Bildung Der Wohlstand von morgenSeite 4/4
Deshalb geht es nicht nur darum, die Schulen zu verbessern. Langfristig erfolgreich kann Bildung in Deutschland nur sein, wenn sie ganz früh beginnt – schon in den ersten Lebensjahren. Auch da patzt die Republik. Kaum ein anderer Staat gibt für die frühkindliche Betreuung so wenig aus wie Deutschland. Nur 75 Prozent der Kosten übernimmt der Staat. In Frankreich sind es 96 Prozent, in den Niederlanden 99 Prozent und in Schweden 100 Prozent.
Wenn der vierjährige Jonas zum Wasserhahn rennt und das Wasser einfach laufen lässt, wenn er minutenlang einen Becher füllt und wieder ausgießt, dann hält ihn niemand davon ab. Keine Erzieherin holt Jonas zurück in die Gruppe, keine Kindergärtnerin schimpft über die Wasserverschwendung. Im Kinder- und Familienzentrum Schillerstraße im Berliner Stadtteil Charlottenburg gilt ein Junge wie Jonas nicht als Störenfried. Er gilt als interessiert – und wird deswegen gefördert.
»Bildung im Kindergarten hat nichts damit zu tun, die Kinder mit Wissen voll zu stopfen, sondern ihre Stärken und Kompetenzen zu erkennen und individuell zu fördern«, sagt Kita-Leiterin Renate Müller. Die Erzieherinnen beobachten, wie und womit sich die Kinder beschäftigen, sie beantworten ihre Fragen, geben Anregungen. Sie lassen die Kinder forschen und experimentieren. Und wenn Jonas Becher füllt, schult er spielerisch sein Verständnis von Mengen und Größen. Er lernt Mathematik.
800.000 Euro hat die Stiftung des Unternehmers Heinz Dürr gegeben, um das Modellprojekt in der Schillerstraße zu finanzieren. Nur mit diesem Geld war es möglich, ein Kinder- und Familienzentrum zu organisieren, das ganz anders funktioniert: nach dem Vorbild der britischen Early Excellence Centres. Mehrere Erzieherinnen widmen sich an bestimmten Tagen bestimmten Kindern, sie beobachten sie, filmen sie, machen sich Notizen. Später beraten sie, wie sie jedes Kind fördern können.
In einer normalen deutschen Kita sind die Erzieherinnen dafür nicht ausgebildet – oder sie haben keine Zeit.
Wie wichtig frühkindliche Förderung ist, zeigt eine ganze Reihe von Studien. Seit 1962 verfolgen US-Forscher in der Stadt Ypsilanti im Bundesstaat Michigan das Leben einer Gruppe Amerikaner, die aus sozial schlechten Verhältnissen stammen. Jene, die als Drei- und Vierjährige gefördert wurden, haben es öfter bis zum High-School-Abschluss geschafft, sie waren seltener arbeitslos, und sie verdienen heute mehr. Aber in Deutschland? In Deutschland fehlen Krippen- und Kindergartenplätze.
Schon 2004 forderte der Sachverständigenrat denn auch den »Ausbau eines kostenlosen, aber auch verpflichtenden Förder- und Betreuungsangebots im Vorschulbereich«. Alle Eltern – die sozial schwachen wie die sozial starken – müssten ihre Kinder also in den Kindergarten schicken. Natürlich wäre das teuer: McKinsey hat ausgerechnet, dass es 2,1 Milliarden Euro kosten würde, das Angebot an Tagesbetreuungsplätzen auf 25 Prozent zu erhöhen. Noch einmal 2,6 Milliarden Euro jährlich würde die bessere Ausbildung der Erzieher kosten.
Zu teuer? Zum Vergleich: Allein 2,1 Milliarden Euro ließ sich die Republik im Jahr 2005 die Subventionierung der Steinkohle kosten.
