Dies ist eine Geschichte von Verwertungsketten, von Anarchie und Alltag, von frischen Gewohnheiten und alten Auswegen, von Mythen und Errettung. Besonders von Errettern. Denn als solche gelten seit einigen Monaten die Arctic Monkeys, ein Quartett aus der Nachbarschaft englischer Stahlkocher, die schon lange keinen Stahl mehr kochen. Aus Sheffield genauer gesagt, wo es exakt so trist ist, wie es sich für das britische Nichtlondon gehört. BILD

Sie sehen aus wie perspektivlose Jugendliche in Filmen von Ken Loach

Dort wächst er heran: Garagenrock, Post-Punk, New New Wave. Erst EMF, Oasis, Blur, dann The Hives, The Libertines, The White Stripes, jetzt Maximo Park, Kaiser Chiefs, Art Brut. Statt The-Bands jetzt Wortpaar-Titel. Als im Vorjahr die Gruppe mit dem blöden (vom Trash-Poeten John Cooper Clarke inspirierten) Namen Arctic Monkeys auf die Bühne trat, hallte mal wieder die Kunde von der nächsten großen britischen Band durch die Feuilletons. Die Arctic Monkeys zierten bereits vor ihrer ersten Platte das Cover des legendären New Musical Express (NME), sind der erfolgreichste Neueinsteiger in die britischen Singlecharts seit den Spice Girls und werden durch die Feuilletons gehetzt wie sonst nur Robbie Doherty.

Man muss sagen: wunderbarerweise. Denn das Herkunftsland der vier Jungs mit den flinken Gitarren und den spätpubertären Hautirritationen quoll im Vorjahr noch mehr als üblich über vor Neulingen. Der neue, härtere Britpop ist noch Grundschüler, und doch droht bereits qualitative Verknappung durch Überangebot. Die Newcomerliste des Genres 2005 liest sich wie ein musikalisches Nachschlagewerk. Deshalb ist es umso erstaunlicher, dass Alex, Jamie, Andy und Matt mit einem Debüt auf dem Kleinlabel Domino für Furore sorgen, wie zuvor nicht mal die im selben Haus erscheinenden Franz Ferdinand, geschweige denn die stets in einem Atemzug genannten The Jam. Der Grund ist vor allem – das ist zum Glück noch einer Erwähnung wert – die Musik. Gnadenlos schnell ohne zu übersteuern, Eins-zwei-drei-vier-Attacken, frei von der Rohheit des tempogleichen Hardrock, dazu eine Spielfreude, wie sie artverwandten Bands nicht einmal anzuhören ist, wenn sie wirklich herrscht. Wer ähnliche Energie sucht, dem seien am ehesten noch The Rakes empfohlen. Oder der Sampler The World Ain’t Round, It’s Square , Garagenpunk der Sechziger, aus einer Zeit, als Aufmüpfigkeit noch eine Haltung war. Wie damals üblich, klingen auch die Arctic Monkeys, als seien sie auf der Flucht, fänden dabei aber noch Zeit, sich die Umgebung anzusehen. Der Gesang liegt gern auf der rasanten Basslinie, und Alex Turner füllt sie mit einer Wortdichte, die nur einen Schluss zulässt: Er hat was zu erzählen.

Denn da stehen Musiker mit einer Arbeitervorstadtattitüde auf der Bühne, wie sie so authentisch zuletzt nur Stiff Little Fingers gezeigt haben. Schwer zu sagen, ob es echte Proletarierkinder sind, aber sie tragen ihre Lycra-Trainingsjacken und die Haarschnitte vom einzigen Friseur der Nachbarschaft mit Würde.

Die Arctic Monkeys sehen aus wie die perspektivlos stolzen Jugendlichen in Ken-Loach-Filmen, und in gewisser Weise liefern sie den Soundtrack dazu: ohne Pathos, ohne Jammern, Niederlagen können fröhlich sein und Outskirts voller Leben. Statt über Not und Elend singen sie wie echte Teenager lieber von Partys und Mädchen, halten sich jedoch von Ersteren fern, weil dort Letztere zu aufgedonnert sind, würden Letztere aber dennoch von Ersteren abschleppen, weil sie nun mal erst 19, 20 sind. Und wenn Turner in einer Ballade aus dem Riot Van genannten Polizeitransporter für Randalierer berichtet, klingt es, als hätte er darin recht unterhaltsame Stunden erlebt.

Das würde zur Mythenbildung passen, die sich heutzutage um viele Bands rankt, die rasch nach oben wollen. Drummer Matt Helders soll es zum Beispiel in nur drei Jahren zu seiner heutigen Virtuosität gebracht haben. Alex Turner und Jamie Cook besitzen ihre Gitarren angeblich kaum länger. Und Bassist Andy Nicholson kellnert. Der Albumtitel Whatever People Say I Am, That’s What I’m Not ist Programm. Dass alles so aggressiv klänge, meint Jamie Cook, läge daran, "dass wir noch keine allzu guten Musiker sind". Als bräuchten die vier Hochgeschwindigkeitsrocker für ihre hübschen Melodielinien einen Anfängerbonus. Und als hätten sie tatsächlich – wie kolportiert – mehrere große Titelstorys sausen lassen, weil sie noch nicht so viel zu erzählen haben. Mal ehrlich: Wer in diesem Business nichts zu erzählen hat, verwendet doch in 13 Songs öfter als nur einmal (!) fuck und benutzt als übelste Beschimpfung nicht bloß das Wörtchen swine.

Erst kommt der Internet-Auftritt, dann die Bühnenkarriere