Nicht alles, was im Leben nützlich ist – Radfahren, Bügeln oder die Benutzung von Computern –, kann in der Schule vermittelt werden. Das heißt aber nicht, dass die zugrunde liegenden Techniken etwa nicht zu Allgemeinbildung gehörten. Warum das Fahrrad nicht umkippt, das Bügeleisen heiß wird oder der Computer, ohne einen Unterschied zu machen, Buchstaben, Zahlen, Bilder und Töne verarbeitet, sollte ein Bewohner unserer Zivilisation wissen, wenn er nicht als Analphabet der Gerätewelt durchs Leben gehen will. Leider tut sich im Allgemeinen zwischen den abstrakten Grundlagen, die der Physik- oder Chemieunterricht vermittelt, und den Anwendungen dieser Wissenschaften ein gewaltiger Graben auf. In diesem Graben sind aber die Ingenieure, die Industrien, die Nachrichten- und Warenströme zu Hause, die das Gesicht unseres Alltags stärker prägen als irgendein anderer Sektor unserer Kultur.

Es hat keinen Sinn, immer wieder aufs Neue das technische Zeitalter zu feiern oder zu beklagen, ohne dem Technischen den gleichen Rang des verpflichtend zu Wissenden einzuräumen wie der Literatur, der Geschichte oder der Mathematik. Wer nicht versteht, warum eine Brücke trägt, woher eine U-Bahn den Strom bekommt oder was die Einspritzpumpe für den Automotor tut, der geht in Wahrheit wie ein Fremder durch unsere Kultur. Er benutzt ihre Einrichtungen, ohne sie zu begreifen; etwa wie ein Wilder, der das Geldstück für eine Art Mohrrübe hält, mit der man Waren anlockt. Tatsächlich kann man mit dieser Art Missverständnis (das wie alle Missverständnisse auch eine Wahrheit enthält) durchaus durchs Leben kommen; aber gleichsam nur wie ein Sklave, niemals als Herr des Verfahrens.

Übrigens verzichtet die Unkenntnis auch auf das Vergnügen, das albern Misslungene (den elektrischen Dosenöffner) vom technisch Brillanten (dem legendären Fiat 500) zu unterscheiden; wie denn überhaupt die Ingenieurwissenschaften ihre kulturellen Höhepunkte und ihre Niederungen haben, ihren Mozart einerseits und ihren Lehár andererseits und schließlich auch ihren Karl Moik. Man denke nur an die Wege vom Schaufelrad zur Schiffsschraube, von der Turbine zum Strahltriebwerk und wie die Veränderung der Welt manchmal von einem einsamen österreichischen Bastler oder von einem törichten kleinen Rüstungsauftrag ihren Ausgang nimmt. Befreiung und Verstrickung der Menschheit sind in der Technik anwesend wie in der Philosophie und der Politik.

Technik ist keine Sphäre verminderter Geistigkeit; vielmehr ist es sogar so, dass am Ende lange gereifter Technologien noch einmal Glaubenskämpfe ausbrechen können, die ökonomische mit der eleganten Lösung kämpft, das Praktische mit dem Spektakulären. Ob man lieber langsam laufende Automotoren mit großem Hubraum oder hochdrehende mit kleinem hat, ist fast schon wieder eine Frage ästhetischer, manchmal nationalkultureller Präferenzen. Und wie Verleger manche Bücher verderben, indem sie aus Gründen der Verkäuflichkeit auf schwachsinnigen Titeln bestehen, so ächzen und seufzen auch die Ingenieure oft unter den Marketingabteilungen ihrer Firmen, die den entscheidenden Ausweg aus technischen Problemen gerne mit Verweis auf die Kundenpsychologie verbieten. So ist auch die Ingenieurskunst ein Schlachtfeld des Gesellschaftlichen wie alle anderen Künste; und zwar mittlerweile das mit Abstand größte. Man sollte seine Koordinaten kennen.

Wenn Sie mehr wissen wollen: Zu empfehlen ist der Besuch des Deutschen Museums in München oder des Deutschen Technikmuseums in Berlin