»Über Bildung wird in Deutschland nur unter dem Kostenaspekt diskutiert«, klagt McKinsey-Partner Kloss, »viel zu selten geht es um die Chancen.« Diese Kritik richtet sich an die Politik – aber auch an die Wirtschaft: Mehr als bisher könnten Unternehmen Betriebskindergärten einrichten oder Patenschaften für Kitas übernehmen. Handwerksbetriebe könnten Maler oder Tischler in die Kindergärten schicken, um die Neugier der Kinder zu wecken. Biologen und Chemiker aus den Forschungsabteilungen der Konzerne könnten die Fragen der Kleinen beantworten. In Frankreich heißt das la main à la pâte: Ein Netzwerk aus Naturwissenschaftlern legt Hand an und hilft den Pädagogen.
In Deutschland startet McKinsey gerade eine Initiative für 50 Kindergärten in Berlin und im Rhein-Neckar-Raum. Michael Kloss wirbt bei den Unternehmen vor Ort um Geld. Und immer wieder hört er einen Satz: Wir würden ja was geben – aber was ist eigentlich mit der Politik?
Klar ist: Selbst wenn jetzt sofort umgesteuert würde, wären die Auswirkungen einer Bildungsreform und höherer Bildungsausgaben erst langfristig spürbar. Aber schon nach einer Generation, so der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Eric Hanushek, »bringt die Verbesserung der Bildungsqualität einen solchen Gewinn, dass alle zusätzlichen Ausgaben problemlos bezahlt werden können«. Eine Schweizer Studie hat festgestellt, dass für einen Euro, der in die Frühförderung und Ganztagsbetreuung investiert wird, die Gesellschaft auf Dauer drei bis vier Euro zurückbekommt. Und: Mehr Geld für frühkindliche Bildung schafft mehr Jobs für Erzieher. »Es könnten Tausende neuer Beschäftigungsverhältnisse entstehen«, sagt HWWI-Präsident Straubhaar. »Diese Stellen wären auch nicht durch Verlagerung bedroht. Den Kindergarten braucht man schließlich vor Ort.« Und natürlich auch die Schulen und Hochschulen.
Es geht also gar nicht darum, ob Deutschland heute genug Geld für Bildung hat. Es geht darum, wie viel das Land morgen verdienen will.
Mitarbeit: Thomas Kerstan
- Datum 26.01.2006 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT 26.01.2006 Nr.5
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dann dürfen die Universitäten keine Patente halten. Wenn dies geändert werden würde, dann gäbe es keine Finanzierungsprobleme mehr.
Ein Ausschnitt aus dem Niedersächsischen Schulgesetz:
Die Schülerinnen und Schüler sollen fähig werden,
* die Grundrechte für sich und jeden anderen wirksam werden zu lassen, die sich daraus ergebende staatsbürgerliche Verantwortung zu verstehen und zur demokratischen Gestaltung der Gesellschaft beizutragen,
* nach ethischen Grundsätzen zu handeln sowie religiöse und kulturelle Werte zu erkennen und zu achten,
* ihre Beziehungen zu anderen Menschen nach den Grundsätzen der Gerechtigkeit, der Solidarität und der Toleranz sowie der Gleichberechtigung der Geschlechter zu gestalten,
* den Gedanken der Völkerverständigung, insbesondere die Idee einer gemeinsamen Zukunft der europäischen Völker, zu erfassen und zu unterstützen und mit Menschen anderer Nationen und Kulturkreise zusammenzuleben,
* ökonomische und ökologische Zusammenhänge zu erfassen,
* für die Erhaltung der Umwelt Verantwortung zu tragen und gesundheitsbewusst zu leben,
* Konflikte vernunftgemäß zu lösen, aber auch Konflikte zu ertragen,
* sich umfassend zu informieren und die Informationen kritisch zu nutzen,
* ihre Wahrnehmungs- und Empfindungsmöglichkeiten sowie ihre Ausdrucksmöglichkeiten unter Einschluss der bedeutsamen jeweiligen regionalen Ausformung des Niederdeutschen oder des Friesischen zu entfalten,
* sich im Berufsleben zu behaupten und das soziale Leben verantwortlich mitzugestalten.
