Es ist noch nicht lange her, da hatte Hamburg in seinem Volkspark ein Stadion, das naheliegenderweise Volksparkstadion hieß. Heute heißt es AOL Arena. Was ist geschehen? Hat der Fußballverein, der dort zu Hause ist, das alte Stadion abgerissen und die Firma AOL ihm ein neues gebaut? Keineswegs. Der HSV hat nur den Namen verkauft. Er hat beschlossen, ein Stück Tradition als Werbefläche preiszugeben. Der Hamburger Club steht damit längst nicht mehr alleine. Ein Dutzend Vereine haben die Namen ihrer Stadien an Firmen verkauft, zuletzt verwandelte Borussia Dortmund sein Westfalenstadion in einen Signal Iduna Park.

Das Hamburger Beispiel hat aber eine besondere Symbolik, die darin besteht, dass hier das Volk aus dem Namen vertrieben und durch ein Privatunternehmen ersetzt wurde. Und in der Tat ist in der Rechnung des HSV mit dem Medienkonzern ein dritter Vertragspartner enthalten, der freilich für die erwartete Leistung kein Geld bekam und auch nicht gefragt wurde: der Bürger, der in Zukunft nur noch von der AOL Arena sprechen sollte. Und AOL wollte sich keineswegs mit der bloßen Hoffnung darauf zufrieden geben. Der Vertrag enthält eine Klausel, wonach der HSV nur dann die volle Summe bekommt, wenn der neue Name oft genug in den Medien fällt.

Die Privatisierung geht bis zur Enteignung der öffentlichen Rede

Streng genommen wurde hier ein Vertrag zulasten Dritter geschlossen, also etwas, das allen gesetzlichen Grundsätzen zuwiderläuft. Man stelle sich vor, Herr Müller schlösse mit Herrn Maier einen Vertrag, der einen ahnungslosen Herrn Schulze dazu verpflichtet, nur noch rote Pullover zu tragen. Was würde Herr Schulze dazu wohl sagen? Tatsächlich haben HSV und AOL jeden einzelnen Bürger zur Leistung einer Gehirnwäsche, zur Tilgung und Neucodierung seines persönlichen Stadtlexikons verpflichtet. Wäre nicht der Staat aufgerufen, das öffentliche Gut der freien Rede gegen die räuberische Privatisierung zu verteidigen?

Nun wird freilich niemand zur Verwendung des neuen Namens gezwungen werden können. Heikel würde es erst, wenn eine städtische U-Bahn-Station AOL Arena heißen sollte. So weit ist es noch nicht; aber doch knapp davor. Denn schon hat sich die Stadt Frankfurt am Main, weit davon entfernt, den Bürger vor dem Verlust seiner semantischen Umwelt zu schützen, selbst an einer solchen Enteignung der Sprache beteiligt. Der Magistrat setzte seine Unterschrift unter einen Vertrag, der die Umbenennung des Waldstadions für zehn Jahre in Commerzbank Arena vorsieht.

In einer langen Kette von Privatisierungen gesellschaftlichen Eigentums war dies die bislang dreisteste. Privatisiert wurde zwar keine Immobilie in öffentlichem Besitz. Privatisiert, das heißt: dem Bürger enteignet, wurde aber die öffentliche Rede. Das Sprechen über das Waldstadion, Pardon: die Commerzbank Arena gehört nun nicht mehr dem Bürger, sondern einer Firma. Gerade weil es um keine großen Summen, sondern nur um die Modernisierung des Stadions ging, verrät der Verkauf die Enthemmung, mit der neuerdings Allgemeinbesitz preisgegeben wird. Man fragt sich, ob für ein paar Euro mehr sogar die Umbenennung der ganzen Stadt in Commerzbank-City drin gewesen wäre. Wolfsburg wurde ja schon für einige Tage in Golfsburg umgetauft.