Auf einem vergilbten, studentischen Pappkärtchen steht, handschriftlich notiert, das Wort cuidier; da steht es schon seit zwei Jahrzehnten, aus purer Überraschung aufgeschrieben, und das Kärtchen übersteht alle Umzüge. Cuidier, das ist ein altfranzösisches Verb und zugleich ein Substantiv, es heißt vielerlei, alles in einem: 1. denken, 2. sich etwas einbilden, 3. halten für, glauben 4. der Gedanke, die Ansicht, 5. die Vermutung, 6. die Einbildung. Ein einziges Wort für den Kosmos, in den jeder beim Einschlafen hinübergleitet, wenn sich die Grenzen zwischen Tag und Nacht, Klarheit und Dunkelheit, Bewusstsein und Traum auflösen, bis wieder ein Morgen kommt.

Wer in der Welt der handouts, power point presentations, papers und shareholder values unterwegs ist, braucht dem Wort cuidier niemals begegnet zu sein. Der kennt das Englische als Instrument weltweit funktionierender Vereindeutigung von Bedeutung. Aber wer gebildet ist, weiß um das Fremde der Fremdsprache, auch wenn er sie nützlicherweise in einer Schwundform gebraucht und natürlich ökonomische, medizinische, biochemische Vorlesungen auf Englisch hält oder hört. Der kennt den Kontinent, der zwischen der Nutzanwendung von Sprache und den feinen Gründen liegt, aus denen der vermeintlich so eindeutige "Punkt" auf Englisch ein point oder dot, ein spot oder place, ein full stop oder gar ein item, topic, matter, clause sein kann.

Wer gebildet ist, versteht den biblischen Mythos des Turmbaus zu Babel, demzufolge Gott auf die Hybris der Menschen mit der Verwirrung ihrer Sprache antwortete, damit sie einander fortan nicht mehr verstünden. Kaum etwas erscheint heute selbstverständlicher, als dass in der Welt nur herumkommt, wer jenseits von Babel lebt, wer sich leicht verständigen kann. Auf Englisch, auf Spanisch, natürlich, Chinesisch macht inzwischen an alten Gelehrtenschulen die Runde, auch für eine Begegnung mit dem Arabischen spricht vieles.

Aber was braucht man? Als der Theaterkritiker Alfred Kerr mit seiner Familie 1933 aus Berlin emigrieren musste, in die Schweiz, dann nach Paris, dann nach London, konnte er vorzüglich Deutsch wie nur wenige. Es dauerte nicht lange, bis seine Tochter in Paris einen französischen Aufsatz schrieb, der preisgekrönt wurde, und in London verliebte sich das Mädchen in einen Briten, einen Autor, mit dem es nun englisch sprach, was denn sonst. Der Sprachkünstler Alfred Kerr, dessen Texte keiner leichthin zu übersetzen vermag, wurde unterdessen von seiner Frau ernährt, die im Englischen gut genug zurechtkam, um Tipparbeiten zu erledigen. Von der Ausstattung aller drei etwas in sich zu tragen, von Vater, Mutter und Tochter – das wäre heute Allgemeinbildung.

Denn in der Muttersprache nicht zu Hause zu sein macht arm. Aber erst im Spiegel der Sprache des Anderen wird die eigene erkennbar. Zu wissen, dass Sprache sich in Brotberufe nicht zwingen lässt, für die man sie gleichwohl braucht, und dass sie vielmehr den vieldeutigen Weg zu anderen Menschen, ihrer Geschichte, ihrer Kultur auftut, bedeutet Bildung. Eine Erfahrung, die Europäern das Lateinische öffnet, aber auf andere Weise auch der regionale Dialekt nebenan. Zwischen der weltweiten Verständigung, die heute jedem Begünstigten irgendwie möglich ist, und den Worten, die einem Rätsel aufgeben, liegt der Kosmos der Sprachen, den jeder nur bereist um den Preis verwunderter Einsamkeit und für den launischen Lohn des Glücks, zu verstehen, verstanden zu werden.

Das Pappzettelchen mit dem Wort cuidier erinnert daran, dass es kein handout ist, allem fremdsprachlichen Unterricht in Dritt- und Viertsprachen, allen Weltreisen zum Trotz. Es erinnert daran, dass der Gedanke und die Einbildung einmal aufs engste verwandt waren. In einem einzigen fremden Wort, das einem, ganz nutzlos, begegnet ist und beredt von der Geschichte der Nachbarn berichtet, deren Sprache doch für ihre Klarheit gerühmt wird.