War das nicht vor einigen Hundert Jahren auch mal ein Teil der Idee von dem, was Bildung sein sollte? Dieser Anteil jenseits von "human resource" wird kategorisch aus der Debatte ausgeblendet, um weiterhin die Lösung aller Probleme dem Fortschrittsmythos in die Hände zu legen. Ein gewisser Wohlstand und somit Aus-bildung ist zwar notwendige, nicht jedoch hinreichende Bedingung dafür, dass Menschen nicht bloß zu Arbeitskräften, sondern vielleicht sogar zu mündigen Bürgern mit politischem Interesse werden können. Mir stellt sich die Frage, wie stark dieses Interesse von Unternehmensberatungen verfolgt wird und werden kann, welche sich an den Umbau unseres Schulsystems machen. Brauchen wir noch mehr Wettbewerb, Konkurrenz und somit Angst keinen Job bekommen zu können in den Schulen? Mir scheint es nicht so, als ob es daran in der schulischen Ist-Realität mangeln würde. Das Problem der Verwahrlosung ganzer Schulen und die geringen Aussichten auf einen sicheren Arbeitsplatz untergraben das "Versprechen", welches unser Schulsystem dem einzelnen Schüler macht systematisch und es wird nicht durch eine effizientere Nutzung der Bildungsressourcen allein gelöst werden können.
Vermutlich wird der geneigte Leser mir jetzt Sozialromantik vorwerfen wollen; doch lese ich limmernoch lieber Kant und Herder als nur den Jahresabschlussbericht von Bertelsmann und McKinsey...
Die Wirtschaft soll dafuer zahlen dass die Bildungs-Misere an Kindergaerten und Schule behoben wird.In der Theorie ist das zwar richtig aber man wird kaum Geld von der Wirtschaft bekommen wenn die Investition nicht an bestimmte Punkte verbunden werden kann -Abschreibungen von Investitionen wird gefordert werden.Eltern sollten aber auch bereit sein fuer die Ausbildung ihrer Kinder Opfer zu bringen es ist doch auch oft die Gleichgueltigkeit der Eltern die mit Schuld an der Misere ist.Z.B.USA gibt es viele Beispiele ueber Involvement von Industrie und Wirtschaft in den Schulen aber nur weil die Wirtschaft davon schon von Anfang an profitierete und nicht erst als die Kinder mit der Schule fertig waren.
Es ist mir bei all den Debatten um Bildung immer wieder aufs neue unverständlich, warum man nicht nüchtern und rational vorgeht. D,h. Ziele formuliert was müsste schule oder Kindergarten auf jeden Fall bereitstellen sprich: was braucht das Kind, um für Beruf und das Leben in einer demokratischen, hochkomplexen Gesellschaft und für seine persönliche Entwicklung. Welchen Part übernimmt Schule, welchen Elternhaus etc. (Wo muss Ausgleich geschaffen werden, welche Unterstützung brauchen Eltern?) etc. , betrachte funktionierende Modelle von Schule die hierzulande teils als Modelle ein viel zu wenig beachtetes Dasein fristen teils in der ganz normalen Regelschule praktiziert werden und Berücksichtigung der pädagogischen und psychologischen Forschung zum Lernen und zur Entwicklung von Kindern und entwickle daraus unter Berücksichtigung der vorhanden Ressourcen zusammen mit den Beteiligten (nicht über die Köpfe der Lehrer hinweg) Konzepte.
Das ist natürlich extrem idealtypisch Gegenargumente fänden sich stapelweise: Die Strukturen und die Lehrer und die Eltern und die Politiker usw.
Aber das irritierende, es wird nicht versucht. Es ist ein einzige Viele Köche (inklusive dem hessischen Koch) verderben den Brei. Jeder fühlt sich berufen mit guten und mit schlechten Ideen aber wie richtig bemerkt, was übrig bleibt ist nicht selten zufällig, möglicherweise schlecht eingepasst, wird nicht weiter aufgegriffen etc. Zu keiner anderen Institution glaubt jeder ein begründetes Urteil zu haben wie bei Schule, an keiner anderen zerren so viele unterschiedlichen Kräfte und Interessen.
