Der Blick des Passanten, der in diesen prachtvollen, klirrend kalten Januartagen durch die Wiener Innenstadt schlendert und dabei den Kohlmarkt passiert, wird an den Schaufenstern des k.k. Hofzuckerbäckers Demel buchstäblich kleben bleiben – an diesem zuckerversüßten Zerrspiegel der österreichischen Aktualität. Zuckerguss und Schlagobers: So wird dem Österreicher alles erträglich – verdrängte Vergangenheit und gefahrvolle Zukunft, die Regierung und selbst die EU.

"Mein Gott, ist das süß!", entzückt sich eine ältere Dame im Pelz vor der Auslage der traditionsbewussten Konditorei. Denn dort dreht sich der Kanzler mit der Außenministerin in endlosem Wiener Walzer: beide aus Marzipan, liebevoll nachgebildet, der Kanzler noch dazu, wie herzig, als Mozart, mit weißer Zuckerperücke und in rotem Brokatgewand. Damit der Marzipan-Kanzler doch noch auf Augenhöhe komme mit seiner hoch gewachsenen Marzipan-Außenministerin, wurde er vom Konditor taktvoll auf ein Podest gestellt – eigentlich ist es eine Weltkugel aus Zuckerguss, auf der die Konturen eines Kontinents nachgebildet sind: Europa.

Kleine Männer haben mitunter Großes vor. Das lehrt uns die Geschichte. Auch vom österreichischen Bundeskanzler Wolfgang Schüssel wird gesagt, dass sich ein Mann von seinen Talenten und Ambitionen kaum damit begnügen könne, als Regierungschef einer kleinen Alpenrepublik in die Weltgeschichte einzugehen. Schüssel wolle eines Tages den Sprung wagen vom Ballhausplatz ins Berlaymont. So nämlich heißt der sternförmige EU-Glaspalast in Brüssel. Hier residiert bis zum Jahr 2009 José Manuel Barroso als Präsident der europäischen Kommission. Schüssel spekuliere darauf, dereinst Barrosos Nachfolge an der Spitze der EU-Kommission anzutreten, meinen die wie immer wohlinformierten Journalistenkollegen. "Schüssel", so konstatieren sie scharfsinnig, reime sich schließlich auf "Brüssel". Das Berlaymont wurde übrigens auf dem Grundstück eines früheren Frauenklosters errichtet. Schüssel, der sich gern zur Meditation in die Stille von Klöstern zurückzieht, könnte der spiritus loci des Berlaymont durchaus entsprechen.

Von den Österreichern, schreibt die Financial Times Deutschland, werde Wolfgang Schüssel als "abgehoben, ungeduldig und distanziert wahrgenommen". Dies erstaunt den Berichterstatter jenes Blattes, der sich nach der persönlichen Begegnung mit dem Kanzler "von seiner Intelligenz und bescheidenen Art beeindruckt" zeigt. Ob "dieser Mann" Europa "retten" könne, fragt pathetisch das deutsche Manager Magazin. Wolfgang Amadeus Schüssel titelt die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung und meint damit wohl weniger den Kanzler als barockes Wunderkind – sondern die glückliche Fügung, dass die EU-Präsidentschaft mit dem Mozartjahr zusammenfällt. Denn Österreich fühlt, ja definiert sich geradezu als Kulturnation. Und jene Fotomontage auf dem Titelblatt der Illustrierten News, auf welcher kürzlich der Kanzler mit Mozartperücke abgebildet war, müsste doch eigentlich die Herzen der Österreicher höher schlagen lassen.

Dem ist aber nicht so. Der österreichische Wähler würde zwar erneut für Schüssel als Kanzler optieren, wenn morgen gewählt würde. Aber er täte dies vor allem angesichts der wenig überzeugenden Alternativen. Er bringt Wolfgang Schüssel laut Meinungsumfragen zwar Achtung entgegen – aber kaum Sympathie.

Das Ausland mag Schüssels unterkühlte Sachlichkeit bewundern – im Inland macht man sie ihm als Gefühlskälte zum Vorwurf. Dass eine Gruppe von Germanisten in Graz nun doch noch den "Schweigekanzler" zum österreichischen "Wort des Jahres" gekürt und damit die "zurückhaltende Mitteilungsbereitschaft", ja "verbale Sparsamkeit" von Schüssel gewürdigt hat, spricht da eine deutliche Sprache: Mehr emotionales Engagement wäre gefordert, das richtige Wort im richtigen Moment. Dass der Kanzler beispielsweise zu den gelegentlichen Verbalexzessen seines Bündnispartners Jörg Haider kaum Worte fand, weder richtige noch falsche, noch überhaupt Worte gesucht hatte, werfen ihm seine Kritiker vor. Nicht zu Unrecht.