georg Wilhelm Friedrich Hegel im kristallklaren Denken des unsterblichen Kant eine abstrakte Flucht aus der Wirklichkeit. Anders gesagt: Wer von der Philosophie Lebenstrost und Daseinsbewältigung erwartet, der verkennt ihr Ureigenes, die Ruhelosigkeit des Geistes. Sie ist das Herz der Reflexion.

Aber fragen Philosophen nicht nach den ersten und den letzten Dingen, nach "Sein und Zeit"? Ja, allerdings ganz anders als die Theologen. Philosophen argumentieren, um ein umkämpftes Wort zu wählen, nachmetaphysisch. Darin steckt keine Kampfansage an die Metaphysik, sondern ein Aufruf zur Bescheidenheit. Philosophen stehen nämlich mit ihren Gedanken und Sätzen allein auf weiter Flur; sie können keiner höheren Vernunft mehr blind vertrauen. Deshalb reden Philosophen über das Geschenk des Lebens und den Skandal des Todes nicht im Hochgefühl einer unbezweifelbaren Wahrheit. Sie sprechen darüber hypothetisch, mit der Diskretion des Unbestimmten, also in sterblichen Sätzen.

Nichts enttäuscht das Publikum derzeit mehr als diese Askese. Unüberhörbar ist die Klage, die "beamteten Denker" seien furchtbar akademisch geworden und lockten den Weltgeist nicht mehr zu Tisch. Wer so redet, hat Recht. Auf schon unheimliche Weise hat sich die Philosophie spezialisiert; sie ist so kompliziert geworden wie die Probleme, die sie am Hals hat. Allmählich droht sie zu einer Fachwissenschaft zu verkümmern, die über das Einzelne alles, doch über das Ganze nichts mehr zu sagen hat. Sie weiß alles, sonst aber nichts. Überdies stecken Philosophen in einer Zwickmühle. Sie werden von den Naturwissenschaften attackiert, die ein Monopol auf Weltdeutung beanspruchen. Zudem schlägt ihnen aus der Medienöffentlichkeit eine sagenhafte Theoriefeindseligkeit entgegen, die kollektive Wut auf das Schwierige. Doch andererseits gilt auch: Die Philosophie ist immer noch die Königsdisziplin, um Klarheit über unser Lebensverständnis zu gewinnen. Im Streit um Embryonen- und Hirnforschung stammten die wirklich klärenden Argumente allesamt aus der Feder von Philosophen. Und ob die Zeit der großen Entwürfe tatsächlich zu Ende ist, ob die "Philosophie des Zeitalters" der Vergangenheit angehört, scheint keineswegs ausgemacht. Vielleicht schwelt unter dem Schutt der Epochenbrüche, unter all der "Entzweiung" seit dem Ende des Kalten Krieges die spekulative Glut der ungedachten Gedanken. Es müsste nur jemand kommen, die Glut zu entfachen. Denn "Entzweiung", so wusste Hegel, "ist der Quell des Bedürfnisses der Philosophie".

Wenn Sie mehr wissen wollen:

Aristoteles: "Die Nikomachische Ethik"; Augustinus: "Bekenntnisse"; Blaise Pascal: "Gedanken"; Kant: "Zum Ewigen Frieden" und Ludwig Wittgenstein: "Philosophische Untersuchungen"