Gegen Unternehmensberatung als neuste Mitmischer dann ein Einwand, wenn diese wie es ja in ihrem originärem Geschäft der Unternehmensberatung auch das eine oder andere mal nicht das nötige Augenmaß haben, wenn es um Veränderung geht. Also Konzepte übergestülpt werden ohne die Bedingungen der zu beratenden Organisation genügend zu berücksichtigen und wesentliche Instanzen in ausreichendem Maße mit einzubeziehen und deren Erfahrungen nutzbar zu machen. Ansonsten als ein neuer anderer Blick auf Schule mit Sicherheit fruchtbar, aber nicht als ein Focus nicht der maßgebliche. Schule ist keine Schraubenfabrik, ihr Gegenstand ist Kommunikation und Persönlichkeitsentwicklung von Kindern und ein komplexer Raum. In Skandinavien hat man die Hierarchien verändert und den Pädagogen vor Ort mehr (echten) Raum gegeben. Das wird hierzulande einfach nicht verstanden.
Von Altmeister André Heller stammt die Liedzeile: "Die wahren Abenteuer sind im Kopf - und sind sie nicht in Deinem Kopf, dann sind sie nirgendwo".
Ersetzt man das Wort "Abenteuer" durch "Zukunftschancen", dann trifft das den Kern des Artikels.
Alles das was hier an Problemen aufgezeigt wurde, ist schon seit vielen Jahren bekannt - man hat nie was getan.
Wenn es eine Generation dauert, bis heutiges Handeln Früchte zeigt, dann sind das dreißig Jahre.
Was soll denn aus einem 17-jährigen werden, der nicht richtig rechnen/lesen/schreiben kann? Normalerweise sollte er noch 50 Jahre arbeiten!
Über die Industrie muß man sich am wenigsten Sorgen machen. Die wandert zur Not ein paar hundert Kilometer Richtung Osten ab.
Wenn man so lange gepennt hat, dann sollte man es wenigstens jetzt richtig machen.
Mein Vorschlag:
1. Ganztagskindergarten, mit Pflichteinweisung dann, wenn frühzeitig Sprachdefizite festgestellt werden. Diese kann man feststellen durch Regelungen wie in Finnland, wo Kleinstkinder halbjährlich umfassend vom Arzt untersucht werden.
2. Ganztagsschule mindestens über die Grundschulzeit hinaus.
Zusammengenommen hätte man dann ein Zeitfenster von immerhin 7 Jahren zwecks richtiger Edukation und Sozialisation.
Und man würde mit beiden Maßnahmen mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen:
Erstens eine bessere Integration von Migrantenkindern, und zweitens die Chance für doppel-berufstätige Paare und Alleinerzieher, mehr Kinder in die Welt zu setzen (besonders wertvoll hinsichtlich der Akademiker-Kaste).
Es würde teuer werden, aber die beiden Autoren haben recht: Jeder gut investierte Euro käme mehrfach wieder zurück.
Wenn überhaupt noch etwas zu retten ist, dann müssen unsere Politiker jetzt anfangen zu klotzen.
Die bisher diskutierten Maßnahmen in der Bildungs- und Familienpolitik reichen nicht aus.
ein guter Artikel zum Thema, aber auf die Gretchenfrage geht er nicht ein: wie finanzieren?
Um auf das Ausgabenniveau Finnlands zu kommen, müßte Deutschland seine Bildungsaufgaben um 50% erhöhen. Das wären 25 Milliarden Euro im Jahr. Woher nehmen? Theoretisch wäre die Bildung einer der wenigen Bereiche, wo eine Schuldenfinanzierung sogar Sinn ergibt. Praktisch stehen die Maastricht-Kriterien dem im Wege. Wir sind schon an der Schuldengrenze.
Das bedeuet: entweder muß irgendwo massiv gespart werden, ODER jemand muß zusätzlich bezahlen. Warum sagt mir kein Kommentator, kein Journalist, WO? Warum? Irgendwie scheint das Sache "der da oben" zu sein, der "Politiker". Tun sie es nicht, wird geschimpft. Tun sie es, erst recht- dann ist jede Steuererhöhung, jede Kürzung unsozial, ungerecht, jedenfalls unvertretbar. Sparen ja, aber doch nicht bei...!
