Was muss man über unser Recht wissen? Eine Heerschar angehender Juristen würde darauf antworten: Das Abstraktionsprinzip! Diese Eigenheit des deutschen Rechts beschäftigt die Gerichte seit nunmehr 106 Jahren (das Bürgerliche Gesetzbuch trat am 1. Januar 1900 in Kraft), regt Wissenschaftler zu immer neuen Gedankenspielen an, füllt mehrere Meter Bücherregal und quält die Jurastudenten. Abstraktionsprinzip – das heißt: Wer zum Beispiel einen Kaufvertrag über eine Tafel Schokolade oder eine Villa am Wannsee schließt, wird damit nicht automatisch Eigentümer. Dieser Vertrag begründet lediglich die Pflicht des Verkäufers, die Schokolade oder das Haus zu übergeben und das Eigentum daran zu übertragen. Eigentümer wird der Käufer erst mit dem zweiten, dem dinglichen Rechtsgeschäft. Alles klar?

Gesetze und ihre Anwendung lassen sich pauken, an Hunderten von Fällen einstudieren – aber wirklich verstehen? Dazu müsste man tiefer einsteigen und begreifen, woher das Recht kommt, welches Denken ihm zugrunde liegt, was es will. Den Anfang macht am besten die Rechtsgeschichte, dann die Rechtsphilosophie, gefolgt von der Rechtssoziologie. Die Geschichte erzählt zum Beispiel von der germanischen Zeit, als das Recht der Stämme und Völkerschaften herrschte und das Volk die Gerichtsbarkeit noch im Thing, dem Rat, ausübte. Sie erzählt auch, dass der Sachsenspiegel, die Constitutio Criminalis Carolina und das Allgemeine Preußische Landrecht bedeutende, einflussreiche Rechtsbücher waren. Und die Geschichte berichtet, wie die Römer und der Franzosenkaiser Napoleon unsere Rechtsentwicklung nachhaltig beeinflusst haben. So unterschied schon das alte Rom zwischen dem Recht für die eigenen Bürger (ius civile) und für den Umgang mit fremden Völkern (ius gentium).

Die Philosophie wiederum lehrt uns, was den Grund, das Wesen, den Inhalt und den Zweck des Rechts ausmacht. Und die Soziologie bringt uns schließlich bei, dass unser Recht nicht in einem luftleeren Raum existiert, sondern sich aus der Gesellschaft heraus entwickelt, also eine bedeutende soziale Funktion hat. Wer das alles studiert, lernt viel über die Komplexität und die Strenge des Rechts, damit auch viel über das wahre Leben und manche unauflösbaren Widersprüche. Vielleicht kann er dann ein wenig nachvollziehen, warum die ostdeutsche Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley kurz nach der Wiedervereinigung so überrascht wie enttäuscht ausrief: "Wir wollten Gerechtigkeit und bekamen den Rechtsstaat."

Zum Wissen über unser Recht gehört selbstverständlich auch das Grundgesetz von 1949, vor allem jener alles überragende Satz: "Die Würde des Menschen ist unantastbar." Ohne ihn gäbe es wohl kein Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung, hätte das Strafvollzugsgesetz die Resozialisierung nicht zum obersten Ziel der Haft erklärt und würden wir wahrscheinlich heute – siehe Guantánamo, siehe den Fall des Frankfurter Polizeivizes Daschner – über das absolute Folterverbot anders diskutieren.

Das gesamte Recht ist unüberschaubar geworden, geradezu uferlos. Aber deswegen muss niemand kapitulieren. Man kann sich auf das Wesentliche beschränken. Dazu gehören in diesen globalisierten Zeiten, in denen Risiken wie Chancen täglich wachsen, auch die Grundzüge des Europarechts, des Völkerrechts, des Internationalen Privatrechts. Wie soll man sonst den modernen Konflikt zwischen einem Deutschen und einer Engländerin regeln, die in Portugal heiraten, in Belgien Kinder bekommen und sich in Argentinien scheiden lassen? Ohne diese Kenntnisse lässt sich zudem nur schwer begreifen, warum zum Beispiel die Europäische Union eine Verfassung und die gesamte Welt gemeinsame Regeln zum Schutz von Flüchtlingen, der Umwelt und zur Vermeidung von Kriegen brauchen. Recht lernen heißt auch: die Menschheitsgeschichte und die Geschichten der Menschen ein wenig besser zu verstehen.

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