Vor gut einem Jahr war Michael Kloss das letzte Mal im Kindergarten. Der 48-Jährige wollte sehen, wie die Kleinen spielen, wie sie buddeln und baggern. Er sah überarbeitete Erzieherinnen und Wände, von denen der Putz bröckelte. Jetzt sitzt Kloss in seinem Büro in Berlin und spricht von besserer Bildung schon für die Jüngsten. Er sagt: "Wer heute an den Kindern spart, wird morgen verarmen." Kloss ist Partner der Unternehmensberatung McKinsey. BILD

Ein Unternehmensberater? Der sich um Kindergärten kümmern will? Man kann sich die Reaktionen darauf schon vorstellen. So weit also ist es in Deutschland gekommen! Nicht einmal vor den Kleinsten macht der Kapitalismus Halt!

Oder kann es sein, dass ein Unternehmen wie McKinsey sich auch deshalb für bessere Kindergärten einsetzen will, weil der Staat versagt? In schöner Regelmäßigkeit betonen Politiker aller Parteien, wie wichtig gute Schulen seien und welche Bedeutung die frühkindliche Bildung habe – für alles, was später folge. Doch in der Realität passiert viel zu wenig.

Jüngstes Beispiel: die Debatte um kostenlose Kindergartenplätze. Familienministerin Ursula von der Leyen fordert die Abschaffung der Kita-Gebühren, damit wirklich alle Kinder in den Kindergarten gehen. Die SPD geißelt die Idee als Wahlkampfgeklapper vor den drei Landtagswahlen im März. Und die Kämmerer in den Kommunen verweisen kühl auf ihre Kassenlage: Unbezahlbar!

Es ist wie immer. Der Widerspruch zerstört die Idee.

Dabei ist spätestens seit den Pisa-Studien klar, wie krank Deutschlands Bildungssystem ist. Wenn es ums Lesen geht, um Mathematik oder Naturwissenschaften, stehen deutsche Jugendliche, international gesehen, schlecht da. Schlimmer noch: Fast in keinem entwickelten Land der Welt ist es für Kinder aus sozial schwachen Familien so schwer, über die Schule die Chance auf ein besseres Leben zu bekommen. Wer als deutscher Schüler arm war, bleibt auch als Erwachsener arm.

Bildung sei der Schlüssel zum Aufstieg, lautete einmal das Versprechen. In Deutschland wird dieses Versprechen gebrochen, für Zehntausende Kinder, jeden Tag aufs Neue.

In einer Großstadt wie Hamburg ist jedes fünfte Kind nicht reif für die Schule. In den sozial schwachen Gebieten der Stadt sprechen bis zu 95 Prozent der Vierjährigen schlecht oder gar kein Deutsch.

Bundesweit verlässt fast jeder zehnte Jugendliche die Schule ohne Abschluss.

Jedes Jahr sind 400000 junge Menschen am Ende ihrer Schulzeit nicht in der Lage, richtig zu lesen, zu schreiben und zu rechnen.

Vier Millionen Deutsche sind Analphabeten.

Schon der Blick auf die Arbeitslosenstatistik zeigt: Wer ungebildet ist, hat kaum Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Und Bildung entscheidet auch über die Chancen der ganzen Volkswirtschaft. Tendenziell gilt: Die Wachstumsraten der Länder, in denen gut gelernt und gut gelehrt wird, sind höher.

Mehr als 100 Milliarden Euro gibt die Republik jedes Jahr für Bildung aus. Doch viel Geld verpufft. 3,7 Milliarden Euro jährlich muss die Bundesagentur für Arbeit aufwenden, um junge Menschen fit für den Arbeitsmarkt zu machen. 4,6 Milliarden Euro im Jahr zahlen Deutschlands Eltern, damit ihre Kinder privat lernen, was ihnen die Schule nicht beibringt. Es ist eine gigantische Ineffizienz.

Also mehr Geld für Bildung? Einerseits ja. Kindergärten, Schulen und Unis brauchen zusätzliche Mittel. Andererseits: "Wenn wir nur Geld reinpumpen und nichts verändern, versickert das", sagt der Essener Wissenschaftler Klaus Klemm, einer der renommiertesten deutschen Bildungsforscher. Angesichts knapper Kassen geht es im Bildungswesen auch um mehr Effizienz, um Wettbewerb, kurz: um ökonomische Prinzipien.

"Bildung macht die Wirtschaft stark", sagt McKinsey-Mann Kloss. "Aber auch die Wirtschaft kann noch mehr für Bildung tun."

Deutschland in den fünfziger und sechziger Jahren: Die Wirtschaft brummt, die Wachstumsraten liegen um die sechs oder sieben Prozent.