Also, liebe Freunde: Tacheles reden! Ich mach mal den Anfang.
80 Milliarden (!) pumpen wir bereits heute jährlich aus dem allgemeinen Haushalt, also NEBEN den Beitragseinnahmen ins Rentensystem. Das sind mehr als 50%(!) der realen Steuereinnahmen. Und es ist mehr als das Dreifache dessen, was unser Bildungssystem zusätzlich benötigen würde. Keine Partei traut sich da heran -- immer wird so getan, als sei eine Rentenkürzung nur pauschal (anteilig für alle Rentner und Pensionäre) möglich und daher unzumutbar. Außerdem wird auf ein 35 Jahren das Verfassungsgerichts verwiesen, das solche "Ansprüche" für eigentumsrechtlich geschützt erklärte - auf einer längst überholten Basis.
Würden wir Renten und Pensionen als das werten, was sie sind - eine Leistung der heutigen Erwerbsgeneration an die Generation ihrer Eltern, die von diesen nicht durch eigene Ersparnisse und Rücklagen ("Beiträge"), sondern durch deren Investition in ihre Kinder "verdient" wurde - dann würden sich die Leistungen für viele Rentner und Pensionäre als irrsinnig teure Subvention entpuppen. Vor allem HOHE Renten (gerechnet auf die Einzelperson, also unter Berücksichtigung der Tatsache, daß Eltern sich oft eine Rente TEILEN)kommen heute nämlich meist kinderlosen Personen zugute.
Noch offensichtlicher (und der Hauptgrund für die DERZEITIGE Höhe des Bundeszuschusses) ist die Bewertung der Ex-DDR-Rentner. Hier hat man fiktive Entgeltpunkte nach dem Arbeitsleben der Betroffenen in der DDR-Zeit verteilt; und weil dort praktisch jeder "Arbeit" hatte (Männer wie Frauen, mit oder ohne Kinder), haben wir dort weit höhere Renten als im "Westen". Ironie dabei: die höheren Kosten kommen letztlich dadurch zustande, daß dort Eltern im Schnitt wenigstens DENSELBEN Rentenanspruch haben wie Kinderlose (statt, wie im Westen, pro Kopf einen deutlich geringeren).
Allein 21 Milliarden zahlt der BUnd jedes Jahr als angebliche "Beiträge für Kindererziehungszeiten" an die GRV. Fast der Betrag, den unser Bildungssystem bräuchte! Diese Zahlung ist ein gewaltiger Schwindel. Sie kommt in Wirklichkeit gar nicht den MÜttern zugute - die erhalten nicht mehr als ein hohles Versprechen, nämlich ein paar sog. Rentenpunkte, deren Wert in 30 Jahren gegen Null tendieren dürfte. Das Geld wird derweil benötigt und verwendet, um die HEUTIGEN RENTEN zu sichern - gäbe es keine "Erziehungszeiten", müßte man die Rentenbeiträge erhöhen oder die Renten kürzen.
Vorschlag I also: weg mit den Erziehungszeiten, das Geld komplett in den Bildungsbereich. Die dann unvermeidliche Debatte, wie wir jetzt das Loch in den Rentenkassen stopfen, nutzen wir für eine überfällige Umgestaltung des verlogenen Renten- und Pensionssystems.
Die sähe so aus: wir kürzen massiv die Renten Kinderloser (und anteilig Kinderarmer) in Ost und West. Sie mögen das Geld, das sie sich für Kindererziehung gespart haben, im ALter verbrauchen, sprich von ihren Rücklagen leben; erst, wenn die aufgebraucht sind, greift ergänzend die Sozialhilfe bzw. Grundsicherung. Gleichzeitig Kürzung der durchschnittlichen Ost-Rente auf Westniveau (bedeutet im Ergebnis einen Abschlag auf die Rentenpunkte, die für Zeiten vor 1990 gutgeschrieben werden).
