Warum ist der Himmel blau? Welches Klima herrscht in hundert Jahren? Und wieso färben sich im Herbst die Blätter bunt? Als Kinder sind wir alle geborene Naturwissenschaftler. Die Wissbegier ist kaum zu stillen – bis wir in die Schule kommen. Dort verwandelt sich der Zauber der Naturphänomene in den Formelapparat der Physik, die alchemistische Freude an der Umwandlung von Stoffen kristallisiert im nüchternen Periodensystem. Statt die Kunst des Fragens zu erhalten, traktiert uns der Lehrplan mit Antworten in Form komplizierter Gleichungen. Damit ist für viele das Thema erledigt: "Physik? Das hab’ ich schon in der Schule nie verstanden."

Wenn allerdings der Physiker Stephen Hawking (wie kürzlich bei Kerner) die Wunder des Kosmos erklärt, lauscht selbst ein großes Fernsehpublikum gebannt. Denn die naturwissenschaftliche Neugier ist zutiefst menschlich. Seinem Drang, sich einen Reim auf die Natur zu machen, verdankt der Homo sapiens schließlich seinen evolutionären Aufschwung. Nur wenn die Naturwissenschaft in Lehrbücher gezwängt und mit Formeln beschrieben wird, verliert sie jeden Reiz.

Wenn von physikalischer oder chemischer "Bildung" die Rede ist, gilt es also zunächst, mit einem Missverständnis aufzuräumen: Es geht nicht darum, kluge Formeln aufsagen zu können. Das Buch der Natur ist zwar, wie Galilei erkannte, in der Sprache der Mathematik geschrieben. Aber die mathematischen Gleichungen sind nur Hilfsmittel, um wissenschaftliche Ideen prägnant zu formulieren. Deren Inhalt jedoch sollte ein guter Forscher, wie Ernest Rutherford forderte, "jeder Putzfrau erklären können".

Nur sind solche kenntnisreichen Popularisierer rar gesät. Wer allerdings je einen kennen gelernt hat, und sei es nur in Form eines Buches, entdeckt hinter der Welt der Formeln eine Naturwissenschaft, die weitaus spannender ist. Albert Einstein vergleicht in seiner Evolution der Physik die Forscher mit den Lesern eines Detektivromans. Anhand von Indizien versuchen sie, das Buch der Natur zu entziffern. Immer wieder finden sie Teilantworten, doch wie die Lektüre am Ende ausgeht, weiß niemand. Aber diese Ungewissheit macht ja bekanntlich den Reiz des Knobelns aus.

Die Farbe des Himmels ist dafür ein gutes Beispiel. Jahrhundertelang wurde darüber gestritten, große Autoritäten blamierten sich mit falschen Theorien. Erst Lord Rayleigh fand 1871 die Erklärung: Das Sonnenlicht wird von den Luftmolekülen gewissermaßen aus der Bahn geworfen; nur der blaue Anteil dieses "gestreuten" Lichts dringt zur Erde durch.

Diese Erklärung, die sich heute in den Lehrbüchern findet, ist allerdings nur das (eigentlich langweilige) Ende der Wissenschaft. Echte Forschung findet dort statt, wo es um ungelöste Fragen geht – etwa den Klimawandel. Dass heute kein Atmosphärenchemiker oder Geophysiker mit Sicherheit vorhersagen kann, wie sich dieser entwickelt, sollte uns Laien eher trösten: Auch Naturwissenschaftler sind nicht allwissend, sondern versuchen – wie Kinder – sich einen Reim auf ihre Beobachtungen zu machen. Und wer ein wenig mit der naturwissenschaftlichen Methode vertraut ist, kann diesem tastenden Suchen durchaus folgen, ganz ohne Mathematik.