Wenn wir auf diesem Wege den Bundeszuschuß auch nur halbieren (von den Milliardeneinsparungen bei Beamtenpensionen gar nicht zu reden), können wir gigantische 40 Milliarden Euro jährlich in unsere Kinder investieren. Vorwärts in die Zukunft, statt rückwärts an alte Leute, die es (siehe oben) oft gar nicht nötig haben - oder es versäumten, beizeiten in ihre Altersvorsorge (in Form von Kinder oder halt in Form von Ersparnissen) zu investieren. Auch, wenn sie dies im Vertrauen auf ein illusionäres Versprechen "des Staates" (=der von ihnen gewählten Politiker) getan haben.
Falls das nicht reicht, Vorschlag II: Einkommenssteuern erhöhen. Im Gegenzug realistische Freibeträge für Unterhaltspflichtige einführen (Familienrealsplitting). Ergebnis: relative Steuererhöhung für Kinderlose. Tja, Leute, JEMAND muss bezahlen. Ich sage: das sind die, die sich BISLANG bei der wichtigsten Zukunftsinvestition, nämlich der in unseren Nachwuchs, vornehm zurückgehalten haben.
Wer anderer Ansicht ist, der möge bitte an dieser Stelle konkret schreiben,
a) wo konkret (!!!) er die 25 Milliarden im Jahr sonst hernehmen will oder
b) daß wir uns ein besseres Bildungssystem halt nicht leisten können.
Die schockierenden Erkenntnisse der PISA-Studie sind Tatsachen, die schon lange bekannt waren. Das deutsche Bildungssystem begünstigt Menschen mit einem starken sozialem Hintergrund. Der Rest wird oftmals schon im Alter von 10 Jahren durch das dreigliedrige Schulsystem ausgesiebt. Und in dem Land, in dem ja die ¨frühkindliche Erziehung beinahe "erfunden" wurde (in den USA oder auch in Lateinamerika ist das deutsche Wort "Kindergarten" für diese Einrichtungen übernommen worden), gibt es nicht genügend Kita-Plätze. Die jüngste Exzellenz-Initiative, die unsere 10 Top-Unis ermitteln sollte, kann nicht über die Finanzmisere an den deutschen Hochschulen hinwegtäuschen oder auch über den Umstand, dass es in Deutschland immer noch zu wenige Akademiker gibt. Der Mikrokosmos Berlin z.B. veranschaulicht eine Entwicklung, die in weiten Teilen des Landes ähnlich verlief. Vor Knapp 15 Jahren gab es an den drei grossen Unis die doppelte Anzahl an Lehrkräften. Die Anzahl der Studierenden vervielfachte sich in der Zwischenzeit ebenfalls.
Die Kassen sind leer. So weit wissen wir alle Bescheid. Aber wir verharren lamentierend in diesem Zustand. Unsere politische Elite verläuft sich regelmässig in einem Wald der Versprechungen, aus dem kein Weg herausführt. Leider ist es nun einmal so, dass längst bekannt ist, was zu tun ist. Die Entscheidungsträger sind bedauerlicherweise nicht bereit, an einem Strang zu ziehen. Eine Grosse Koalition kann ohne die notwendige Ernsthaftigkeit in der Sache, d.h. sinnvolle und realistische Vorschläge zu unterbreiten, überhaupt keinen positiven Effekt ausüben. Deutschland ist ein Land, das auch für eine Grosse Koalition zu gross ist. Darüber hinaus kann es den heutigen Politikern und Entscheidungsträgern in Wirtschaft und Gesellschaft völlig egal sein, was morgen sein wird. Aber: Familien- und Bildungspolitik sind die Felder, die den Fortbestand einer Gesellschaft wie der deutschen sichern. Eine Mammut-Aufgabe und nichts für Legislaturperioden. Überforderung ist das Ergebniss von kurzfristigem Denken und Handeln.
...zum Schulgesetz:
Wieviele Millionen Kilometer sind viele Abgänger des Niedersächsischen Schulsystems von diesem Anspruch entfernt?
Sind jetzt die Schulabgänger oder die Lehrer oder die Schulpolitiker die haftenden Gesetzesbrecher?
Gesetz ist schließlich Gesetz, oder?
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